Die These meines Vortrages lautet:

Mit Hilfe der kognitiven Mediationstheorie lässt sich jeder Schritt in der Mediation herleiten und planen. Die Theorie ist in das Konzept der integrierten Mediation eingeflossen und ein Garant für eine hochwertige und vielseitige Verwendung der Mediation.

Mein Name ist Arthur Trossen. Ich habe die Theorie aus den Erfahrungen der integrierten Mediation heraus entwickelt, weil es mir als Ausbilder, Anwender und Forscher wichtig war, die Grenzen der Mediation auszuloten und ihre Funktionalität genau zu definieren. Ich möchte meine Überlegungen kurz vorstellen und hoffe, dass sich darüber ein wissenschaftlicher Diskurs ergibt.

Wissenschaftliche Grundlagen der Mediation

Wer sich nach dem wissenschaftlichen Hintergrund oder nach der Theorie hinter der Mediation erkundigt, wird auf das Harvard-Konzept verwiesen. Das Harvard- Konzept ist eine Studie über das Verhandeln, das sich selbst als sachgerechtes Verhandeln bezeichnet. Auch wenn seine Prinzipien in die Mediation eingeflossen sind, ist es keine Theorie zur Mediation.

Es gibt weitere Theorien, die in der Mediation eine Rolle spielen. Z.B. das Konsensprinzip, die Konflikttheorie, die Kommunikationstheorie, die Systemtheorie und viele andere. Auch bei diesen Herleitungen handelt es sich aber nicht um Erklärungsversuche der Mediation, auch wenn die Theoriefragmente einzelne, in der Mediation vorkommende Phänomene erklären können.

Auf der Suche nach einer wissenschaftlichen Herleitung, ist die kognitive Mediationstheorie nach meinen Recherchen der bisher einzige Ansatz, der die Mediation in ihrer gesamten Funktionalität beschreiben kann.

Mediation als Erkenntnisprozess

Die kognitive Mediationstheorie geht davon aus, dass die Parteien einen Erkenntnisgewinn erfahren müssen, wenn sie zu Beginn des Verfahrens nicht in der Lage sind, selbst eine Lösung zu finden, wohl aber an seinem Ende. Es muss also eine auf Erkenntnissen basierende Veränderung stattfinden, wenn sie plötzlich dazu befähigt werden. Die Mediation beschreibt, welche Erkenntnisse wie herbeizuführen sind, damit dies gelingt.

Der Ausgangspunkt

Weil die Parteien die Lösung finden sollen, kommt die Frage auf, wie sich der dazu führende Erkenntnisprozess verwirklicht, wenn der Mediator nicht entscheidet, wenn er nur sehr eingeschränkt berät und wenn er auch keine lösungsvorgebenden Vorschläge unterbreitet?

Ist es nicht so, dass die Parteien denken müssen, um den Erkenntnisgewinn zu erzielen und nicht der Mediator? In den Ausbildungen legen wir großen Wert darauf, dass der Mediator aufhört, an Lösungen zu denken. Woran aber soll er denken, wenn die Erkenntnislast bei den Parteien liegt?

Die Überlegung zeigt, dass das Denken in der Mediation eine wichtige Rolle spielt. Das Denken ist ein Teil der Kognition, die jedoch auch die Informationserfassung, ihre Verarbeitung und ihre Weiterleitung im Blick hat. Die wissenschaftliche Herleitung der Mediation, die diesen Vorgang beschreibt und untersucht, wird als die kognitive Mediationstheorie bezeichnet.

Die kognitive Mediationstheorie

Die kognitive Mediationstheorie will die Antwort auf die Frage liefern, wo und wie sich das Denken in der Mediation wiederfindet. Sie geht davon aus, dass die Mediation eine Verstehensvermittlung ist. Sie unterscheidet sich von der Schlichtung, die eine Lösungsvermittlung darstellt. Die genaue Abgrenzung der Verfahren ergibt sich aus einer Verfahrenssystematik, die die integrierte Mediation entwickelt hat und auf die hier nicht näher eingegangen werden soll.

Wenn in der Mediation allerdings das Verstehen im Vordergrund steht, muss die Theorie sich damit auseinandersetzen, was zu verstehen ist, wie das wechselseitige Verstehen ermöglicht wird und was die Mediation dazu beiträgt, dass die Gedanken der Parteien die gemeinsame Suche und das Finden nach einer konstruktiven und nachhaltigen Lösung ermöglichen. Die Auseinandersetzung mit dem Verstehensprozess wirkt sich nicht nur auf die Qualität der Mediation aus. Sie gibt auch Hinweise, wie die Mediation anzuwenden und zu vermarkten ist. Darauf ist jedoch an anderer Stelle einzugehen.

Zur Einführung in die kognitive Mediationstheorie werde ich auf folgende Kapitel eingehen:

  1. Die Herausforderungen, die dem konstruktiven Gedankengang im Wege stehen.
  2. Die Grundlagen, um die Herausforderungen annehmen und bewältigen zu können.
  3. Die Mediationslogik, die zu einem folgerichtigen Denken in der Mediation führt.
  4. Die Montageanleitung, mit der sich die Elemente der Mediation identifizierten und verarbeiten lassen.
  5. Der Operator, der die Formel zur Bewältigung der Mediation und der damit einhergehenden Komplexität ergibt.
  6. Die Konsequenzen aus der Verwendung der Theorie.

Kapitel 1: Herausforderungen

Um den Prozess der Verstehensvermittlung beschreiben zu können und um herauszufinden, was die Mediation wie dazu beitragen kann, dass die Gedanken der Parteien die gemeinsame Suche und das Finden einer konstruktiven, nachhaltigen Lösung ermöglichen, muss sich die Theorie zunächst mit der Frage auseinandersetzen, was die Parteien daran hindert, die Gedanken selbst zu entwickeln. Damit richtet sich der Blick auf die Hindernisse, die es den Parteien so schwer machen, eine Lösung zu finden. Der Mediator muss verstehen, wie er die Mediation nutzen kann, um diese Hindernisse zu überwinden.

Die grundlegenden Hindernisse, die den kooperativen Prozess der Lösungsfindung erschweren, sind:

  1. Die Komplexität, die sich auf das Verfahren und den Fall erstreckt.
  2. Das Denken, dass die Parteien üblicherweise aus kontroversen Positionen linear in das Problem hineinlenkt.
  3. Der Fokus, der das Denken in die Positionen hinein oder in Lösungen führt.
  4. Die Reflexion, die zur Erkenntnis führt, aber im Konflikt oft nur eingeschränkt möglich ist.
  5. Die Strategie, die zu einem Denken im Nullsummenspiel führt und eine Konfrontation nahe legt.
  6. Die Interaktionen, die auf einer selektiven Wahrnehmung und einer aggressiven Kommunikation beruhen und schließlich,
  7. die sonstigen Einflüsse, die den Erkenntnisprozess der Parteien beeinflussen.

Überlegen Sie bitte selbst, wie die Mediation mit diesen Hindernissen umgeht. Haben sie sich in ihrer Ausbildung mit diesen Fragen auseinandergesetzt und eine Formel gefunden, wie die Mediation mit der sich daraus ergebenden Komplexität umgeht?

Die Komplexität

Wenn ich in den Trainings die Frage stelle, was das wichtigste Wort ist, das die Mediation kennzeichnet, wird das Einvernehmen herausgestellt. Für mich ist inzwischen das wichtigste Kennzeichen der Mediation ihr Umgang mit der Komplexität. Gerade, wenn es darum geht, das Einvernehmen herzustellen, macht sich die Komplexität bemerkbar. Sie erlaubt Vorurteile und Selektionen, die abweichende Sichten der Parteien nicht nur ermöglichen, sondern auch nahelegen.

Wer sich näher mit der Mediation beschäftigt, wird zwangsläufig irgendwann auf die Frage stoßen, wie sich die Sichten verändern lassen, damit daraus eine konstruktive Lösung entsteht. Er wird den gegebenenfalls notwendigen Tiefgang der Mediation erkennen und die Vielzahl von Einflüssen, die die Mediation berücksichtigen muss, wenn sie den Parteien zu einem Erkenntnisgewinn verhelfen will.

Sie kennen den Schmetterlingseffekt, wo der Flügelschlag eines Schmetterlings in der anderen Hemisphäre der Welt einen Wirbelsturm auslöst. Die darauf basierende Chaostheorie besagt, dass kleinste Einflüsse verheerende Wirkung haben können. Sie geht davon aus, dass die Kausalität in komplexen Systemen nicht auf einer linearen, monokausalen Abfolge von Ereignissen basiert. Auch ein Konflikt und erst recht die Mediation unterliegen vielen Einflüssen, die den Prozess chaotisch verändern. Das macht es schwer, den Prozess zu beschreiben und erst recht ihn vorauszusehen.

Menschen neigen dazu, die Komplexität zu leugnen. Wenn sie sich der Komplexität stellen, versuchen sie sie zu reduzieren. Manchmal entstehen daraus Schwarzweißmalereien, mit denen sich die Entscheidungsprozesse auf vermeintlich einfache Entweder-oder Formeln reduzieren lassen. Auch zur Beschreibung der Mediation werden solche Simplifizierungen verwendet, die ich als falsche Mythen beschrieben habe. Irreführend ist zum Beispiel die Aussage, dass der Mediator für das Verfahren verantwortlich sei, die Parteien jedoch für die Lösung. Wer genau hinschaut wird erkennen, dass die Verantwortung geteilt wird. Die geteilte Verantwortung ist notwendig, um den kognitiven Prozess zu bewältigen.

Leider muss sich ein Mediator, wenn er diese Behauptung und die Mediation wirklich verstehen will, mit der Komplexität auseinandersetzen. Ich gehe später noch darauf ein, wie ihm das mithilfe der Mediation gelingt.

Das Streitkontinuum

Die Praxis versucht die Komplexität zu bewältigen, indem sie sie reduziert. Die Reduktion der Komplexität beginnt schon bei der Ausrichtung der Verfahren. Sie wirkt sich auf die Bearbeitungstiefe aus. Um die jeweilige Bearbeitungstiefe auszuloten, stellt das sogenannte Streitkontinuum eine wirkungsvolle Veranschaulichung zur Verfügung. Die Ausdehnung des Streits lässt sich mit den Dimensionen Fakten, Emotionen, Positionen, Interessen und gegebenenfalls einer fünften Dimension, der Zeit bestimmen. Die Verortung des Gerichtsverfahrens oder der Therapie in diesem Kontinuum zeigt, dass diese Verfahren gar nicht darauf angelegt sind, alle Dimensionen des Streites zu erfassen.

Wo ist die Mediation in diesem Kontinuum zu verorten? Wenn sie die Komplexität bewältigen will, muss sie alle Dimensionen des Streitkontinuums abdecken.

Reduktionen

Mehr noch als die Vorgabe des Verfahrens trägt die Methode (in der Sprache der integrierten Mediation sind es die Techniken) dazu bei, die Komplexität zu reduzieren. Juristen beispielsweise verwenden dafür die Subsumtion. Die Subsumtion vergleicht den realen Lebenssachverhalt mit einem normierten Sachverhalt, um daraus die Rechtsfolge abzuleiten, aus der sich die Lösung ergibt. Die Lösung ergibt sich also nicht aus den Vorstellungen der Parteien sondern aus denen des Gesetzes.

Die Mediation kann sich besser auf die Vorstellung der Parteien einlassen. Aber auch sie soll die Komplexität durch die Struktur reduzieren. Abgesehen von der Struktur des Verfahrens, soll die Themensammlung dazu beitragen, den Fall zu strukturieren. Die Frage ist nicht nur ob diese Reduktion gewollt ist, sondern auch ob sie ausreicht, um die Komplexität des Falles zu bewältigen. Letzteres wäre der Anspruch der integrierten Mediation, mit der sich nicht nur eine präzisere Verortung abbilden lässt. Wenn es gelingt die Komplexität zu bewältigen, stellt die Mediation ein Alleinstellungsmerkmal her, dass ich in einem anderen Verfahren kaum wiederfinden lässt. Die Technik, die dazu beiträgt, wird als Dimensionieren bezeichnet und später noch vorgestellt werden.

Denkrichtungen

Auch das Denken steht der Bewältigung der Komplexität im Wege. Das Denken ist wie die Kommunikation linear ausgerichtet. Das lineare Denken führt die Gedanken direkt in das Problem hinein. Es kommt zu dem von Einstein beschriebenen Phänomen, dass das Denken, das in ein Problem hinein führt nicht aus dem Problem herausführen kann. Auch Watzlawick hat nachgewiesen, dass das Problem bei dieser Art des Denkens stets Teil der Lösung sein wird.

Die Mediation muss also ein anderes Denken vorhalten, wenn Sie dieses Hindernis überwinden möchte.

Ein weiteres Handicap sind auch die einander gegenüberstehenden Parteien. Man könnte die Mediation als ein soziales Produkt beschreiben, weil sie sich nicht nur auf eine Partei konzentriert, sondern auf mehrere Menschen, die in den Konflikt involviert sind. Feindlich gesinnte Parteien neigen zu einem kontroversen Denken. Das Denken ist gegeneinander ausgerichtet und nicht miteinander. Die Mediation muss also auch Wege anbieten, die aus einem kontroversen Denken in ein paralleles Denken führen.

Fokus

Eine weitere Beeinträchtigung des Denkens ergibt sich aus der Zielvorgabe und dem darauf bezogenen Fokus. Im Gerichtsverfahren wird der Fokus auf das Ergebnis gerichtet, das wiederum auf die Positionen zurückgeführt wird. In der Schlichtung wird der Fokus auf die Lösung gerichtet, die ebenfalls auf die Positionen Bezug nimmt. Wenn die Mediation ein ergebnisoffenes Verfahren sein soll, muss sich der Fokus von der Lösung entfernen.

Reflexion

Das Denken wird durch die Reflexion ermöglicht, die wiederum eine Abstraktion erfordert. Die Fähigkeit zum abstrahieren wird im Konflikt eingeschränkt. Emotionen bekommen die Oberhand. Sie stehen dem rationalen Denken im Wege. Die einfache Formel lautet: je mehr Emotionen umso weniger Verstand. Wenn das limbische System die Kontrolle übernimmt, kann es zu irrationalen Reaktionen des Menschen kommen.

Andererseits haben Emotionen eine wichtige Bedeutung. Die Mediation muss also dafür sorgen, dass die Reflexionsfähigkeit trotz der Emotionen der durch das limbische systemgesteuerten Motivation hergestellt wird. Die Mediation ist ein verstandeskontrolliertes Verfahren. Also muss sie sich damit auseinandersetzen, wie der Verstand die Emotionen begreift und zur Lösungsfindung nutzen kann.

Strategie

Auch die strategischen Anforderungen des Verfahrens und nicht zuletzt die Konfliktstrategie der Parteien reduziert die Komplexität der Möglichkeiten. Die Konfliktevolution von Schwarz hat die strategischen Handlungsoptionen im Konflikt zusammengefasst. Ausschlaggebend ist die Erkenntnis, dass der Strategiewechsel immer erst dann stattfindet, wenn sich die geübte oder vorgestellte Konfliktstrategie als nicht erfolgreich erweist.

In Erweiterung der Strategie lassen sich die einzelnen Schritte in die Grundformen der Kooperation und der Konfrontation zusammenfassen. Auch ist davon auszugehen, dass der Mensch zunächst eine Kooperation versucht. Die Konfrontation belegt, dass er sie als nicht erfolgreich einschätzt. Somit wird bereits die Konfliktstrategie in ein sogenanntes Null-Summen-Spiel, bei dem der Gewinner immer nur auf Kosten des Verlierers gewinnt. Die Parteien geraten in einen Wettbewerb, den Fokus auf die Lösungsmenge verengt. Die Feindschaft wird also nicht nur durch den Konflikt, sondern auch durch die Konfliktlösungsstrategie gefördert. Wenn die Mediation eine einvernehmliche Lösung sucht, muss sie also strategische Voraussetzungen schaffen, die den Parteien eine Kooperation nahelegen.

Interaktion

Natürlich greift die Interaktion der Parteien die Vorurteile und Selektionen auf, für die sowohl das Verfahren wie auch der zu lösende Fall genügend Räume schafft. Wenn die Mediation als ein Verstehensprozess verstanden wird, muss sie sich also auch mit den Einschränkungen auseinandersetzen, die sich aus der Informationserfassung (also der Wahrnehmung) und der Information Weitergabe (also der Kommunikation) auseinandersetzen.

Jeder Mediator weiß, dass das sogenannte emphatisch Zuhören schon ein wichtiges Korrektiv für die Interaktionen abbildet. Es ist eine Technik, die die Mediation verwendet. Sie sollte nicht mit der Mediation gleichgesetzt werden. Auch wenn die Technik bereits eine enorme Wirkung entfaltet, genügt sie nicht, den Gedankengang der Parteien im Sinne der Mediation auszurichten und die zuvor beschriebenen Hindernisse zu überwinden.

Einflüsse

Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die hier aufgeführten grundlegenden Hindernisse nicht abschließend genannt sein können. Das Denken der Parteien unterliegt weiteren Einflüssen, die sowohl intrinsisch als auch extrinsisch veranlagt sein können. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass es ähnlich dem Schmetterlingseffekt weitere, durchaus auch kleinste Einflüsse gibt, die auf die Konfliktbewältigung Einfluss nehmen. Der Mediator sollte auch diese im Blick haben.

Kapitel 2: Grundlagen

Bei allen zuvor erwähnten Hindernissen wurde die Frage aufgeworfen, wie die Mediation damit umgeht. Ich will die Antwort nicht schuldig bleiben.

Sie werden herausfinden, dass der Versuch diese Frage zu beantworten zu unterschiedlichen Konzepten der Mediation führt. Deshalb möchte ich hier diese Frage aus dem Blickwinkel der integrierten Mediation beantworten. Sie hat ein auf der kognitiven Mediationstheorie basierendes Konzept entwickelt, das dazu in der Lage ist. Prüfen Sie bitte selbst, ob das Harvard Konzept oder die anderen Theoriefragmente eine in sich stimmige Antwort liefern können. Ich jedenfalls behaupte, dass das nicht der Fall ist.

Die integrierte Mediation konzentriert sich auf den kognitiven Prozess und darauf, wie es der Mediation gelingt, die Gedanken der Parteien aus dem durch die vorgenannten Hindernisse beschriebenen Korsett zu befreien. Sie findet in dem kognitiven Zugang den Schlüssel zum Verständnis der Mediation.

Wegbereitung

Die grundlegenden Hindernisse, die den Gedanken (übrigens nicht nur im Konflikt) im Wege stehen, wurden bereits angesprochen. Ihre Überwindung führt in die Grundlagen der kognitiven Mediationstheorie. Diese sollen im Nachfolgenden kurz vorgestellt werden.

Gedankenarbeit

Ausgangspunkt ist wieder die Anforderung, dass es die Parteien sind, die die Lösung finden sollen. Also müssen sie denken, um Erkenntnisgewinne zu erlangen. Aber was macht der Mediator?

Der flapsige Hinweis, dass der Mediator nicht denkt, aber versteht, bedarf wohl der Erläuterung. Denn um verstehen zu können, muss er ebenfalls den Verstand nutzen. Also denkt er auch. Allerdings drehen sich seine Gedanken ausschließlich um das Verstehen. Warum das so ist, hängt mit dem Verständnis der Mediation zusammen, das keineswegs eindeutig ist.

Verstehen

Für die integrierte Mediation ist die Verstehensanforderung an die Mediation durchaus eindeutig. Das ergibt sich aus der Abgrenzung zu anderen Verfahren. Sie liefert den Beleg dafür, dass die Mediation anders ist!

Die integrierte Mediation hat eine Verfahrenssystematik aufgestellt, die die Verfahren nach ihrem Charakter abgrenzt. Demnach ist die Schlichtung eine Lösungsvermittlung und die Mediation eine Verstehensvermittlung. Das Verstehen steht im Vordergrund. Es mag also neben der Komplexität als ein weiteres, wichtiges Merkmal der Mediation identifiziert werden.

Der Mediator weiß, dass das Verstehen durch den Prozess der Mediation ermöglicht wird. Er denkt deshalb nicht an die Lösung, sondern an die Prozessverwirklichung. Die Prozessorientierung ist weitestgehend unstreitig.

Wenn die Prozessverwirklichung jedoch den Zweck verfolgt, verstehen zu vermitteln, wird deutlich, dass sich der Prozess der Mediation nicht in der Verwirklichung der Phasen erschöpft. Zum Verstehen braucht es mehr als nur ein paar Phasen abzuwickeln. Die Mediation erwartet deshalb von dem Mediator, dass er darüber nachdenkt, wie die Parteien auf die Gedanken kommen können, mit denen die zur Lösung führenden Erkenntnisse möglich sind. Die Mediation weist ihm den Weg.

Die Darstellung der Hindernisse hat die Komplexität des Vorganges bereits angedeutet. Mithin muss sich der Mediator, um zu verstehen, auch Gedanken darüber machen, wie er mit der Komplexität umgeht.

Aus diesem Auftrag lässt sich ein Kompetenzmerkmal für den Mediator herleiten: Je mehr der Mediator versteht, umso mehr verstehen kann er vermitteln! Das Verstehen muss sich nicht nur darauf beziehen, was die Partei sagt und meint, sondern auch darauf, welche Erkenntnisse wie herbeizuführen sind, damit die Parteien zu einer übereinstimmenden Lösung finden.

Metaebene

Wir alles verstehen will muss alles im Blick haben. Um zu erkennen, was in den Blick zu nehmen ist und was zum Verstehen beiträgt, bedarf es der Reflexion. Die Reflexion erfordert eine Abstraktion die auf der Metaebene abzuwickeln ist. Erst die Metaebene erlaubt eine neutrale, unabhängige, bewertungsfreie Sicht auf das Geschehen. Sie steht im Konflikt nicht ohne weiteres zur Verfügung. Es ist also eine zentrale Aufgabe der Mediation, diese Ebene wieder zur Verfügung zu stellen.

Die systemische Sicht auf die Mediation kommt ihr dabei entgegen. Diese Sicht lässt sich auf die Systemtheorie zurückführen. Sie besagt unter anderem, dass Systeme in der Lage sind, einander zu beobachten. Die Mediation nutzt diese Kompetenz, indem sie eine systemische Trennung zwischen dem Mediator und den Parteien etabliert. Die systemische Trennung führt zu der Unterscheidung zwischen dem Streitsystem und dem
Mediationssystem.

Die Trennung der Systeme erlaubt es dem Mediator, sich außerhalb des Streitsystems zu positionieren. In dem Streitsystem stehen sich die Parteien gegenüber. Hier finden die Konfliktoperationen statt. Der Mediator personifiziert das Mediationssystem. Es steht dem Streitsystem gegenüber und ist in der Lage, das Streitsystem von außen zu beobachten.

Das Mediationssystem bildet somit die Metaebene zum Streitsystem. Er ist, wenn man so will, die personifizierte Metaebene. Sie macht es möglich, den Blick von außen auf das Streitsystem und seine Elemente (also die Parteien) zu richten. Und nicht nur das.

Mit der Unterscheidung zwischen dem Streitsystem und dem reflexiven Mediationssystem stellen sich zwei ganz unterschiedliche Bearbeitungsebenen in der Mediation heraus, die strikt voneinander zu trennen sind. Die fehlende Entscheidungsbefugnis ist ein Prinzip, dass diese Unterscheidung unterstützt. Um die systemische Trennung zu verdeutlichen hat die integrierte Mediation das Prinzip der fehlenden Entscheidungsbefugnis relativiert und mit dem Prinzip der Indetermination weiter ausgebaut. Das Prinzip der Indetermination beschreibt die Anforderungen um in dem Verfahrenskonstrukt eine Metaebene abbilden zu können.

Natürlich wäre es viel zu einfach, wenn sich die Mediation lediglich auf die beiden Systeme beschränkt. Die integrierte Mediation kennt deshalb auch Kontroll- und Korrespondenzsysteme, mit denen weitere Metaebenen zur Verfügung gestellt werden. An dieser Stelle ging es zu weit, das vollständige System der Mediation und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Bearbeitungsebenen vorzustellen. Der Hinweis mag genügen, dass die Mediation mit einer Struktur der Strukturen eine erste Gliederung anbietet, mit der sich die Komplexität des Verfahrens und des Falles bewältigen lässt.

Gedankenwelten

Das Hindernis des linearen Denkens überwindet die Mediation, indem sie die Gedanken nicht in das Problem hinein, sondern um das Problem herum führt. Der lineare Gedankengang wird bewusst und gezielt mit den Phasen unterbrochen. Argumente, die die Positionen unterstützen, werden in der zweiten Phase zugelassen aber lediglich gegenübergestellt und nicht ausdiskutiert. Die Parteien haben Gelegenheit, die kaputte Welt zu beschreiben, wie sie Terminologie der integrierten Mediation formuliert. Es geht lediglich darum aufzuzeigen, was nicht in Ordnung ist. Der Gedankengang wird danach abgebrochen. Das ist einer der Gründe, warum vielen Anfängern der Übergang von Phase zwei aufweise drei so schwer fällt. Es wird ein neuer Gedankengang eröffnet, der nicht auf das Problem eingeht, sondern unterstellt, dass das Problem gelöst sei oder erst gar nicht bestehen. In diesem Gedankenschritt, der der dritten Phase zugeordnet wird, werden die Gedanken in einen imaginären Zustand gelenkt, den die integrierte Mediation als die heile Welt beschreibt. Erst wenn ein Bild entstanden ist, mit dem sich der Idealzustand beschreiben lässt, wenn die Gedanken in der nächsten Phase wieder in die reale Welt geführt. Die Parteien sollen jetzt überlegen, wie sie den Idealzustand tatsächlich herbeiführen können. Erst diese Gedanken führen in die Lösung hinein.

Gedankenausrichtung

Auch das kontroverse Denken wird in der Mediation aufgelöst. Grundsätzlich versucht die Mediation die Parteien in ein sogenanntes paralleles Denken zu führen.

Der erste Schritt in diese Richtung erfolgt mit der Zielvereinbarung. Der zweite Schritt erfolgt mit der Auflösung der Positionen in Themen. Der dritte, entscheidende Schritt erfolgt mit der Darstellung der heilen Welt, wo die Parteien erstmals das Gefühl bekommen, dass ihre Vorstellungen gar nicht so weit auseinanderliegen. Der Vorgang wird durch die Windows 1 Technik unterstützt, womit das Denken an den Gegner auf ein Denken an sich umgelenkt wird. Der vierte und letzte Schritt in diese Richtung erfolgt mit der Optionensammlung, wo die Parteien gemeinsam nach Lösungen suchen, deren Kriterien zuvor bereits festgelegt und abgestimmt wurden.

Nutzenorientierung

Auch die Tatsache, dass die Mediation ergebnis- und lösungsoffen ist, befreit die Parteien aus ihrem gedanklichen Korsett. Es ist nicht so, dass zunächst eine Entscheidung getroffen wird, um sich dann um die Umsetzung zu kümmern und um schließlich lange danach herauszufinden, ob und welcher Nutzen sich daraus überhaupt ergeben hat. Die Mediation überlässt den Nutzen keinem Zufall. Um den Nutzen (die in der Zielvereinbarung anvisierte allseitige Zufriedenheit) herauszustellen, lenkt sie den Fokus von den Positionen und Lösungen weg. Das Denken wird auf den Nutzen ausgerichtet. Weil der Nutzen chronologisch betrachtet hinter der Lösung liegt, erarbeitet die Mediation die Nutzenerwartung aus den Motiven. Sie werden in der dritten Phase ermittelt.

Um diesen Zusammenhang zu verdeutlichen, verwendet die integrierte Mediation bevorzugt den Begriff der Motive anstatt der Interessen. Die Motive erschließen nicht nur die Bedeutung des Gesagten, sodass sie ein wichtiger Aspekt der Verstehensvermittlung sind. Sie ergeben zugleich die Kriterien für die Lösung. Der normale Entscheidungsprozess wird in der Mediation also rückwärts abgewickelt.

Gedankenabläufe

Die Ansätze, mit denen die Mediation die kognitiven Hindernisse überwindet, sind weder zufällig noch willkürlich. Sie unterliegen vielmehr einer Logik, mit denen sich die Gedanken zusammenführen lassen. Diese Logik wird als Mediationslogik bezeichnet. Sie fasst die Phasenlogik, die Ebenenlogik, die Themenlogik und die Konfliktlogik zusammen.

All diese Subprozesse werden mithilfe der Mediationslogik auf ein gemeinsames Ziel ausrichtet.

Phasenlogik

Die Phasenlogik ist eine wesentliche Bedingung zur Realisierung des meditativen Denkens. Sie bildet den Gedankengang nach. Dabei entsprechen die Phasen den Etappenzielen im Erkenntnisprozess. Sie bauen aufeinander auf.

Die integrierte Mediation geht vom fünf Phasenmodell aus, worüber sich der Gedankengang vollständig abbilden lässt. Der Gedankengang und die jeweils zu erreichenden Etappenziele (Erkenntnisgewinne) stellen sich wie folgt dar:

  1. Phase: Ziel Metaebene herstellen, Fokus auf Nutzen setzen (Zievereinbarung), Regeln der Mediation (Wegvereinbarung) abstimmen.
  2. Phase: Genaue Streitermittlung. Akzeptanz des Widerspruchs (er wird als Thema in eine Frage überführt), Übergang in die Dialektik.
  3. Phase: Bedeutungserhellung (Herausarbeiten der unterschiedlichen Sichten), Erarbeitung der Lösungskriterien.
  4. Phase: Optionen werden in einen Lösungskanal geführt.
  5. Phase: Manifestation der Lösung. Überprüfung ider Lösung auf Nachhaltigkeit und Umsetzbarkeit

Phasenschema

Sie können das Phasenschema der integrierten Mediation. Es fasst die wichtigsten Merkmale jeder Phase zusammen und stellt sie in einen prozessualen Zusammenhang. Das Schema verdeutlicht, dass und wie die Phasen den Gedankengang trennen und strukturieren. In der sequentiellen Abfolge können sogar inkompatible Denkweisen zusammengeführt werden. Die Logik geht in die Dialektik über. Das juristische Denken wird in dem psychologischen, assoziativen Denken aufgelöst. Mithilfe der Phasen ist die Mediation in der Lage, alles einzubeziehen, was zur Förderung des Verstehens erforderlich ist. Die Phasen erzeugen ein Spannungsverhältnis, das ganz wesentlich zur Dynamik der Mediation beiträgt.

Themenlogik

Die Phasen passen sich dem grundlegenden Gedankengang der Mediation an. Dabei kommt es drauf an, das kontroverse Denken der Parteien aufzulösen. Die Mediation findet die Lösung nicht im Streit, sondern in der Gemeinsamkeit.

Anders als bei einem Gerichtsverfahren werden die Gedanken also nicht aus der Gemeinsamkeit (dem Unstreitigen) in den Streit (dem Streitigen) geführt, sondern umgekehrt. Der Streit wird erfasst und die Gedanken werden in die gemeinsamen Sichten geführt, die gegebenenfalls in der dritten Phase konkret herauszuarbeiten sind.

Damit der wechselseitige argumentative Vortrag nicht in den Streit hineinführen kann, wird der Sachverhalt in der zweiten Phase gemeinsamen erfasst. Wenn die Mediation mit Schriftsätzen vorbereitet wird, sollten diese aus dem gleichen Grund nicht zur Stellungnahme mit der Aufforderung zur Gegenargumentation der Gegenseite übersandt werden.

Ebenenlogik

Die Mediation weiß, dass sich die Gemeinsamkeiten kaum auf der Lösungsebene finden lassen. Zumindest nicht, solange die Parteien im kontroversen Denken verhaftet sind. Die Mediation sucht deshalb nach der Ebene, in der sich Gemeinsamkeiten herstellen lassen. Im Orangenbeispiel des Harvard-Konzepts genügen dafür die Interessen.

Gegebenenfalls (wenn beide streitenden Kinder Orangensaft trinken wollen) reichen die Interessen nicht aus, um eine gemeinsame Basis zu finden auf der sich die Lösung finden lässt. Dann geht der Mediator eine Ebene tiefer, etwa auf die Beziehungsebene oder noch tiefer auf die Bedürfnisebene oder noch tiefer, bis er eine Ebene gefunden hat, die eine gemeinsame Basis für die Lösungssuche zur Verfügung stellt. Diese Ebene wird in der dritten Phase hergestellt. Sie ergibt die Bearbeitungstiefe und beeinflusst deshalb die Wahl des Mediationsmodells.

Konfliktlogik

Auch die Behandlung der Konflikte passt sich nahtlos in die Mediation ein, wenn die Konflikte nicht nach Arten, sondern nach Dimensionen unterschieden werden.

Die Konfliktdimensionen ergeben einen direkten Bezug in eines der drei menschlichen Intelligenzzentren. Sie werden über die Themen mit der Mediation verknüpft. Sie führen automatisch zur Trennung von Mensch und Problem, wenn zwischen Sachkonflikten, Werte- und Beziehungskonflikten unterschieden wird.

Sachkonflikte werden der rationalen Intelligenz zugeordnet, Beziehungskonflikte der emotionalen Intelligenz und wertmäßig prägende Konflikte der Identität. Mit dieser Einteilung kann auch die Bearbeitungsebene und die Auswahl des Mediationsmodells festgelegt werden.

Streitkontinuum

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass die zur Konfliktauflösung führende Bearbeitungstiefe Einfluss auf die Wahl des Mediationsmodelles hat. Das Mediationsmodell legt den Bearbeitungsschwerpunkt fest, der sich an den Dimensionen des Streitkontinuums ausrichten lässt.

Die integrierte Mediation beschreibt nicht nur ein Konzept der Mediation. Sie tritt auch in einem Mediationsmodell in Erscheinung. Das Mediationsmodell der integrierten Mediation zieht grundsätzlich alle Dimensionen in Betracht und ist somit das umfassendste Mediationsmodell, das auch einen Wechsel und eine Erweiterung der Herangehensweise unterstützt. Es inkludiert, wenn man so will, die evaluative, die facilitative und die transformative Mediation, sodass die Mediation stets die zum Konflikt passende Bearbeitungsweise zur Verfügung stellt.

Kapitel 4: Montageanleitung

Wie passt das alles zusammen? Fest steht, dass es nicht genügt, die Grundlagen und den Ablauf der Mediation zu kennen, wie es das Gesetz beschreibt. Um die Kompetenz der Mediation auszuschöpfen, genügt es auch nicht, die Logiken zu kennen, mit denen die Gedanken erhoben und in die richtige Richtung gelenkt werden. Um die Zusammenhänge aufzudecken und um die Wirkung der Mediation zu entfalten, müssen vielmehr alle Bestandteile zusammengeführt werden. Die zur Erstellung eines Montageplans notwendigen Bestandteile sind:

  1. Das Konstrukt beschreibt die Struktur der Strukturen, also die Systemik. In ihr werden die unterschiedlichen Bearbeitungsebenen und deren Beziehung untereinander ausgedrückt.
  2. Die Abläufe beschreiben die in der Mediation abzuwickelnden und aufeinander abzustimmenden Vorgänge, die sich in der Struktur der Mediation wiederfinden lassen.
  3. Die Operanden, mit denen sich der Prozess verwirklichen lässt, werden als funktionale Einheiten der Mediation bezeichnet.

Die Operatoren tragen dazu bei, dass die Operanden ausgelesen oder verändert werden. Sie sorgen dafür, dass die funktionalen Einheiten korrekt in den Prozess integriert werden.

Mediationsradius

Um auf die funktionalen Einheiten zugreifen zu können, müssen die Elemente und Bedingungen extrahiert werden, mit denen der Gedankengang in seiner Komplexität die vorgegebene Richtung gelenkt wird. Die Monageanleitung befreit sich von der Vorstellung, dass die Mediation als Methode dem Verfahren entspricht. Wenn die Mediation einen Gedankengang beschreibt, kann sie sich aus dem Korsett des Verfahrens lösen.

Das ist eines der zentralen Axiome der integrierten Mediation. Sie lässt sich auf die kognitive Mediation zurückführen und steht mit ihr im Einklang. Die erweitert den Mediationsradius, der zwischen der formellen Mediation im Sinne des Mediationsgesetzes, der der formellen Mediation im übrigen und der substantiellen, also der montierten Mediation unterscheidet.

Containertheorie

Kleinere Bausteine lassen sich nicht nur besser und flexibler verwenden. Auch ihre logische Zuordnung fällt leichter.

Davon ausgehend, dass jede Phase dem Mediator bzw. den Meidenden einen auf das Etappenziel ausgerichteten Arbeitsauftrag gibt, lassen sich dementsprechend viele Methoden unterscheiden. Sie werden im Wesentlichen den Phasen zugeordnet. Diese wiederum sind auf das Verfahren ausgerichtet, dem in dieser Logik lediglich die Funktion eines Containers zugeschrieben wird.

Der Container gibt den Rahmen vor, in dem die Methoden eingeordnet werden. Die Techniken sind schließlich die Werkzeuge, mit denen sich die Methoden verwirklichen lassen.

Auf diese Weise werden die Techniken den Methoden und die Methoden dem Verfahren zugeordnet. Die Zuordnung stellt sicher, dass Techniken und Methoden auf ein vom Verfahren vorgegebenes Ziel ausgerichtet werden.

Funktionale Einheiten

Die funktionalen Einheiten benennen die Operatoren, die zur Verwirklichung des Konstruktes (Systemik) und des Prozesses (Ablauf) der Mediation benötigt werden. Sie benennen alles Stellschrauben, die zur Verwirklichung des Gedankenganges der Mediation erforderlich sind. Es gibt einige. Die integrierte Mediation hat Benchmarks entwickelt, die zusammen mit dem Ablaufschema sicherstellen, dass alle Stellschrauben korrekt im Sinne der Mediation genutzt werden.

Bei der Zusammenstellung der funktionalen Einheiten, fällt die kleinste und wichtigste Einheit ins Auge. Es ist die Information.

Hilfestellungen

Wenn es gelingt, die Mediation in ihre Einzelteile zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen, ist eine Grundlage für Hilfsmittel geschaffen, mit denen sich der Prozess steuern und überwachen lässt. Nur beispielhaft seien die Mediationslandkarte, das Ablaufschema und die Benchmarks erwähnt. Sie erhöhten die Sicherheit und die Planbarkeit der Mediation und sind deshalb ein Leistungsmerkmal bei der Vermarktung.

Kapitel 5: Der Operator

Sie können das Orangenbeispiel aus dem Harvard-Konzept. Es wird oft als eine Metapher für die Mediation genutzt. Es beschreibt ein Phänomen und einen Aspekt der Mediation, nicht aber den gesamten Prozess. Eine Metapher, mit der sich der Prozess beschreiben lässt liefert das Beispiel mit dem Puzzlespiel:

Das Enkelkind ist bei der Oma zu Besuch. Die Oma möchte den Besuch attraktiv gestalten. Sie schlägt deshalb vor, ein Spiel zu spielen. Leider hat sie keinen großen Vorrat an Spielen. Im Keller findet sie noch ein altes Puzzle. Auf dem Karton ist ein Zug als Bildvorlage, der als Puzzlebild zu legen ist. Es ist ein Puzzle mit 10.000 Teilen. Leider hatten die Kinder ein anderes Puzzle mit 30.000 Teilen in den gleichen Karton geschüttet, wofür es keine Vorlage mehr gibt. Oma und Enkelkind müssen also zunächst die Steine sortieren, um sie dem jeweiligen Puzzle zuzuordnen und versuchen, die beiden Bilder zu legen. Um zu erkennen, welches Bild zu legen ist, kommt es nicht darauf an, WER den entscheidenden Stein an die richtige Stelle legt. Niemand würde sagen: "Hol den Stein weg. Ich habe zuerst gesehen, dass der dorthin gehört". Beide Spieler sind glücklich, dass das Bild erkennbar wird und fertig gelegt werden kann.

Information

Der Puzzlestein symbolisiert die Information. Wie bei den Puzzlesteinen lassen sich die Informationen zu einem Bild zusammenfügen. Auch sie haben Kennzeichen, anhand derer die Information identifiziert und dem zu legen Puzzlebild korrekt zugeordnet werden kann. Die Identifikation der Information erfolgt über die Meta-Information. Die Meta-Information beschreiben die Dimension der Information, über die sich die Information in das Puzzle einpflegen lässt.

Kognitive Merkmale des Puzzlespiels

Die Metapher des Puzzlespiels zeigt nicht nur den Effekt, wie sich die Informationen zusammenfügen lassen. Sie zeigt auch, dass es genügt, die Informationen wie Puzzleteile zusammenzufügen, ohne dass der Spieler wissen muss, warum die Steine wie zugeschnitten wurden. Hauptsache, sie werden an die richtige Position gesetzt. Die Parteien bewältigen die Komplexität ohne die Zusammenhänge kennen zu müssen.

Die Metapher des Puzzlespiels belegt auch die Verfahrensstrategie. Es kommt nicht auf den Gewinner an, sondern auf den Gewinn. Es spielt also keine Rolle, wer die entscheidende Information wie einbringt. Hauptsache ist, sie kommt ins Spiel und wird dort richtig positioniert. Dass die Lösung, also das Bild ein Win-win Ergebnis abbilden muss ist nicht spielrelevant. Relevant ist jedoch, dass das zu legende Bild, mithin die Lösung allen Spielern entspricht. Der Grundsatz der Freiwilligkeit erlaubt es ihnen, ein Bild abzulehnen, das ihnen nicht gefällt. Über diesen Umweg mag unterstellt werden, dass die Spieler nur mit Bildern einverstanden sind, die ein Win-win-Ergebnis produzieren.

Die Metapher des Puzzlespiels passt auch insoweit zur Mediation, als deutlich wird, dass nicht nur EIN Bild zu legen ist, sondern mehrere. Erst wenn das Puzzlebild der Mediation vervollständigt ist, können genügend Informationen im Puzzlebild des Falles gelegt sein.

Das Mediationspuzzle

Alles hängt davon ab, dass die Information korrekt platziert wird. Dieser Vorgang erfolgt in drei Arbeitsschritten:

  1. Die Information wird entgegengenommen und auf Mediationsrelevanz untersucht
  2. Die Information wird der Bearbeitungsebene (Mediationssystem, Streitsystem, Rechtssystem usw.) zugewiesen.
  3. Die Information wird mit der zur Bearbeitungsebene passenden Dimension verknüpft.


Beispiel: Die Mutter sagt in der Mediation, dass der Vater sich nicht um das Kind kümmere, weshalb ihm der Umgang zu verwehren sei. Die Information wird auf der Bearbeitungsebene Mediation den Dimensionen Argument und Position zugeordnet. Auf der Fallebene wird sie der Dimension Meinung und ggfalls der Dimension Elternbeziehung oder Vater-Kind Beziehung zugeordnet.

Es versteht sich von selbst, dass die Dimensionierung für jede Partei separat durchzuführen ist, sodass sich die Informationen vergleichen lassen. Gleichzeitig wird aufgedeckt, wo Informationen fehlen.

Die Vernetzung

Die Dimensionen entsprechen den Ankerpunkten der Mediationslogik. Ein Argument führt beispielsweise in eine Position, die sich im Thema auflöst. Ein Motiv ergibt die Kriterien für die Lösung. Das Thema wird mit dem Konflikt verknüpft, der wiederum mit der Bearbeitungstiefe und den Dimensionen des Streitkontinuums verlinkt ist usw.

Durch die Verknüpfungen bekommen die Informationen eine logische Struktur. Auffällig ist, dass die Vernetzung innerhalb einer Bearbeitungsebene und Ebenen übergreifend erfolgt. Wenn alle Verbindungen ausgewiesen werden, ergibt sich ein unvorstellbar großes Informationsnetzwerk.

Präzises Zuhören

Das präzise Zuhören ist ein Allzweckwerkzeug, das wie ein Schweizer Taschenmesser vielseitig zu verwenden ist. Es handelt sich um die für die integrierte Mediation weiterentwickelte Variante des aktiven Zuhörens. Das Dimensionieren ist ein fester Bestandteil der Rückmeldung und in das Ablaufschema der Technik eingearbeitet. Der Mediator sagt die Informationsdimension an, indem er z.B. zurückmeldet: "Sie meinen, dass der Umgang mit dem Vater einzuschränken ist, weil das Kind darunter zu leiden habe. Damit sprechen Sie eine Befindlichkeit des Kindes an, woraus Sie Ihre Position ableiten und den Umgang verhindern möchten. …". In seinem Kopf ordnet der Mediator die Information dem Standort und der Qualität zu. Es hängt davon ab, in welcher Phase (oder anders gesagt wo er sich im Gedankengang der Mediation) befindet, um zu entscheiden, wie er die Kommunikation fortführt.

Die Erkenntnis

Jeder Mediator kennt das Phänomen. Plötzlich weiß die Partei was zu tun ist. Der Konflikt hat sich erledigt. Woran das liegt?
Es wurden genügend Informationen so zusammengetragen, dass sich in den Köpfen der Partei ein Bild ergeben hat, aus dem sich die Lösung ergibt. Sie haben die Komplexität bewältigt, ohne es gemerkt zu haben.

Kapitel 6: Konsequenzen

Die Möglichkeit, die Mediation zu aktualisieren und als eine, in konstruktive Lösungen führende Art des Denkens zu begreifen, erweitert den Anwendungsbereich bis in den Alltag hinein. Verstehen hilft überall: in der Politik, im Gericht, im Unternehmen, in der Familie und im alltäglichen Miteinander. Die Mediation zeigt wie es geht. Die Vorteile der integrierten Mediation, die sich die kognitive Mediationstheorie zueigen gemacht hat liegen deshalb auf der Hand.

Vorteile

Hier, die Vorteile im Überblick:

  1. Für jeden Entscheidungsprozess verwendbar
  2. Fügt sich nahtlos in die Mediation ein
  3. Präzisiert den Ablauf und die Prinzipien der Mediation
  4. Erlaubt ein Qualitätsmanagement
  5. Ermöglicht virtuelle Mediationen
  6. Benennt die Variablen der Komplexität
  7. Vernetzt die Variablen

Mediation visionär

Diese Einführung kann nur einen Eindruck hinterlassen. Mehr zur kognitiven Mediationstheorie und warum sich daraus eine Vision der Mediation entwickeln lässt und was das mit der integrierten Mediation zu tun hat, lesen Sie im Buch "Mediation visionär", das in Wiki unlimited als PDF kostenlos zur Verfügung steht.

Mehr als ein Konzept

Die kognitive Mediationstheorie ist eng mit der Geschichte der integrierten Mediation verknüpft. Sie repräsentiert ihre Sicht auf die Mediation.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
Arthur Trossen