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Seiten-ID: 929 Die Motivation, Motive zu offenbaren 3-Abteilung »  Archiv

Motive und Motivation

Der Begriff ist auf das Lateinische movere zurückzuführen und bedeutet bewegen. Ein Motiv ist deshalb ein Beweggrund. Es gibt der Handlung oder der Aussage eine Richtung und hilft, ihren Bedeutungsinhalt zu erkennen.

Beispiel Gerechtigkeit als Motiv: Die Partei sagt: "Ich möchte Gerechtigkeit!". Es ist nicht klar, was mit dieser Aussage gemeint sein kann. Um ihre Substanz zu geben, hinterfragt der Mediator das Motiv: "Was haben Sie persönlich davon, wenn Gerechtigkeit hergestellt ist?". oder "Welchen Nutzen erwarten Sie für sich, wenn Ihnen in diesem Fall Gerechtigkeit wiederfährt?"


Motive haben in der Mediation eine zentrale Bedeutung, sodass eine Auseinandersetzung mit ihrem Vorkommen und dem Umgang mit Motiven in der Mediation nahe liegt.




Bewegung ausrichten

Motive verstehen

Nach Wikipedia1 werden Motive auch als "Komponenten der Selbststeuerung angesehen, da sie eine kreative und flexible (sich an neue Situationen anpassende) Bedürfnisbefriedigung ermöglichen und darüber hinaus das Bestreben unterstützen, dem Selbstbild, den selbstdefinierten Zielen, den individuellen und kulturellen Werten, den sozialen Rollen u. a. gerecht zu werden. Sie organisieren und repräsentieren kognitiv, welche Erfahrungen im Leben im Zusammenhang mit Bedürfnissen gemacht wurden, insbesondere implizit wahrgenommene Handlungsmöglichkeiten und deren Folgen. Sie sind nicht zwingend bewusst". Die Motive bilden also den Handlungsanreiz, der mit der Persönlichkeit ihres Trägers verwoben ist.

Die Psychologie unterscheidet grundsätzlich zwischen den Grundformaten des in ein Wachstum gerichteten Motivs von dem Motiv zur Mangelbeseitigung. Diesen Grundformaten wird das Leistungsmotiv, das Anpassungsmotiv oder das Machtmotiv zugeordnet.

 Merke:

4874 - In der Mediation werden die Motive synonym mit den Interessen beschrieben.

Motive erkennen

Im Konfliktfall dürfte das stärkste Motiv die Mangelbeseitigung sein. Das Handeln ist auf Schadensausgleich und Wiedergutmachung gerichtet2 . Das Motiv zielt immer auf eine Befriedigung ab. Insofern ergibt sich aus dem Motiv auch eine Zielsetzung. Allerdings sollte das Motiv nicht mit der Lösung verwechselt werden. Das Motiv ist umfassender. Es gibt zwar einen Lösungsrahmen, also verschiedene Möglichkeiten vor, wie die gewünschte Befriedigung zu erzielen ist, lässt aber offen welche Lösung letztendlich zur Befriedigung führt.

Beispiel Gerechtigkeit als Motiv (Fortsetzung): Gerechtigkeit ist sowohl ein unbestimmtes Ziel wie ein Motiv. Sie lässt die Frage offen, was Gerechtigkeit genau bedeutet und was sich die Partei davon verspricht, wenn ihr Gerechtigkeit widerfährt. Erst wenn die Gerechtigkeit mit der Nutzenerwartung verknüpft wird, ergibt sich ein Bild was die Partei damit meinen könnte.


Typische Fragen, mit denen sich das Motiv erforschen lässt, sind: "Wozu brauchen Sie das?", "Was haben Sie davon?", "Was ist anders wenn sie es bekommen haben?".

Motive unterscheiden

In der Mediation treffen verschiedene Motive aufeinander. Nicht alle weisen in die gleiche Richtung. Zu unterscheiden sind: Das Verfahrensmotiv, das Lösungsmotiv, das Streitmotiv und die Konfliktmotivation. Jedes Motiv hat eine andere Handlungsausrichtung, wauch wenn sich die Motive gegenseitig bedingen.

  1. Verfahrensmotiv: Das Verfahrensmotiv betrifft die Bereitschaft, nach einer Lösung suchen zu wollen (siehe Mediationsbereitschaft
  2. Lösungsmotiv: Das Lösungsmotiv erschließt die Bedeutungswirklichkeit und ergibt die auf die Motive (Interessen) zurückzuführenden Kriterien für die Lösung.
  3. Streitmotiv: Das Streitmotiv beschreibt die hinter dem Streit liegenden Interessen (Motive). Der Begriff wird von Montada verwendet3 . Er wird synonym mit dem Lösungsmotiv verwendet.
  4. Konfliktmotiv: Das Konfliktmotiv setzt sich mit dem Konfliktverhalten auseinander. Der Begriff wurde eingeführt, um die Dynamik des Konfliktes und den Handlungsantrieb der Parteien im Konflikt besser verstehen zu können. Die Einführung des Begriffes ist eine Konsequenz aus der Unterscheidung zwischen Streit und Konflikt.

Motive bewerten

Motive können durchaus widersprüchlich sein, zumindest auf den ersten Blick.

Beispiel widersprüchliche Interessen: Ich habe Lust auf ein Eis, möchte aber nicht zunehmen"


Das Motiv ein Eis essen zu wollen scheint mit dem Motiv abnehmen zu wollen im Widerspruch zu stehen. Genau betrachtet sind es aber nicht die Motive die sich widersprechen, sondern die damit einhergehenden Lösungen. Werden weitere Motive abgefragt oder die genannten Motive weiter hinterfragt, vergrößert sich der Lösungsrahmen, sodass sich der vermeintliche Widerspruch auflösen lässt.

Beispiel widersprüchliche Interessen (Fortsetzung): das Motiv als zu essen stellt sich als die Lösung für eine Erfrischung dar. In Kombination mit dem Motiv abnehmen zu wollen, könnte sich die Lösung ergeben, in ein Schwimmbad zu gehen"


Das Beispiel soll zeigen, wie wichtig es ist die Motive einfach nur zu erfassen, ohne auf ihre Widersprüchlichkeit oder Realisierbarkeit zu achten. Wenn alle Motive gelistet sind, lassen sich Prioritäten herausarbeiten, die sich wiederum an übergeordneten Motiven ausrichten lassen.

Motive offenbaren

Jeder Mediator weiß, dass es den Menschen nicht immer leicht fällt ihre Motive zu offenbaren. Das hat doch einen triftigen Grund. Motive enthalten nämlich immer zwei Botschaften. Einerseits stellen sie den Nutzen heraus und geben Hinweise darauf, wie der Nutzen zu befriedigen ist. Andererseits legen sie aber auch offen, wie der Nutzen verhindert werden kann. Die Offenbarung eines Motivs verlangt also das Vertrauen des Bekenntnisses, dass die Offenlegung des Motivs nicht missbraucht werden kann.

Beispiel Offenbarung des Motivs in einem Sorgerechtsstreit: würde der Vater in dem Streit um das Sorgerecht und den Verbleib des Kindes offenlegen, dass es ihm eigentlich nur darum geht, sich von Unterhaltspflichten gegenüber der Mutter zu entbinden, würde er den Sorgerechtsstreit in dem Moment verlieren, wenn er sein wahres Motiv offenbart. Andererseits lassen sich gegebenenfalls aber Lösungen finden, die den Interessen von Mutter-Kind und Vater durchaus entgegenkommen. Der Vater wird sein Interesse nur dann offenbaren, wenn er darauf vertraut, dass es trotzdem zu interessengerechten Lösungen kommt.


Ein weiteres Problem der Offenbarung von Motiven ist ihre Kenntnis. Das Denken des Menschen ist Auflösungen fokussiert, wobei die Lösung oft mit dem Nutzen gleichgesetzt wird. Hinterfragt der Mediator in seiner differenzierten Logik die Interessen hinter der Lösung, kann es passieren, dass die Partei die Interessen gar nicht benennen kann. Sie sind im Unterbewusstsein verborgen. Die Interessenerhellung in der Mediation muss sich also auch darauf einstellen können, dass die bis zur Selbstoffenbarung reichenden Motive gar nicht so einfach aufzudecken sind.

Motive generieren

Motive generieren bedeutet nichts anderes als sich oder jemanden zu motivieren, etwas zu tun oder zu unterlassen. Die darauf bezogene Motivation umfasst die Gesamtheit der Beweggründe und Einflüsse, die eine Entscheidung, Handlung o. Ä. beeinflussen oder zu einer Handlungsweise anregen4 . Eine Zusammenfassung der verschiedenen Definitionsansätze findet sich bei Stang5 , der die Triebreduktion, die Anreizmotivation und die Verstärkung als Motivationsarten herausstellt:

  1. Die Triebreduktion beschreibt den Abbau eines zu Bedürfnissen führenden physiologischen oder psychologischen Spannungsverhältnisses, das als Trieb bezeichnet wird. Die aus dem Trieb resultierenden Aktivitäten sollen den inneren Handlungsdrang verringern.
  2. Die Anreizmotivation (incentive motivation) nimmt Reize der Außenwelt zum Anlaß einer Aktivität.
  3. Die Verstärkung bietet positive oder negative Stimuli an, die durch Darbietung oder Entfernung eines Reizes ein Verhalten belohnen oder bestrafen und dadurch einen Lernprozess auslösen.

Im mediativen Kontext geht es nicht nur darum, ein Interesse, das mit dem Motiv gleichzusetzen ist, zu erkennen, sondern auch darum, ein Interesse zu wecken, neugierig zu machen oder Lust auf etwas zu machen. Die Motivation ist von der Willenskraft zu unterscheiden. Anders als die Willenskraft ist die Motivation im emotionalen Teil des Gehirns verankert und von kurzfristigen Belohnungsemotionen abhängig. Das folgende Video beschreibt, wie die Motivation im Gehirn generiert wird:

Dieses Video erläutert Motive und Motivation.

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem Video um ein bei Youtube (Google) hinterlegtes Video handelt. Es wurde im erweiterten Datenschutzmodus eingebettet. Was das bedeutet, erfahren Sie in der Datenschutzerklärung.

Das Phänomen wird beim Konflikt und insbesondere in der Mediation erkennbar. Der Verstand sagt zwar, man solle verhandeln und sich einig werden. Er weiß, dass es keine Gewinner im Krieg gibt. Die Emotionen wissen es anders. Sie werden vom Konflikt angetrieben und wollen den Streit. Sie wollen das kurzfristige Gefühl der Überlegenheit, der Macht. Sie fordern Genugtuung ein, gegebenenfalls sogar Rache. Der Verstand weiß, dass sich diese Gefühle nicht auszahlen und sich auch langfristig nicht aufrechterhalten lassen. Der Verstand weiß, dass es am Ende, nach dem Krieg, nur Verlierer geben wird. Dem Konfliktmotiv entsprechend rationalisiert er aber, dass er vielleicht die große Ausnahme sei. Bei einem hoch eskalierten Konflikt kommt es ihmn nicht einmal mehr darauf an. Er findet ganz sicher eine Rechtfertigung oder einen vorzuschiebenden Anlass, der den Gefühlen freien Lauf gibt. Deshalb kann es passieren, dass sich zwar der Verstand der Parteien für eine Mediation entscheiden könnte. Die Parteien lassen sich trotzdem nicht darauf ein, wenn sie erwarten, dass die Mediation nicht zur Befriedigung ihrer Streitlust führen wird.

Beispiel Thema verfehlt: Bei einer innerbetrieblichen Mediation, wo es auch um Mobbing geht, erarbeitet der Mediator mit den Medianden eine Lösung. Sie Lösung wird von allen begrüßt und für gut und brauchbar befunden. Plötzlich sagt eine der Parteien zum Mediator: "Sie sind nicht auf das Thema eingegangen". Der Mediator erwidert: "Die Lösung, die sie gefunden haben, würde den Konflikt aber beilegen. Ist das korrekt?". Die Partei antwortet: "Ja, aber Sie sind nicht auf das Thema eingegangen. Wir haben nicht gestritten!"


Natürlich gibt es auch Emotionen, die durchaus zur Mediation motivieren. Die Angst vor einem Schaden beispielsweise oder die Angst vor der Eskalation. Das sind unangenehme Gefühle, die keine Lust zum Streiten bereiten. Darüber hinaus werden die Parteien merken, dass die Mediation durchaus auch Emotionen erzeugt, die in der Lage sind, die Streitlust zu kompensieren. Dazu zählt die Befriedigung, den Verstand gewinnen zu lassen. Der Stolz, die eigenen Dämonen überwunden zu haben. Die Befriedigung, den eigenen Frieden gefunden zu haben und sich wieder auf die Dinge konzentrieren zu können die eigentlich doch wichtiger sind.

Wenn der Mediator Anhaltspunkte erkennt, dass die Parteien nicht ausreichend für die Mediation motiviert sind, sollte er die Mediationsbereitschaft hinterfragen und thematisieren. Auch wer zu Beginn einer Mediation noch nicht für eine kooperative Konfliktlösung motiviert ist, findet in der Mediation aber durchaus Indikationen, die motivierend wirken. Das ist zum Beispiel das Gefühl beachtet zu werden, das Gefühl gehört und respektiert zu werden. Die Mediation produziert viele kleine Erfolgserlebnisse, die beweisen, dass eine Einigung möglich ist. Auch eine Genugtuung ist denkbar und das mit dem Erkenntnisgewinn vermittelte Erfolgserlebnis. Der Mediator ist also gut beraten, wenn er diese Gefühle nach vorne stellt, verbunden mit der Hoffnung auf einen positiven Ausgang der Verhandlung.

Bedeutung für die Mediation

Motive haben in der Mediation eine mehrfache und zentrale Bedeutung. Einmal geht es darum, die Motive hinter den Handlungen der Parteien zu erkennen, damit sich die Bedeutung im Verstehensprozess erschließen lässt. Zum anderen geht es darum, über die Motive die Lösungskriterien zu erarbeiten. Schließlich kommt es auch noch darauf an, die Parteien zu motivieren, sich auf die Mediation einzulassen und sich in der Mediation (am Streit vorbei) zu bewegen.

Die Mediation unterstützt den Mediator und die Parteien dabei, ihre Motive zu offenbaren. Die Vertraulichkeit soll einen geschützten Gesprächsraum herstellen. Die Wertefreiheit der Metaebene soll die Parteien ermutigen, auch diejenigen Motive einzugestehen, die sogar dem Faktor-D zuzuordnen sind. Der Mediator muss die Gespräche so gestalten, dass es den Parteien möglich ist, sich zu offenbaren. Sein wertfreies Interesse an dem, was die Parteien zu sagen haben ist ein wesentlicher Indikator dafür, dass die Parteien ihre Motive offenlegen können.

Die Parteien brauchen auch ein Motiv (eine Motivation), um ihre Motive zu offenbaren. Die Mediation selbst stellt die Motivation Schritt für Schritt her. Der Mediator sollte also darauf achten, dass das Verfahrensmotiv mit der Mediationsbereitschaft aufgedeckt wird, dass die Parteien wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich in eine Mediation begeben, dass er die Konfliktmotivation im Blick hat, um das Lösungsmotiv isoliert vom Argumentieren und Lösungen erarbeiten zu können.

Oft fühlen sich die Parteien motiviert, an der Mediation teilzunehmen. Sie haben hier die Gelegenheit, Dinge anzusprechen, die sie im Alltag ohne fremde Hilfe nicht ansprechen können. Die Mediation richtet ihre Gedanken ins Positive hinein. Das fühlt sich grundsätzlich gut an. Mit den ersten Loops in der 3.Phase kommt deshalb auch eine Hoffnung auf, dass der Konflikt wider Erwarten einer vielversprechenden Lösung zugeführt werden kann.

Was tun wenn ...

Hinweise und Fußnoten

Bitte beachten Sie die Zitier- und Lizenzbestimmungen
Bearbeitungsstand: 2019-07-25 06:53 / Version 37.
Alias: Motiv, Motivation, Streitmotiv
Siehe auch: Lexikon, Konfliktmotivation
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© Wiki to Yes: Arthur Trossen "Tiefe und Motivation in der Mediation" (2018) unter Wiki-to-Yes.org/Motive
Erstellt von Arthur Trossen. Letzte Änderung: Donnerstag Juli 25, 2019 06:53:12 CEST by Arthur Trossen.