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Seiten-ID: 946 Kulturen verstehen und aufeinander abstimmen 3-Abteilung »  Archiv »  Archiv: Mediationen

Intermediation

CBM  Interkulturell International Inter-Mediation

Interkulturelle Mediation

Die Mediation im Anwendungsbereich „Kultur“


Die interkulturelle Mediation gehört zur Inter-Mediation. Die EU-Direktive sieht die Mediation als das internationale Verfahren, auf das sich alle Völker einlassen können. Nicht umsonst erwartet sie die Vereinheitlichung des nationalen Rechts wenigstens im Hinblick auf die internationalen Handelssachen. De facto kommen interkulturelle Konflikte nicht nur in Streitigkeiten vor, in denen verschiedene Staaten oder Staatsbürger involviert sind.

Kulturen verstehen

Anwendungsbereich

Merke:1

Die Grundsätze der interkulturellen Mediation gelten immer dann, wenn Menschen in Streit geraten, die aus unterschiedlichen Gruppen stammen, in denen unterschiedliche Werte und Verhaltensweisen charakteristisch werden.

Beachten Sie bitte, dass der Leitsatz nicht von Kulturen sondern von Gruppen spricht. Das liegt daran, dass die Prinzipien der interkulturellen Mediation nicht nur auf Ethnien beschränkt ist2 .

interkulturelle Konflikte ethnische Konflikte

Entstammen die Medianden unterschiedlichen Nationalitäten mit unterschiedlichen Sprachen, wird die Mediation zusätzlich durch die verbalen Sprachbarrieren (siehe Fremdsprachen) und unterschiedliche Rechtsanwendungen erschwert.

internationale Mediation

Bei der interkulturellen Mediation besteht die erste Herausforderung für den Mediator darin, die Verschiedenheit besonders der nonverbalen Kommunikation zu begreifen, abweichende Rituale zu erkennen und Werte abzustimmen.

Kultur begreifen

Die Kultur beschreibt gewohnheitsmäßige und traditionelle Denk-, Gerfühls- und Reaktionsformen, die charakteristisch für die Art und Weise sind, wie eine partizipative Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt ihre Probleme bewältigt.3 . Kultur wird sichtbar in Sprache, Nahrung, Kleidung, Kunst, Musik, Feiern, Rituale. Kultur ist nicht sichtbar in Erwartungen, Normen, Werte, Glauben, Annahmen. Innerhalb der Kultur helfen uns die kulturellen Gepflogenheiten und Sichtweisen, Bedeutungen zuzuschreiben und zu verstehen. Kultur bietet Raum für Herstellung und Demonstration von Zugehörigkeit, (eigene) Wertigkeit (nationaler Stolz) aber auch für Abgrenzung (zweier Kulturen).

Kultur bedeutet Identifikation


Die Kultur ergibt den Kontext, in dem wir das Verhalten der Menschen begreifen. Sie bedingt kulturabhängige Aspekte, an den sich Kulturunterschiede ausmachen lassen. Sie erweitern die im Rahmen des präzisen Zuhörens zu erfassenden Dimensionen.

Kultur

In dem EU-Projekt EuroMedNet, in dem auch Ausbildungen und Lehrmaterial zur Cross Border Mediation entwickelt wurden, sollten zusammen mit international tätigen Mediatoren die besonderen Kompetenzen eines interkulturell tätigen Mediators herausgearbeitet werden. Die Experten kamen schnell zu dem Ergebnis, das alles auf den Punkt bringt. Sie sahen die besondere Kompetenz darin, dass der Mediator naiv sein müsse wie ein kleines Kind. Das heisst, er muss neugierig auf alles sein und alles hinterfragen, auch das, was selbstverständlich zu sein scheint. Die Fähigkeit im Umgang mit Menschen aus anderen kulturellen Hintergründen wird als interkulturelle Kompetenz beschrieben.

Interkulturelle Kompetenz

Vergleichsparameter

Die Frage, ob sich ein Mediator mit fremden Kulturen auseinandersetzen muss, wenn er eine interkulturelle Mediation durchführt, ist ähnlich einzuschätzen wie die Frage nach seinem Fachwissen. Was er in jedem Fall wissen muss ist, woran sich Kulturunterschiede festmachen, wie unterschiedlich das Denken und Handeln in Kulturen aufkommt und wie er einen Weg herstellen kann den kulturellen Kontext als Bedeutungsinhalt zu verstehen und zu vermitteln.

Beispiel: Ein Deutscher ist mit einer Chinesin verheitatet. Bei einem Lehrgang in Thailand besucht er einen Nachtclub mit Table-Dance. Er berichtet seiner Frau davon. Für ihn war es eine vertrauensbildende Maßnahme. Für seine chinesische Frau war dies der Scheidungsgrund und es kommt zur Scheidungsmediation. Der Mediator überlegt sich im Vorfeld, ob er sich über Chinesen schlau machen soll. Er hat darauf verzichtet. Dafür hat er besonders aufmerksam zugehört. Ihm fiel folgendes auf: bei der Themensammlung nannte die Chinesin einmal die Scheidung, zum anderen, dass ihr Ehemann sie nicht wie ihre Mutter behandeln solle (auf Deutsch übersetzt: soll sie nicht wie seine Putzfrau behandeln). Der Mediator bemerkt den Widerspruch. Nach einer Scheidung ist die Frage wie die Frau behandelt wird relativ uninteressant. Weiterhin fielen auf, dass sich der Mann vor und während der Mediation ständig entschuldigt hat bei seiner Frau. Auch er beteuert, dass es keine sexuellen Handlungen gegeben habe. Ebenso häufig wiederholte die Chinesen, dass der Mann bei Gott und Buddha Treue versprochen hätte und dass er dieses Versprechen gebrochen habe. Der Mediator fiel auf, dass die Entschuldigung des Mannes keine Wirkung hat und er insistierte darauf, die Reaktion der Frau verstehen zu wollen. Der Mediator hat sich vorher die Erlaubnis eingeholt, Fragen die einen kulturellen Bezug haben könnten auf den Grund gehen zu dürfen. Seine Bohrungen führten schließlich zum Erfolg als die Frau fast nebenbei nur bemerkte, dass nur ein anderer Mann ihre Ehre wiederherstellen könne. Jetzt wurde klar dass es nicht um Schuld sondern um eine Ehrverletzung geht. Mit der Frage, wie sich die Ehre wiederherstellen lässt, konnte die Ehebeziehung aufrechterhalten bleiben.


Der Mediator hat stets die Wahl, ob er sich über die kulturellen Hintergründe seiner Medianden informiert, um sie korrekt einschätzen zu können. Gemessen an den von Geert Hofstede herausgearbeiteten Kulturdimensionen können auf Herkunftsländer bezogene Kulturvergleiche angezeigt werden. Das Tool steht unter www.geert-hofstede.com/countries.html für eine allgemeine, kostenlose Nutzung zur Verfügung. Der Kulturvergleich China / Deutschland sieht dort wie folgt aus4 :

geert-hofstede countries

Die Grafik ergibt, dass Chinesen ein ausgeprägteres Hierarchiebewusstsein haben, dass sie den Kollektivismus bevorzugen, dass sie eher dazu neigen Unsicherheiten zu vermeiden und dass die Nachgiebigkeit bei Chinesen stärker ausgeprägt ist als bei einem Deutschen. Ausaagen üaber die Paarbeziehung, die Bedeutung der Ehe sind im Kulturvergleich nicht zu entnehmen. Bei der Individualisierung, also der persönlichen Zuschreibung solcher Eigenschaften ist auch offen, ob die Mediandin eine typische Chinesin ist oder nicht. Immerhin hat sie schon eine Zeit in Deutschland gewohnt und hat auch einen internationalen Background.

Kultur hinterfragen

Der Mediator kommt also nicht daran vorbei, sich ein eigenes Bild über die Person zu machen, die ihm gegenüber sitzt. Anders als die interkulturelle Kommunikation erlaubte interkulturelle Mediation einen „Kulturkanal" zu öffnen. Dies geschieht in Phase eins wo der Mediator auf mögliche Kulturunterschiede hinweist und darauf, dass er diese möglicherweise nicht versteht. Er holt sich eine Erlaubnis ein, die Bedeutung von Aussagen und Handlungen auch unter kulturellen Aspekten zu hinterfragen. Er bittet die Partei gegebenenfalls, ihre Sicht auf ihre Kultur darzulegen. Bei dieser Vorgehensweise schützt sich der Mediator selbst vor Stereotypen, indem er das Handeln der einer fremden Kultur angehörigen Person nicht automatisch an vorgegebenen Einschätzungen misst. So stellt er auch sicher, dass der Gegner über die kulturellen Einflüsse gewahr wird.

Kultur als Konfliktgrund

Auf einer Veranstaltung des EFRJ über interkulturelle Konflikte im Juni 2017 in Berlin kamen die Experten sehr schnell und einhellig zu dem Ergebnis:

Es gibt keine interkulturellen Konflikte


Tatsächlich sind echte interkulturelle Konflikte, also Auseinandersetzungen, in denen die Kultur den Konfliktgrund bildet, kaum vorstellbar. Die Kulturunterschiede werden von den Parteien allerdings als einfacher Erklärungsversuch für die Auseinandersetzung benutzt. Sie werden instrumentalisiert, um die Position innerhalb der Auseinandersetzung zu verstärken und Lagerbildungen zu ermöglichen.

Für den Mediator bedeutet dies, dass er den wahren Konfliktmotor für die Auseinandersetzung herausarbeiten muss. Hierbei hilft ihm die Erkenntnis, dass es nicht die Kulturen sind, die sich begegnen, sondern die Menschen5 .

Wertesysteme

Eine Besonderheit der interkulturellen Mediation ist das regelmäßige Aufeinandertreffen von einander abweichenden Wertesystemen, die nicht nur durch die Kultur, sondern auch durch die religiöse Haltung (Moslems, Christen, Juden, Zeugen Jehovas, usw.), die Zugehörigkeit zu Sekten, die ökonomische Haltung (Kapitalismus, Kommunismus), die moralische Haltung (Themen wie Abtreibung, Tötung) oder die Zugehörigkeit zu Klans und Stämmen geprägt werden. Der Mediator ist gut beraten, wenn er auch diese Werte nach dem Prinzip der Konfliktdimensionen herausarbeitet und die Konflikte als Wertekonflikt behandelt. Dabei gibt es zwei Schwerpunkte zu beachten:

  1. Das Wertesystem hat Einfluss auf die Bedeutungszuschreibung (Verstehensprozess).
  2. Das Wertesystem hat Einfluss auf die Lösung (Verteilungsbedingungen)

Das Herausarbeiten der kulturell geprägten Bedeutungswirklichkeit trägt zum wechselseitigen Verstehen und Tolerieren bei. Auch hilft es dabei, Gemeinsamkeiten herauszufinden. Werte setzen aber auch Grenzen. Wenn sie zum Hindernis für die Lösungsfindung werden, gibt es drei Strategien, wie die Wertesysteme zu behandeln sind:

multikulturell
Kulturen (und mit ihnen die kulturbedingten Handlungsanweisungen und Wertezuschreibungen) stehen in einem Wettbewerb
interkulturell
Kulturen versuchen sich zu integrieren, indem eine Kultur die Handlungsanweisungen und Wertezuschreibungen der adneren Kultur übernimmt.
transkulturell
Die Kulturen arbeiten die jeweils optimalen Anforderungen heraus und versuchen sie in eine neue Kultur (neues Kulturverständnis) zu überführen.

Wertekonflikte

Häufig wird der Standpunkt vertreten, Wertkonflikte seien nicht oder nur sehr begrenzt verhandel- oder mediierbar. Erfahrungen belegen jedoch, dass auch solche Konflikte mediierbar sind, wenn bewusst mit dem Wertedilemma umgegangen wird und die Mediation als koevolutionärer Lernprozess verstanden wird6

Bedeutung für die Mediation

Der kulturelle Einfluss ist sowohl hinsichtlich der Bedeutungszuschreibung als auch der möglichen Lösungsoptionen stets zu hinterfragen, so wie auch herauszuarbeiten ist, auf welcher Ebene der Konflikt genau etabliert ist. Hierbei helfen die Konfliktdimensionen. Der Mediator könnte fragen: "Wie fühlt sich der Konflikt an, wenn die Gegenseite der gleichen Kultur angehört?".

Was tun wenn ...

Hinweise und Fußnoten

Alias: Kultur
Siehe auch: CBM, interkulturelle Konflikte, ethnische Konflikte
Archiv: Ein Beitrag zum Mediationsarchiv
Bearbeitungshinweis: Textvollendung erforderlich.
Prüfvermerk:

1 Dies ist ein Lehrsatz von: Allgemein, in-Mediation
2 Nähere Ausführungen zum Kulturbegriff siehe Kultur
3 Hofstetter
4 Die Grafik wurde mit einem auf der Seite geert-hofstede.com bereitgestellten Auswertung erstellt: https://geert-hofstede.com/china.html, download am 14.6.2017
5 Zitat von Duss-von Werdt, siehe Kultur
6 Montada räumt der Mediation beispielsweise in dem Beitrag „Gerechtigkeit und Rechtsgefühl in der Mediation“ eine konstruktive Lösungsmöglichkeit zu