Lade...
 
Wiki to Yes, das Metaportal
Seiten-ID: 833 Kultur ist ein Bauchgefühl 3-Abteilung »  Archiv »  Archiv: Lexikon (allgemein)

Kultur

Was uns prägt und was wir prägen (können)

Es sind nicht die Kulturen, es sind die Menschen,
die sich begegnen


Das Zitat von Duss-von Werdt macht deutlich, worum es geht. Will ich den Menschen einer anderen Kultur verstehen, muss ich seine Kultur verstehen, weil sie zumindest einen Kontext beschreibt, an dem sich die Bedeutung seines Handelns und Denkens ausmachen lässt. Zweifellos hat die Kultur einen wesentlichen Anteil an der Prägung eines Menschen und daran, Bedeutungen zuzuschreiben.

Was ist Kultur?

Das Wort „Kultur“ stammt von dem lateinischen Wort „cultura“ ab. Es bedeutet so viel wie Pflegen oder Bebauen. Später wurde das Wort Kultur synonym mit der Zivilisation verwendet. Edward Burnett Tylor definierte die Kultur als ein komplexes Ganzes, das Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Brauch und alle anderen Fähigkeiten und Gewohnheiten umfasst, die sich der Mensch als Mitglied der Gesellschaft erworben hat. Alle Kulturen haben gemein:

  1. Kulturelles Verhalten wird in Mustern erlernt.
  2. Kultur ist nicht individuell sondern von mehreren Menschen geteilt
  3. Kultur ist organisch gewachsen, unterliegt stetigen Veränderungen, ist historisch und anpassungsfähig
  4. Kultur besteht aus typisierbaren Kenntnissen und Gewohnheiten
  5. Kulturen sind nie vollkommen homogen oder eindeutiog abgrenzbar und können Subkulturen enthalten

Jeder Mensch besitzt eine eigene Kultur. Sie hängt von seiner Sozialisation und den dazugehörenden Werten ab. Sie unterliegt ständigen Veränderungen und wird beeinflusst von der Interdependenz zu den anderen Menschen, zu Gruppen und zur Gesellschaft. Kultur wird so gesehen auch mit dem Schichtaufbau einer Zwiebel umschrieben.

Kulturunterschiede

Was bedeutet es, wenn sich ein Engländer vor einer Bushaltestelle am Ende der Schlange der Wartenden anstellt, während ein Deutscher versucht, sich nach vorne zu drängeln?


Aus der Sicht des Engländers wäre der Deutsche undiszipliniert, unhöflich und rüde. Aus der Sicht des Deutschen wäre dieses Verhalten nicht zwingend undiszipliniert oder unhöflich, solange es kein Vordrängeln ist. Wir begegnen gewohnten und eingespielten Verhaltensweisen, die in einer Kultur akzeptiert werden, in der anderen nicht.

Das Beispiel zeigt, dass Interpretationen und Zuschreibungen eine ganz andere Bedeutungen bekommen, wenn sie aus der Sicht einer anderen Kultur also einer anderen Bedeutungswirklichkeit heraus betrachtet werden. Man muss die kulturellen Besonderheiten kennen, um zu verstehen, was das Gesagte oder das Verhalten ausdrücken soll. Ein kleines Beispiel:

Kulturunterschiede ergeben sich nicht nur aus Gesten und dem Verhalten. Auch das Denken und die Wahrnehmung sind davon betroffen. Leider gibt es keine verbindliche Formeln, an denen sich Kulturunterschiede festmachen lassen. Die Wissenschaft tut sich jedenfalls schwer damit, kulturelle Merkmale herauszubilden.

Kulturaspekte

Milton Bennet hat 5 Aspekte herausgearbeitet, anhand derer sich die Kultur ablesen lässt:

  1. Sprachgebrauch und Wahrnehmung
  2. Nonverbales Verhalten
  3. Kommunikationsstil
  4. Kognitiver Stil
  5. Kulturelle Werte und Annahmen

Kulturdimensionen

Einen bedeutenden, oft zitierten aber auch kritisierten Zugang bietet Geert Hofstede an. Hofstede versucht, die „mentalen Programme“ zu beschreiben. Er versucht auf diese Weise kulturelle Denk-, Fühl- und Handlungs-muster erkennbar zumachen, um sie besser gegeneinander abgrenzen zu können. Hofstede hat folgende Dimensionen herausgearbeitet, über die sich die Kultur eines Landes ausprägen soll:

  1. Wie wird in einer Kultur mit Macht, mit Ungleichheit umge-gangen?
  2. Wird Individualismus oder Kollektivismus in einer Kultur bevorzugt?
  3. Ist die Kultur eher maskulin oder eher feminin geprägt?
  4. Wie wird mit Unsicherheit umgegangen?
  5. Gibt es eine kurzfristige oder eine langfristige Orientierung?
  6. Wie ist das Verhältnis von Nachgiebigkeit und Beherrschung?

G und F-Kulturen

Eine andere Untersuchung erkennt zwei grundsätzlich zu unterscheidende Kulturtypen, die so genannten G- und F-Kulturen. Sie geht auf Professor David Pinto zurück und beschreibt den Unterschied zwischen westlichen (G-Kulturen) und östlichen (F-Kulturen) Kulturen, sie sich durch eine feinmaschige Struktur von Verhaltensregeln auszeichnen.

F-Kulturen
Bei den F-Kulturen (nicht-westliche Kulturen) gibt es für sehr viele Situationen genau beschriebene Verhaltensregeln, die in einer speziellen Situation ange-wendet werden müssen. In den F-Kulturen hat das Individuum viel weniger Freiraum, seine eigenen Verhaltensregeln zu entwickeln. Die Kulturmerkmale der F-Kulturen lassen sich wie folgt zusammenstel-len:
  • Kommunikation: Implizite Kommunikation; Stärkere Be-achtung der Absicht als des Inhalts; Standardsituationen; Bildsprache; Relational: Schwerpunkt auf der Form; Fast alles ist persönlich; Sozial wünschenswerte Antworten; Indirekte Kommunikation; Viel nonverbale Kommunikation; Zwi-schenperson; Kleinerer interpersoneller Freiraum
  • Konflikte: Vermeiden von offenen Konfrontationen; Ehre wichtiger als Fakten; Konflikten wird aus dem Weg gegan-gen; Emotionen werden gezeigt; Aggressivität manchmal er-laubt (Rache); Streit funktional; Ausgleichsorientiert
  • Zentrale Werte: Vermeiden von: Gesichtsverlust; Scham; Schande. Anstreben von: Ehre/Respekt; Wertschätzung (von außen)
G-Kulturen
Die G-Kulturen sind dagegen Kulturen, in denen eine grobmaschige Struktur von Verhaltensregeln vorherrschend ist. In den G-Kulturen (westliche Kulturen) darf oder kann man sagen, dass man die allgemeinen Regeln selbst in Verhaltensregeln für spezielle Situationen umsetzen muss.
  • Kommunikation: Explizite Kommunikation; Stärkere Be-achtung des Inhalts als der Absicht; Improvisation; Konkret; Inhaltlich: Schwerpunkt auf dem Inhalt; Trennung persön-lich/geschäftlich; lediglich Nachrichtenaustausch; Uniformi-tät der Antworten; ehrliche Antworten; Direkte Kommunika-tion; Wenig Gestik; Auge in Auge; Größerer interpersoneller Freiraum
  • Konflikte: Direkte Konfrontation; Fakten wichtiger als An-sehen; Rasche Beendigung von Konflikten; Emotionen wer-den unterdrückt; Aggressivität ist unkultiviert (Vermeidung); Streit störend; Lösungsorientiert
  • Zentrale Werte: Vermeiden von: Schuld Anstreben von: Persönlichem Glück; Selbstachtung; Integrität

Kontextniveau

Zu erwähnen ist auch die Forschung von Edward T. Hall. Hall galt als Begründer der Interkulturellen Kommunikation.

  • Direkte / indirekte Kommunikation: Gemeint sind die Kommunikationsunterschiede zwischen Kulturen mit hohem und niedrigem Kontext. Mit diesen Begriffen werden Konzepte zur Informationsgewinnung bzw. Informationsverarbeitung beschrieben. So genannte high-context Kulturen weisen einen hohen Vernetzungsgrad aus. In solchen Kulturen ist es weniger üblich, die Dinge direkt beim Namen zu nennen. Ihre Bekanntheit wird implizit vorausgesetzt. Das Erwähnen zahlreicher Details kann als negativ empfunden werden. Mimik, Gestik, Anspielungen und die Umstände der Begegnung werden zu wichtigen Informationsträgern. Länder mit high context Kulturen sind z.B. Südeuropa (Spanien, Frankreich), vielen asiatischen (China, Japan) und afrikanischen Ländern sowie in Lateinamerika. Der Kommunikationsstil wird von Zurückhaltung und Schweigen geprägt.
    Länder mit low context Kulturen sind USA, Kanada, skandinavische Länder, Deutschland, die Beneluxländer und Großbritannien. In low-context Kulturen ist es üblich, Informationen bereits als bekannt vorauszusetzen oder anzunehmen, dass sie ohne sprachlichen Ausdruck erkennbar sind. Der Kommunikationsstil ist direkt, personenorientiert und zeichnet sich aus durch Gesprächigkeit und Selbstdarstellung.
  • Distanz: Hall hat weiterhin das Raumverständnis als kulturabhängig erkannt. Das Raumverständnis unterscheidet die intime, die persönliche und die öffentliche Distanzzone die in jeder Kultur anders ist. Ein Araber z.B. sucht räumliche Nähe zu dem männlichen Gesprächspartner. Er muss ihn im wahrsten Sinne des Wortes riechen können. Ein Deutscher würde diese Nähe als aufdringlich bezeichnen und einen Eingriff in die Intimsphäre erkennen.
  • Monochron und polychrones Zeitverständnis: Schließlich hat Hall Kulturen unterschieden, bei denen ein eher monochromes oder polychromes Zeitkonzept anzutreffen ist. Im einen Fall wird Zeit linear (also monochrom) aufgefasst. Hier spielt Pünktlichkeit eine große Rolle. Andere Kulturen sind im Gegensatz dazu eher daran gewöhnt mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Unpünktlichkeit ist dort an der Tagesordnung.

Bedeutung für die Mediation

Derartige Schemata sind, wenn überhaupt, nur bedingt hilfreich. Sie zu kennen mag bei Verhandlungen hilfreich sein, um Verständnis für ein als befremdlich oder gar beleidigend empfundenes Verhalten zu wecken. In der Mediation bedarf es dieser Brücken aber wenigstens nicht für den Mediator. Hier hilft das Bild von Jack Himmelstein, der die Mediation als einen Prozess beschreibt, der die unterstellt vorhandenen guten Absichten herausarbeitet. Diese Haltung wird von einem Mediator erwartet.

Der Mediator geht davon aus dass gute Absichten stets vorhanden sind. Er muss sie nur herausarbeiten.

Die in der Mediation oft vorzufindenden Versuche einer Kategorisierung von Menschen anhand von Eneagrammen oder die Einteilung in Konflikttypen begegnet großen Bedenken. Erstens lässt sich der Mensch nicht in Schubladen einteilen und mit mathematischen Formeln berechnen. Zweitens bedarf es für die Arbeit mit Konflikten einer differenzierten, auf das Individuum abstellenden Betrachtung. In diesem Punkt verbinden sich die interkulturelle Kompetenz und die Kompetenz der Mediation auf einfühlsame Weise.

interkulturelle Mediation 

Die Mediation selbst ist ein Teil der Streitkultur und insofern kulturell beinflusst und bedingt. Wenn sie an traditionelle Verhandlungsformen anknüpft, kann sie leichter angenommen werden, weil es kulturelle Vorlagen gibt. Es macht also Sinn in den Kulturen nach Streittraditionen zu suchen, um zu erkennen wo die Mediation ansetzen kann. Das mediative Denken erlaubt einen anderen Umgang mit Konflikten. Wenn es sich wie ein Kulturgut verbreitet, kann es die Streitkultur verbessern1 .

Hinweise und Fußnoten

Alias: Kulturgut
Bearbeitungshinweis: Textvollendung erforderlich.
Prüfvermerk: -

1 Siehe die Ausführungen zur Implementierung

An dieser Seite haben mitgearbeitet: Arthur Trossen .
Seite zuletzt geändert: am Dienstag Januar 9, 2018 13:26:35 CET von Arthur Trossen.