Lade...
 
Wiki to Yes, das Metaportal
Seiten-ID: 1403 Toolbox Mediation: Komplexität

Toolbox

Komplexität erkennen und bewältigen

Lernziel: Das ist eine echte Herausforderung, nicht nur für Mediatoren. Von ihnen wird sie allerdings erwartet!
Diese Toolbox soll die Komplexität ausweisen, die sich dem Mediator stellt. Sie versucht eine Dimensionierung, sodass es möglich wird, die Komplexität auf die Mediation zu beziehen und in ihr anzuwenden.




Komplexität
Wie Sie die Komplexität bewältigen können
Los geht's

Automotive 149182 640

Das ist keine Mediation!
Ein Mediator darf keine Vorschläge machen!
Ein Mediator darf nicht beraten!
Ein Mediator evaluiert nicht!


So etwa lauten mutige Aussagen über die Mediation.
Es sind irreführende und gefährliche Simplifizierungen. So einfach lässt sich die Mediation nicht in Formeln verpacken. Dafür ist sie viel zu komplex. Sie werden selbst erkennen, warum und wie diese Regeln zu relativieren sind.

Stellen Sie sich der Komplexität stellen, um sie Schritt für Schritt zu bewältigen. Deshalb geht es zunächst nur darum, ein Bewusstsein für die beachtliche Vielfalt herzustellen, mit der sich ein Mediator auseinanderzusetzen hat. Sie ist eine grundlegende Erkenntnis für jeden, der eine gute, professionelle Mediation anbieten will.

Struktur im Chaos

Komplexität wird als Vielschichtigkeit, als das Ineinander vieler Merkmale definiert. Komplex bedeutet: viele verschiedene Dinge sind umfassend, allseitig, vielschichtig und unregelmäßig zusammengesetzt; nicht allein für sich auftretend, ineinandergreifend, nicht auflösbar.
Juristen beispielsweise sagt man nach, sie könnten besonders gut mit Komplexität umgehen. Der Grund ist die Methode der Subsumtion, die ein strukturiertes Herangehen an die Falllösung erlaubt. Bei genauem Hinsehen, können Juristen aber nur deshalb mit Komplexität umgehen, weil sie Komplexität auf Fakten und Rechtsfolgen reduzieren. Komplexität wird selektiert. Die Mediation kann sich das nicht immer erlauben, denn ihr Gegenstand bezieht sich auf mehr als nur auf Fakten und Rechtsfolgen.
Mediation ist Arbeit am Konflikt.

Auch Konflikte sind vielschichtig und manchmal nicht auflösbar. Systemtheoretisch betrachtet können Konflikte selbst als komplexe Systeme in einer komplexen, interagierenden Welt beschrieben werden. Kein Wunder also, wenn ein Verfahren, das sich mit Konflikten befasst, nicht minder komplex ist.

Die Mediation kann den Fall (Konflikt) in seiner gesamten Komplexität abwickeln und ist selbst dementsprechend komplex.
Wir wollen uns nicht in dem Thema Komplexität verlieren, aber ein Bewusstsein darüber herstellen, das für eine professionelle, methodisch saubere Arbeit in der Mediation und zum Verständnis der Mediation unerlässlich ist. Deshalb fassen wir nur kurz die Merkmale der Komplexität in einer Liste zusammen, um daraus die Anforderungen abzuleiten, die der Umgang mit Komplexität erfordert.

Merkmale der Komplexität

Die wichtigsten Merkmale der Komplexität lassen sich wie folgt zusammenstellen:

  1. Es gibt sehr viele Variablen (siehe Anforderung 1)
  2. Variablen sind „vernetzt“ (siehe Anforderung 3,5)
  3. Intransparenz (siehe Anforderung 2)
  4. Eigendynamik (siehe Anforderung 4)
  5. Große Lücken (siehe Anforderung 4,5)

Aus den Merkmalen ergeben sich folgende Anforderungen:

  1. Die Koordination verschiedener Handlungsstränge ist notwendig. Eins nach dem anderen geht nicht! Die Metapher vom Puzzle hilft, sich vom monokauslem Denken zu befreien
  2. Die Wirkfaktoren sind teilweise unbekannt. Hypothesenbildungen sind notwendig. Sie verhindern auch die Gefahr von ideologischen Schnellschüssen, wie die auf die Mediation bezogenen falschen Mythen!
  3. Unter ähnlichen Bedingungen sind unähnliche Maßnahmen erforderlich. Nichts ist immer richtig oder immer falsch! Alles, wirklich alles hagt zwei Seiten, wenn nicht mehr. Der Mediator muss lernen sie stets im Blick zu haben.
  4. Kontrolle des Handelns ist schwierig! Allerdings ist es möglich, Interaktionen zu beeinflussen.
  5. Zielflexibilität ist notwendig! Damit ist die Ergebnisoffdenheit angesprochen, die ja ein wesentliches Merkmal der Mediation ist.

Chaos als Chance

In einem derart komplexen System ist es kaum vorhersehbar, was als Nächstes passieren wird. Das Chaos ist ein Symbol dafür. Es belegt eindringlich, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist. Sie lässt sich nicht planen, ebenso wenig wie die Vergangenheit. Dalai Lama sagte einmal:

Es gibt zwei Tage im Jahr, an denen man nichts machen kann, gestern und morgen.


Was sich planen lässt ist die Gegenwart. Auf die Mediation bezogen liegt der Fokus also nicht auf dem was hinten raus kommt, sondern darauf, was gerade geschieht. In der Gegenwart werden die Bedingungen gesetzt, aus denen sich die Zukunft gestaltet. Die Bedingungen nehmen somit Einfluss auf das was in der Zukunft geschieht.

Der Andere (das Gegemüber, die andere Partei) lässt sich nicht steuern. Besonders in einem Verfahren, das durch Freiwilligkeit geprägt ist, sind Anweisungen eher deplatziert. Erst recht, wenn die Parteien selbst eine Lösung finden sollen und wo ihre Hoheit durch das Prinzip der Freiwilligkeit eingefordert und bestätigt wird, nutzt es nicht viel, im Kopf der Anderen zu denken.

Wir müssen akzeptieren, dass sich die Parameter eines interaktiven Prozesses in komplexen Systemen wie das Chaospendel verhalten. Sie können nicht voraus berechnet werden, wenn schon der Flügelschlag eines Schmetterlings genügt, um einen Hurrikane auszulösen. Der Schmetterlingseffekt1 bezeichnet die große Empfindlichkeit auf kleine Abweichungen in den Anfangsbedingungen bei komplexen, nichtlinearen dynamischen und deterministischen Systemen wie die Mediation.

Kybernetik der Mediation

Das alles muss der Mediator im Blick haben und dennoch muss er durch das Verfahren navigieren. Manche Mediatoren verlassen sich auf ihre Intuition. Sie folgen einem Bauchgefühl. Ein solches Verhalten kann sogar professionell geboten sein, wenn es mit Bewusstsein und Bedacht geschieht. Dann erst recht braucht der Mediator ein Tool, um die Komplexität zu bewältigen. Kybernetik heißt Steuerung. Stellen Sie sich vor, Sie müssten mit den Parteien ein Boot durch gefährliches Gewässer navigieren. Dieses Bild liefert eine weitere Metapher, die einen Eindruck davon hinterlässt was der Mediator zu leisten hat.

Tourstart

In der Einleitung wurde die Mediation hinsichtlich der zu bewältigenden Komplexität mit Schach verglichen. Zwar ist die Mediation anders als Schach kein Nullsummenspiel. Dennoch ist ihre Komplexität durchaus miteinander vergleichbar. Auch in der Mediation stellen sich bereits nach der ersten Interaktion unbegrenzt viele Optionen her.

 Merke:

Von einem Profi-Mediator muss man erwarten, dass er die Komplexität bewältigen kann! 2

Wie gelingt ihm das? Wie beim Schach hilft die Kenntnis der Spielregeln nur wenig bei der Entscheidung, welche Interventionen (Spielzüge) passend und zielführend sind. Was meint dann das Mediationsgesetz, wenn es dem Mediator in § 1 Abs. 2 die Verantwortung für die Durchführung der Mediation überträgt? Die Vorschrift besagt wörtlich:

Ein Mediator ist eine unabhängige und neutrale Person ohne Entscheidungsbefugnis, die die Parteien durch die Mediation führt

Wir werden uns mit dieser nicht ganz unproblematischen Regelung an anderer Stelle noch auseinanderzusetzen haben. Zweifellos zutreffend ist indes, dass die Mediation eine Navigation erfordert, die es erlaubt, durch ein komplexes Verfahren zu steuern, bei dem unklar ist was hinten heraus kommen soll. Für die Navigation gibt es zwei unterschiedliche Modelle, die an zwei grundlegend zu unterscheidenden Sichten auf die Mediation anknüpfen:

 Merke:

Es gibt eine mechanistische und eine systemische Sicht auf Mediation 3

Die mechanistische Sicht

Altbewährtes hilft, wenn es darum geht, Probleme zu lösen. Deshalb erscheint es naheliegend, die Mediation wie andere Verfahren abzuwickeln, bei denen die einzelnen Schritte formal und chronologisch vorgegeben sind. Die Vorgehensweise erinnert an eine Produktion, deren Produkt die herbeizuführende Lösung ist. In dieser Sicht steht die herbeizuführende Abschlussvereinbarung im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Für viele Mediatoren ist es eine Erleichterung zu wissen, was wann zu tun ist, um ein vorgegebenes Ziel zu erreichen und zu wissen, wie der Produktionsprozess verläuft. Allerdings verleitet die Beschreibung eines Produktionsprozesses zu einer standardisierten Fertigungsmethode. Im Vordergrund steht die Mechanik, bei der das Verfahren mehr oder weniger konsequent formal zu steuern ist. Die Mechanik orientiert sich an vereinfachenden, monokausalen und monochronen Kategorien, die zwar zu einer überprüfbaren aber mehr oder weniger formal definierten Kommunikation führt.

Mechanistische Sicht: „Du darfst diese Frage nicht stellen. Sie gehört in die Phase 3. Du bist aber erst in der Phase 1“, kritisieren die Anhänger der mechanistischen Sicht den Verfahrenslauf im Rollenspiel einer Mediation.

Die systemische Sicht

Was der Mediator niemals vergessen sollte, ist die Tatsache, dass die Mediation die Lösung aus sich selbst heraus produziert. Der Mediator produziert also nicht die Lösung, sondern den Prozess. Der Fokus ist nicht auf die Abschlussvereinbarung gerichtet, sondern auf das dazu führende Geschehen. Nur so erfüllt er die Anforderungen zur Bewältigung der Komplexität.

Die Mediation weiß, dass ein Problem nicht nur aus Sachverhalten, Argumenten und Rechtsfolgen besteht. Besonders dann, wenn das Problem an einen Konflikt gebunden ist. Ein Konflikt lässt sich von Rechtsfolgen nur wenig beeindrucken. Ein Verfahren, das Konflikte beilegen will, muss sich auch auf die menschliche Irrationalität und ihre Individualität einlassen können. Es muss sich über die selektive Logik einer entweder oder Entscheidung hinwegsetzen und alle Einflüsse berücksichtigen, die den zur Lösung führenden Erkenntnisgewinn der Parteien ermöglichen.

Nur die systemische Sicht erlaubt es, ALLE Einflüsse auf den Entscheidungsprozess im Blick zu haben.
Der Mediator muss sich fragen, wie sich den Parteien Erkenntnisse erschließen, (nicht welche!) die es den Parteien ermöglichen, die zu ihnen passende Lösungen zu finden.

 Merke:

Die Lösung ist nicht nur nicht bekannt, sie ist auch völlig irrelevant! 2

Der Mediator sollte nie aus dem Blick verlieren, dass die Lösung erst gefunden werden will. Er muss deshalb Wege finden, wie er die Parteien aus der Irrationalität des Konfliktes herausführen und die Individuen mental zueinander bringen kann. Er selbst und seine Meinung sind dabei völlig irrelevant.

Das klingt nicht nur wie eine Paradoxie, sondern auch wie eine Herausforderung. Die wissenschaftliche Grundlage für den zielführenden Ansatz bildet die wenig bekannte Kybernetik. Sie begnügt sich, anders als die konservative Naturwissenschaft nicht damit, Materie und Energie zu analysieren.

Elemente: Was hilft es, wenn man weiß, dass ein Gegenstand aus etwa 15 kg Kohle, 4 kg Stickstoff, 1 kg Kalk, 1/2 kg Phosphor und Schwefel, etwa 200 g Salz, 150 g Kali und Chlor und etwa 15 anderen Materialien sowie aus 4 – 5 Eimern Wasser besteht?


Die Kybernetik erkennt, dass erst die Organisation der Rohstoffe entscheidend dazu beiträgt, die Erscheinungsform überhaupt beschreiben zu können. Die genannten Rohmaterialien sind das, was wir erhalten, wenn wir einen Menschen in seine Bestandteile zerlegen. Die Bausteine können alles Mögliche ergeben. Sie genügen nicht zur Beschreibung, was den Menschen ausmacht.

Die Kybernetik und die eng mit ihr im Zusammenhang stehende Systemtheorie haben es ermöglicht, die dritte Grundgröße der Natur, nämlich die Information über den Zusammenhang der Bestandteile, überhaupt zu verstehen. Kybernetik heißt so viel wie steuern. Wie aber lässt sich ein Prozess steuern, der so schwer vorauszuplanen ist? Wieder hilft der Vergleich mit Schach. Selbst beim Schach lassen sich nur wenig Züge vorausdenken. Der Schachprofi sagt:

Schach ist ein sehr komplexes Spiel. Hohe Konzentrationsfähigkeit und ein Gespür für Situationen ist wichtig. Worauf es dann ankommt ist die Stellungsbewertung. Das ist viel schwieriger als weit voraus zu rechnen. Stur diesem oder jenem Plan zu folgen ist oftmals der Untergang. Man muss flexibel zwischen Plänen hinund herwechseln können. Man kann auch nicht einfach einen Zug einem konkreten Plan zuordnen.


Das klingt wie die Beschreibung der Mediation und ist ein Abgesang der mechanistischen Sicht. Mit den Parteien eine Mediation durchzuführen heißt, die Situation korrekt einzuschätzen, um die daraus entstehenden Interaktionen zu steuern. Wenn die Parteien die Lösung finden sollen, müssen sie die Gedanken finden, die ihnen die Lösung erschließt. Wie kann das gelingen, wenn die Interaktionen von Menschen, die der Mediator gar nicht kennt, derart vielen Einflüssen unterliegen, dass sie wie beim Chaos kaum berechenbar sind?

Komplexität ist eine Herausforderung, der sich ein Mediator zu stellen hat. Er wird dabei vom Prozess unterstützt, weil er Informationen nicht zu verarbeiten hat und sich voll und ganz auf die Verfahrenssituation einlassen kann.

Der erste Schritt zum Verständnis der Wirkungsweise der Mediation besteht darin, sich der Komplexität zu stellen und sich ihrer bewusst zu werden. Die Auseinandersetzung mit der Komplexität führt zu einer der ersten grundlegenden Fragen. Es ist die Frage, worauf sich die Komplexität überhaupt bezieht. Sie lautet: Was ist der Kontext?

Sie werden noch zu lernen haben, dass ein Mediator den Kontext niemals aus den Augen verlieren sollte. Es ist ein wahrnehmungspsychologisches Problem, dem wir in unseren Seminaren mit der Fiktion eines Kinobesuchers begegnen. Der Kinobesucher hat die Perspektive eines Betrachters von außen.

Die Gesellschaft beispielsweise ergibt eine andere Komplexität als der einzelne Mensch, die Familie oder die Arbeitswelt. Der Konflikt bildet mitunter eine eigene Komplexität heraus, die mit diesen Komplexitäten interagiert. Mit Hilfe der Systemtheorie lassen sich diese Komplexiäten als Systeme definieren, so dass die Interaktionen deutlicher zu beschreiben sind. Konflikt und Parteien lassen sich dann in einem Streitsystem zusammenfassen.

Als Streitsystem definiert, kann der Konflikt selbst wie ein System betrachtet werden, das sich wie alle Systeme erhalten will und das mit anderen Systemen, wie dem System Recht, dem System Familie, dem System Arbeit in einem irgendwie gearteten Zusammenhang steht. Das Streitsystem, kommuniziert demzufolge mit sich und anderen Systemen, so dass sich erst, wenn Sie die gesamte Systemik, also alle Systeme einschließlich ihrer Umwelt im Blick haben, deren interaktiver Zusammenhang beschreiben lässt. Die Mediation könnte als ein weiteres System daneben gestellt werden. Liegt ein Konflikt zugrunde, geriert sich das zu lösende Problem lediglich als eine Erscheinungsform des Konfliktes. „Es geht um etwas ganz anderes“ ist die erste Beobachtung von Mediationsschülern.

Leider hat der Gesetzgeber die Begriffe Streitbeilegung und Konfliktbeilegung gleich gesetzt, indem er mit der Einführung des Mediationsgesetzes in allen Vorschriften den Begriff Streitbeilegungsverfahren in Konfliktbeilegungsverfahren ausgetauscht hat. Ein Konflikt und das ihn zeigende oder auslösende Problem sind aber zweierlei. Es sind zwei unterschiedliche Dimensionen derselben Komplexität, wobei das Problem mit einem Flaschenöffner verglichen werden mag, der die Symptome des Konfliktes offen und den Zugang zur Konfliktbeilegung nahe legt.

Damit das Streitsystem in all seinen Dimensionen und Interaktionen überhaupt erkennbar wird, muss es von außen betrachtet werden. Dabei hilft es, die Mediation selbst als ein komplexes System zu begreifen, das sich von den anderen Systemen und insbesondere von dem Streitsystem abgrenzen lässt. Daraus folgt der Grundsatz:

 Merke:

Wenn die Mediation auch den systemischen Zusammenhang als Teil der Konfliktlösung behandeln will, darf sie selbst nicht zum Teil des Streitsystems werden.2

Es wird deutlich, dass sich das Streitsystem nur aus einer Außenperspektive betrachten lässt. Die Außenperspektive ist den Parteien verborgen. Selbst die Innenperspektive ist ihnen im Konflikt meist nur einseitig bekannt. Unsere Sinne sind darauf angelegt, nur die Außenwelt wahrzunehmen und das auch noch in höchstem Maße selektiv. Die sinnliche Wahrnehmung erfasst in erster Linie den Gegner. Damit ist geklärt wer die Schuld an dem Problem zu tragen und wer es zu lösen hat. Wenn es das Ziel der Mediation ist, eine Win-Win-Lösung zu finden, die auf Gemeinsamkeiten aufsetzt und den Nutzen aller Parteien berücksichtigt, muss es gelingen den Blick auf den Gegner in einen Blick auf das ganze Streitsystem zu öffnen.

Das ganze Bild ist ein komplexes Bild  


Es differenziert die Lage der Parteien, die Ausgestaltung des Problems, das Mit- oder Gegeneinander der Akteure, sowie die Einflüsse anderer Systeme, zu denen auch die Mediation gehört. Weder der Mediator noch die Parteien sind in der Lage, ein derart komplexes Bild zu kennen. Es muss erst generiert werden. Der Vergleich mit einem Puzzle ist deshalb angebracht, wo der Mediator zwar nicht das Bild kennt, aber weiß wo die Puzzlesteine anzulegen sind, damit sich das gewünschte Bild herstellen lässt. Die Komplexität der Aufgabe erwartet von ihm, dass er mit der Wahrnehmung, dem Denken und den darauf bezogenen Interaktionen zurecht kommt3. Seine Rolle unterstützt den Prozess. Denn sie erlaubt die unbefangene Distanz, die notwendig ist um das Streitsystem von außen in all seinen Relationen zu beleuchten.
Natürlich sollte die Erkenntnis, dass der Mediator eine Außensicht zurückmeldet, nicht darüber hinweg täuschen, dass die Mediation zwar ein eigenständiges System repräsentiert aber dennoch durchaus auch zum Teil des Streitsystems wird. Sie ist es schon deshalb, weil sie dazu beiträgt, den Konflikt zu lösen und das Streitsystem zu verändern. Mediatoren müssen sich über diesen Spagat im Klaren sein und darüber, dass und wie sich die Komplexität des zu lösenden Falles auf verschiedene Systeme bezieht. Nur wenn der Mediator dieses Zusammenspiel im Blick hat, kann er ein Bewusstsein entwickeln, mit dem auch komplexere Fälle zu lösen sind.
Hilfe bieten Ordnung und Struktur.

Strukturelle Orientierungshilfen

Die Mediation gibt mit ihrer Struktur eine Vorgabe, mehr aber auch nicht. Der Mediator ist deshalb gut beraten, wenn er die Parameter kennt, die es ihm erlauben, durch die Komplexität zu navigieren. Sie ergeben sich aus dem Kontext, den Dimensionen und den Funktionalitäten der komplexen Systeme und sind wie folgt zu unterscheiden:

Kontext
Um die Komplexität der Mediation zu bewältigen, muss der Mediator zunächst in einem ersten Schritt die Vielschichtigkeit der interagierenden Systeme, also die des Verfahrens und mindestens die des zu bearbeitenden Falles und die einer

jeden Partei als die zu koordinierenden Realitäten begreifen und auseinander halten. Die Komplexität findet sich also in einem auf das Verfahren, auf die Parteien und in einem auf den Fall bezogenen Kontext wieder. Die zu bewältigende Komplexität hat einen Verfahrens-, einen Personen und einen Fallbezug.

Dimensionen
Der zweite Schritt besteht darin, die Komplexität kontextbezogen in überschaubare Einheiten zu deklinieren. Die Einheiten sind gedankliche Ebenen, die wir Dimensionen4 nennen. Sie erlauben eine kognitive Ordnung und helfen, das

Ausmaß der Komplexität durch Strukturierung5 zu erfassen. Dimensionen sind wie gedankliche Schubladen, die helfen, die Komplexität zu erfassen

Functional Units
Die Beschreibung des Zusammenspiels der Dimensionen und ihre Zusammenführung mit den Bausteinen des Verfahrens bildet den dritten Schritt. Er soll dazu beitragen, die Komplexität des Verfahrens und der zu regulierenden Vorgän-

ge zu koordinieren. Die so genannten functional Units6 helfen dabei, die Vernetzung und Funktionalität von Bausteinen und Dimensionen in ihrem Zusammenspiel zu beschreiben. Um die Mediation zu begreifen, kommt es darauf an, ihre innere Logik, die Funktionsweise und die Interaktionen der einzelnen Elemente zu erkennen

Komplexität als Feature

Wenn Sie genauer hinschauen, ergibt sich aus dem Bug ein Feature. Sich der Komplexität zu stellen heißt, nicht gegen sie sondern mit ihr zu arbeiten. Das erfordert Erfahrung und ein Umdenken. Der Weg dorthin heißt:

Verstehen und Üben!  


Es gibt verschiedene Sichten auf die Mediation. Zumindest im Verständnis der Integrierten Mediation ist die Mediation ein Verfahren, das die Komplexität bewältigen kann und soll. Damit ihr der Umgang mit der Fallkomplexität gelingt, muss die Mediation zunächst mit ihrer eigenen Komplexität zurecht kommen.

Die Verfahrenskomplexität folgt dem informellen Charakter der Mediation und der Notwendigkeit, personenund situationsabhängige Verfahrensentscheidungen zu treffen.

Die Notwendigkeit, sich der fallbezogenen Komplexität zu stellen, ergibt sich aus dem informellen Verfahrenscharakter der Mediation. Wir kommen zurück auf die Metapher des Schachspiels. Es gibt nur wenig Regeln, die dem Mediator sagen, was im Einzelfall zu tun ist. Wie beim Schach müssen verfahrensbezogene Entscheidungen aus der Situation heraus getroffen werden. Werner Schieferstein beschreibt die Mediation deshalb als Tanz mit dem Moment. Es ist ein wunderschönes (weiteres) Bild, das die Mediation gut beschreibt und zu ihrem Verständnis beiträgt. Was von außen so leicht anmutet, wird schwierig, wenn man selbst die Gespräche zu führen hat. Das ist eine Erfahrung, die jeder Mediationsschüler irgendwann zu überstehen hat.

Worauf kommt es an? Selbst Kramnik, der Schachweltmeister räumt ein: „Schach ist so tief, manchmal fühle ich mich einfach nur verloren“4 .

Trotz einer vergleichbaren Tiefe mit Schach (die Mediation geht noch viel tiefer) sollte sich das Gefühl des Verlorenseins in der Mediation nicht herstellen. Was für den Schachweltmeister ein Problem ist, ist für den Mediator ein Feature; allerdings nur dann, wenn er mit ihm umzugehen weiß. Dann verwandelt er das Verlorensein in einen Gewinn für die Mediation. Dann gelingt es ihm, mit dem Moment zu tanzen.
Klingt das paradox? Nicht mehr, wenn die Mediation als ein Klärungsprozess verstanden und das Verlorensein als Hinweis auf ungeklärte Umstände angesehen wird. Wenn sich Anfänger „verloren fühlen“ liegt es oft daran, dass sie nicht wissen, was als nächstes zu tun ist oder wie man mit einer Situation umzugehen hat. Darauf kommt es nicht an.

 Merke:

Auf das Verstehen kommt es an!2

Richtig wäre deshalb die Frage, die der Stellungsbewertung beim Schach entspricht. Sie lautet: „Was geschieht hier gerade?“. Die Antwort auf die Frage, was zu tun ist, richtet sich in die Zukunft. Sie erschließt sich aus dem Verstehen der Gegenwart. Der daraus abzuleitende Grundsatz lautet:

Es gibt keinen Grund sich in der Mediation verloren zu fühlen, wenn der Mediator versteht, dass nicht er sondern die Mediation das Ergebnis herbeiführt. Seine Aufgabe ist es, die Parteien in die Mediation zu geleiten und in der Mediation zu halten.
Um zu erkennen, wie mit schwierigen Situationen umzugehen ist, muss der Mediator das Verfahren genau verstanden haben. Nur so lässt es sich beherrschen. Er muss nicht wissen, wie er Menschen knackt. Er muss wissen, was für die Mediation relevant ist und was wie einzubeziehen ist, damit sich die Mediation verwirklichen kann.

Wir werden möglicherweise noch einige Toolboxen brauchen, um das zum Verstehen der Zusammenhänge nötige Wissen zu vermitteln. Die Ausbildung wird zwangsläufig zu einem Patchwork, bei dem sich erst am Ende das Bild über die Mediation vervollständigt.
Haben Sie bitte etwas Geduld

Zusammen kriegen wir das Puzzle gelöst, so dass sich Ihnen das vollständige Bild über die Mediation erschließt. Mit Geduld trainieren Sie übrigens eine der wichtigsten Tugenden des Mediators. Bleiben Sie also gelassen und entspannt. Wir nähern uns dem Ziel in kleinen Schritten.
Wenn wir angekommen sind, werden Sie sehen, dass die Mediation eine ganz einfache Logik hat. Ohne die Mediation zu kennen sagte Dostojewski bereits: „Gerade die einfachsten, die klarsten Ideen, gerade die sind meist schwerer zu verstehen“. Auch Goethe hat erkannt: „Alles ist einfacher, als man denken kann, zugleich verschränkter, als zu begreifen ist“.

Die Zusammenführung der Teile

Die kleinen Schritte mit denen wir das Bild über die Mediation vervollständigen, erfordern es, die Bausteine zu kennen aus denen sich eine Mediation zusammensetzen lässt. Erst dann lassen sich die Teile korrekt auszuwerten und zusammenzuführen.

Vom Spieltyp passt die Mediation sehr gut zu einem Puzzle. Das Puzzle ist ein Rätsel. Es ist ebenso wie die Mediation ein Suchspiel5 . Bezogen auf den Kontext sind in der Mediation allerdings mindestens zwei Puzzles zu legen, das der Mediation selbst und das des Falles.

 Merke:

Es ist die Aufgabe des Mediators, zu erkennen, welche Bausteine und Elemente wie in das Bild passen und wo sie hingehören, damit eine Mediation einerseits und eine darauf basierende Lösung andererseits erkennbar wird 2

Puzzle

Das Puzzlebild der Mediation

Bei dem Bild über die Mediation (Verfahren) kommt es darauf an, die Puzzlesteine (Bausteine, Elemente) so zusammenzulegen, dass am Ende eine vollständige Mediation entsteht. Der Mediator kennt die Struktur zumindest im Groben. Was er in keinem Fall wissen kann sind die Puzzleteile, die von den Parteien eingebracht werden. Bekommt er einen neuen Puzzlestein (beobachtet er ein Phänomen) hilft ihm die Frage, was er als Nächstes zu tun hat nicht viel weiter. Sie wäre vergleichbar mit der Frage, wo er den Puzzlestein hinlegt. Diese Frage kann er aber erst beantworten, wenn er weiß, zu welchem Spiel der Puzzlestein gehört und was auf ihm zu sehen ist.

Anstatt also zu fragen, was als Nächstes zu tun ist, sollte er sich dafür interessieren, ob das, was er gerade erlebt, überhaupt ein Spielstein ist (zum Spiel, Fall, Verfahren) gehört. Erst dann kann er darüber nachdenken, ob und wie der Spielstein ins Puzzle passt und wo er hinzulegen ist. Dann lautet die Frage: „Wohin passt der Puzzlestein eigentlich, der mir gerade vor die Füße geworfen wurde? Wo lässt er sich gegebenenfalls in die Mediation einfügen, damit daraus ein stimmiges Bild (über die Mediation) entsteht?“. Den Rest erledigt die Mediation.

 Merke:

Die Aufgabe des Mediators ist es also, die Mediation zu verwirklichen 2

Die Mediation gibt bereits eine Struktur vor. Sie ist aber nicht ausreichend, um den Erkenntnisprozess zu steuern.

Das Puzzlebild der Lösung

Die Mediation ist kein Selbstzweck. Sie soll eine Lösung herbeiführen. Genau betrachtet werden also mindestens zwei verschiedene Bilder gelegt, die allerdings ineinander verwoben sind:

  1. Das eine Bild ist das Puzzle über die Mediation. Hier ist die Vorlage bekannt
  2. Das andere Bild ist das Puzzle über die zu findende Lösung.

Hinsichtlich der zu findenden Lösung geht es anders als bei einem Puzzle darum, ein Bild zu legen, das keine Vorlage hat. Weder der Mediator noch die Medianden kennen sie. Was der Mediator weiß ist, dass es die verschiedensten Bausteine gibt, die sich aus den Interaktionen erschließen lassen, damit sie sich korrekt in die zu zeichnenden Bilder einfügen können.

Das 3 D Puzzle

Für den Mediator stellt sich das Puzzle ungefähr wie im Bild gezeigt vor. Er kann sich nicht einmal sicher sein, dass alle Teile zum selben Spiel gehören. Auch gibt es doppelte und fehlende Steine.

Das einzige was der Mediator weiß ist, dass die Mediation und die Lösung Teile des selben Erkenntnisprozesses sind. Die Erkenntnis über die Lösung bezieht die Erkenntnis über den Weg dorthin zumindest teilweise ein. Es gibt Überschneidungen zwischen dem zu lösenden Problem, der zur Lösung führenden Vorgehensweise und der zu findenden Lösung. Anders gesagt: es gibt einen logischen Zusammenhang zwischen dem Ausgangspunkt (Phase 2, Konflikttheorie), der Strategie (Phase 1, Bewältigung) und dem zu erreichenden Ziel (Phase 5, Beilegung).

Das Verhalten könnte darauf hindeuten, dass die Partei das Spiel nicht verstanden hat, dann gehört der Puzzlestein in die Phase 1. Das Spiel muss nachjustiert werden. Andererseits könnte das Verhalten aus der Wut begründet sein und den Konflikt ausdrücken. Dann gehört der Puzzlestein zur Phase 3. Der Konflikt muss bearbeitet werden. Der Mediator muss unterscheiden können, was zum Einen und zum Anderen gehört und er muss das Eine oder das Andere ins Verfahren einbeziehen können.

Es ist ein Weg durch unwegsames Gelände, bei dem es nur wenig Orientierungen gibt.

Der Weg durch das Ungewisse

Das in der Einleitung bereits angesprochene irrationale Konfliktverhalten der Parteien bedeutet in der Metapher des Puzzles, dass die Parteien manche Steine vortäuschen und andere verstecken. Das Puzzle wird zu einem Hütchenspiel. Der Mediator sollte sich dazu nicht eingeladen fühlen, denn das wäre das falsche Spiel. Die Mediation kommt ohne Täuschung aus. Dem Erklären wird ein höherer Stellenwert eingeräumt als dem Argumentieren. Der Mediator muss auf der Hut sein, damit er sich nicht in die Irre führen und vom Verhalten der Parteien ablenken lässt. Er muss aufpassen, dass er aus Versehen nicht deren Spiel mitspielt.
Das verlangt Spielsicherheit

 Merke:

Der Mediator muss wissen, was der Mediation zuträglich ist und was sie gefährdet2

Je mehr Zusammenhänge der Mediator erkennt, umso übersichtlicher wird die Sicht auf das Wesentliche und umso größer wird seine Verstehenskompetenz.

Sie brauchen eine Vorstellung von dem Bild, das sich wie eine Mediation anfühlt. Aus ihm entsteht das Bild für die Lösung. Es setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen und ist so variantenreich wie die Menschen, die sich in ihm bewegen. Hat sich die Vorstellung von dem Bild der Mediation bei dem Mediator nicht korrekt etabliert, kann es schnell passieren, dass die Puzzlesteine mit Gewalt aneinander gequetscht werden, so dass sie sich zwar zusammenfügen lassen, am Ende aber nicht eine Mediation und eine konsensuale Lösung, sondern etwas anderes, vielleicht einen gut aussehenden Kompromiss oder eine Schlichtung oder gar ein ganz anderes Verfahrensund Lösungsbild ergeben.

Wieder sind wir beim Thema Komplexität angelangt. Der Mediator muss alle Kriterien kennen und ins Kalkül ziehen können, um die korrekte Positionierung der Puzzlesteine vorzunehmen. Da genügt es nicht, ein paar Prinzipien zu kennen und etwas über Phasen gehört zu haben. Kaffee und Kekse helfen auch nicht wirklich weiter.

Mediation ist Verstehensvermittlung

Eine gelingende Mediation lebt vom Verstehen. Sie lebt vom Verstehen der Parteien, das über das Verständnis vom Verfahren gewährleistet wird. Die Bewältigung der Komplexität ist ein Teil der Verstehensvermittlung. Einen ersten Zugang zu der von der in der Mediation zu bewältigenden Komplexität ergibt die Zuordnung der strukturellen Orientierungshilfen zu den Anforderungen der Komplexität.

  1. Die Koordination verschiedener Handlungsstränge erfolgt über die Zuordnung zum jeweiligen Kontext, der aus dem Verfahren der Mediation, dem zu lösenden Fall und der dahinter stehenden Systemik gebildet wird.
  2. Die Wirkfaktoren sind teilweise unbekannt. Sie ergeben sich aus der Dimensionierung der jeweiligen Komplexität, auf die wir im nachfolgenden Kapitel näher eingehen wollen.
  3. Unter ähnlichen Bedingungen sind unähnliche Maßnahmen erforderlich. Die zu ergreifenden Maßnahmen ergeben sich aus den mediativen Interventionen. Sie werden im Werkzeugkoffer näher beschrieben.
  4. Kontrolle des Handelns ist schwierig! Die Kontrolle erfolgt über die Steuerungsmöglichkeiten, die mit den functional Units näher beschrieben werden und die es erlauben, den Prozess in kleinere Sub-Prozesse zu deklinieren.
  5. Zielflexibilität ist notwendig! Die Zielfrexibilität ergibt sich aus der Verwirklichung des mediativen Prozesses, der die Ergebnisoffenheit nicht nur voraussetzt, sondern auch in sich herstellt.

Die Dimensionierung der Mediation

Gemessen an den Anforderungen der Komplexität stellt die Dimensionierung die Lokalisierung der Bausteine dar, die in den Puzzles zusammenzusetzen sind.

Die Komplexität erwartet von dem Mediator, dass er verschiedene Dimensionen unterscheiden, getrennt wahrnehmen und behandeln kann.
Einige Dimensionen haben wir bereits kennen gelernt. Erinnern Sie sich an die unterschiedlichen Systeme (Streit, Familie, Arbeit), die unterschiedlichen Kontexte (Fall und Verfahren) und die unterschiedlichen Perspektiven (Sicht der Parteien und des Mediators) auf dasselbe. Bereits diese Unterscheidung bewirkt eine Dimensionierung. Sie erwartet eine differenzierte Wahrnehmung und zeigt dem Mediator, worauf er zu achten hat.

Es geht darum, einen methodischen Zugang in eine komplexe Welt zu finden. Das gelingt, wenn der Mediator weiß, worauf er warum zu achten hat. Die Dimensionierung hilft ihm, die Elemente herauszufiltern, die sich in einer Struktur wiederfinden lassen. Voraussetzung ist das Wissen über die Zusammenhänge von Struktur und Dimensionen. Bitte bedenken Sie:
Auch ein Mediator ist nur ein Mensch.

Er kann nicht auf alles achten. Entscheidend ist deshalb, dass er den richtigen Fokus setzt. Die zu beachtenden Dimensionen ergeben sich aus den Bausteinen, den Faktoren und den Wirkungen ihres Zusammenspiels im Prozess, sowie den sachbezogenen Anhaltspunkten. Abgesehen von den Phasen und den Verfahrensgrundsätzen gibt es keine feste Regeln. Es gibt allerdings Schwerpunkte, auf die der Mediator stets zu achten hat.
Nachfolgend finden Sie eine nicht enumerative Zusammenstellung beachtlicher Dimensionen, die sich auf die eingangs erwähnten Anforderungen zum Verständnis der Komplexität einlässt:

Dimensionierungsschema

Worauf der Mediator zu achten hat:

Spiel (Verfahren)

▪ Zielsetzung (Konformität Verfahren, Methode, Technik)
▪ Legitimationsund Verfahrensebene (Recht)
▪ Strategie (darauf bezogenes Verhalten)
▪ Rahmen (darauf bezogenes Verhalten)
▪ Ressourcen (Bedarf und Verfügbarkeit)
▪ Kontext (Zuordnungen Verfahren, Fallfragen)

Ablauf

▪ Metaebene (auf Verfahren bezogen)
▪ Phasen (Erkenntnisschritte)
▪ Form (Optionen)
▪ Parteien (Status, Involviertheit, Konfliktlandkarte)
▪ Verhandlungsbereitschaft

Erkenntnis

▪ Metaebene (auf Inhalt bezogen)
▪ Position (Standpunkt, Verhärtung)
▪ Interesse
▪ Lösung
▪ Bezug (Konfliktanalyse)

Inhalt

▪ Metaebene (auf Inhalt bezogen)
▪ Themen (Steuerung)
▪ Argumente (Streitanalyse)
▪ Fakten (notwendig, streitig, unstreitig)
▪ Meinungen
▪ Sachverhalt (StreitKonfliktgegenstand)
▪ Konflikt (Konfliktanalyse, Sichten, Erkenntnisbedarf, Erkenntnisstand)
▪ Parteien (Qualifikation) Fallbezogene Dimensionen

Verstehen und Verstehensvermittlung

▪ Fakten
▪ Meinungen
▪ Emotionen (Motive, Bedürfnisse, Motivationsfähigkeit)
▪ Ich-Botschaften (Abgrenzung Appelle)
▪ Beziehungen (Qualifikation, -ebenen)
▪ Zeit (Vergangenheit / Zukunft)
▪ Gemeinsamkeiten (Ebenentauchen)
▪ innerer / äußerer Vorgang (Denken / Handeln)

Lösungsrahmen

▪ Fakten (Informiertheit)
▪ Formalien (Wirksamkeit)
▪ Belastbarkeit (Nachhaltigkeit)
▪ Regulierungsebene (Recht)


Die Zusammenstellung mag für Anfänger verwirrend sein, weil Ihnen jetzt eine Menge Puzzlesteine hingeworfen werden, die nicht mehr belegen als die Komplexität oder die Größe des zu bewältigenden Puzzles. Bitte lassen Sie sich, wenn Sie noch unerfahren sind mit der Mediation davon nicht allzu sehr verwirren.

Stellen Sie sich den Anforderungen!  


Fortgeschrittene werden mit der Aufstellung etwas mehr anzufangen wissen. Im Idealfall haben Sie ein deja vue. Sie werden dankbar sein, einen systematischen Zugang für das zu finden, was sie ansonsten eher partiell und im direkten Zusammenhang mit Techniken oder den Phasen kennen gelernt haben. Hier gewinnen Sie einen Blick auf das Ganze, so dass Sie die Bausteine auch in anderen Kontexten auch außerhalb einer formellen Mediation besser erkennen und freier kombinieren können. Das ist übrigens eine Anforderung die an in-Mediatoren gestellt wird und die für die Durchführung der integrierten Mediation als substantielle Mediation unerlässlich ist.

Die Bausteine der Komplexität

Die Merkmale der Komplexität lassen sich Bausteinen zuordnen.

  • Variablen: Als Variablen der Komplexität lassen sich die Bausteine der Mediation identifizieren. Sie ergeben sich aus der Systematik, dem „Spiel“ und den Werkzeugen. Die Variablen lassen sich in zwei Gruppen einteilen, die den verfahrensund fallbezogenen Komplexitäten zuzuordnen sind :
  • Spiel (verfahrensbezogen): daraus resultierend: Zielsetzung, Strategie, Rahmen, Struktur, Denken, Haltung.
  • Verstehen (fallbezogen): daraus resultierend: Kontext, Struktur,
  • Perspektiven, Denken, Haltung, Problem, Konflikt Nutzen,
  • Argumente, Konflikt, Fakten, Meinungen, Emotionen, Beziehungen, Sachverhalt, ...

Vernetzung

Die Vernetzung der Variablen beschreibt das Zusammenspiel von Verfahren, Bausteinen und Werkzeugen. Sie werden bei der integrierten Mediation als funktional Units identifiziert. Sie beschreiben nicht nur die Vernetzung der Variablen, sondern auch ihre Wirkungsweise. Sie haben einen direkten Bezug zur Komplexität, weil sie auf unterschiedliche Rahmenbedingungen bezogen werden können. Es handelt sich um extrahierbare Prozessabschnitte. Sie werden von äußeren und inneren Einflüssen gestaltet, so dass die Variable des Denkens und der Haltung kalkulierbar werden. Ihr Point of Interest ist:

  • Spiel (verfahrensbezogen): daraus resultierend: Ressourcen, wer was wie vorhalten kann
  • Verstehen (fallbezogen): daraus resultierend: Kontext, Fallgeschichte,Nachvollziehbarkeit, Verifikation (Stimmigkeit), Effizienz, Wirkung, Nutzen, Vollständigkeit

Intransparenz

Wenn die Komplexität zu erfassen ist, muss der Mediator wissen, dass das menschliche Gehirn unbemerkt dazu neigt, fehlende Informationen hinzu zu phantasieren, wobei es ihm gleichzeitig vorgaukelt, die ganze Wahrheit zu kennen. Was stimmig erscheint, muss lange nicht stimmig sein. So ist das nicht Gesagte und das nicht Sichtbare für den Mediator mindestens ebenso wichtig wie das Gedsagte. Daraus ergibt sich eine weitere Dimension, die er im Auge haben muss. Sie erschließt sich aus der Sicht des bereits erwähnten und später noch näher vorzustellenden Kinobesuchers. Der Fokus richtet sich auf:

  • Spiel (verfahrens-) und Verstehen (fallbezogen): daraus resultierend:
  • Kontext, Stimmigkeit, Irritationen,
  • Spiel, Strategie, Kommunikation, Bedeutungen,
  • Qualitätskriterien zur Optimierung der Verfahrenskontrolle ...

Eigendynamik

Auch hier bedarf es der Differenzierung. In der Mediation sind verschiedene Dynamiken zu koordinieren. Die des Verfahrens, die des Konfliktes, die der Parteien, gegebenenfalls der Beziehungen und die der Umwelt. Konfliktlandkarten helfen unter anderem dabei, die Eigendynamiken zu erkennen.

Die Dynamik des Verfahrens beschreibt die integrierte Mediation als einen Flow. Der Flow ist als ein Selbstläufer zu verstehen, der sich aus dem gedanklichen Rhythmus der Mediation ergibt. Er basiert auf der Vorstellung, dass ein Gedanke den anderen ergibt. Um den Flow zu erkennen achtet der Mediator auf:

  • Spiel (verfahrens-) und Verstehen (fallbezogen): dazu gehören Gedanken, Gefühle, Erkenntnisse, Sichtweisen und Gedankenabfolgen,Motive, persönliche Ressourcen, ...

Kontinuität

Die Gesetze einer Bewegung (Entwicklung), werden dem Menschen nur dann verständlich, wenn er willkürlich herausgegriffene, einzelne Phasen dieser Bewegung betrachtet, woraus sich eine große Fehlerquelle ergibt. Zeit ist eine wichtige Dimension, auf die der Mediator zu achten hat. Alles was sich auf die Vergangenheit bezieht, ist für ihn verdächtig, will man doch die Zukunft regeln. Der Fokus richtet sich auf:

  • Spiel (verfahrens-) und Verstehen (fallbezogen): Zeiten (Vergangenheit, Zukunft), Fallgeschichte,

Konsequenzen für den Mediator

Konsequenzen für den Mediator ergeben sich für seine Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Sie münden in der Frage:

Bereits die Struktur der Mediation verlangt mindestens die Unterscheidung von Positionen, Interessen und Lösungen, woraus sich schon die ersten beachtlichen Dimensionen der Komplexität ableiten lassen. Sie führt in ein geordnetes Denken, das als ein Denken mit, keinesfalls in Schubladen vorzustellen ist. Um die Komplexität in den Griff zu bekommen, muss der Mediator alle Dimensionen der Komplexität kontextsensitiv auseinanderhalten und separat wahrnehmen können. Die nachfolgende Grafik veranschaulicht das Prinzip:

Es wird deutlich, wie die Dimensionen die Funktion von gedanklichen Schubladen übernehmen und wie sie sich zueinander in Beziehung setzen lassen. Der Mediator muss die Schubladen kennen, befüllen können und so behandeln, dass er trotzdem das Ganze nicht aus dem Blick verliert. Man könnte die Herangehensweise fast mit dem Subsummieren der Juristen vergleichen, nur mit dem Unterschied, dass es keine vorgegebenen Tatbestände gibt und dass der Mediator mehr oder weniger frei in der Entscheidung ist, welche Schubladen er einrichtet und welche nicht.

Die Dimensionierung erwartet eine differenzierte Wahrnehmung. Wir werden bei verschiedenen Gelegenheiten auf die spezifische Wahrnehmung des Mediators zurück kommen und Sie in kleinen Schritten zu diesem Denken hinführen. So lernen Sie die Notwendigkeit zur Dimensionierung am Besten kennen. Zusammen mit der Wahrnehmung werden Sie beispielsweise zu unterscheiden lernen zwischen Fakten, Meinungen und Emotionen. Mit der Kommunikation lernen Sie die Sachund die Beziehungsebenen auseinanderzuhalten und die verbale und die non-verbale Kommunikation getrennt zu erfassen ebenso wie Sie lernen werden, Appelle und Ich-Botschaften zu erkennen und auseinander zu halten. Erst mit dem von der integrierten Mediation entwickelten präzisen Zuhören verästeln wir die Strukturierung in weitere Dimensionen. So nähern Sie sich Schritt für Schritt an eine Verstehenskompetenz, die letztlich Ihre Kompetenz als Mediator determiniert.

 Merke:

Entscheidend ist gedankliche Ordnung 2

Sie wird über die in den Prozess zu integrierende Dimensionierung erreicht. Je mehr Sie verstehen, umso mehr Verstehen können sie vermitteln. Später wickeln Sie das Bilden und Zuordnen der Dimensionen mit reiner Kopfarbeit on the fly ab. Die Parteien partizipieren an Ihrer gedanklichen Ordnung (welches die eigentliche und wichtigste Dienstleistung des Mediators ist15) über Ihre Rückmeldung.

Beispiel Rückmeldung des Mediators: „Sie haben folgende Fakten genannt .... Ihre Schlussfolgerung daraus bildet folgende Meinung ab .... Sie basiert auf ..... Emotional kommt folgendes hier an .... Sie verarbeiten das Problem auf der Sachebene .... Wie verarbeiten Sie es emotional? ...“ usw.


Wenn Sie noch keine Erfahrung mit Mediation haben, könnte es sein, dass Sie sich jetzt erschlagen fühlen. Umso mehr, weil Ihnen zunächst nur Begriffe hingeworfen werden, die durchaus der Erläuterung bedürfen und vor allem noch in einen Kontext zu setzen sind. Sehen Sie darin bitte Puzzlesteine einer komplexen Ausbildung, die sich später ganz sicher noch zu einem Mosaik zusammenfügen werden.

Im konkreten Fall hilft Ihnen die Mediation dabei, diese Denkarbeit zu leisten. Sie werden erleben, dass die Mediation Konzentrationshöchstleistungen abverlangt; von den Medianden oft mehr als von dem daran gewöhnten Mediator. Bedenken Sie bitte zu Ihrer Entlastung:

  1. Es gibt Redundanzen und Überscheidungen, so dass sich die Zahl der beachtlichen „Puzzlesteine“ in der Praxis und im konkreten Fall wieder verringert.
  2. Als Mediator müssen Sie keine Informationen verarbeiten und in Argumente oder Entscheidungen führen. Das erlaubt es Ihnen, sich allein auf das Zuhören zu konzentrieren und all Ihre Energie darauf auszurichten.
  3. Die Ausbildung zur Mediation wird oft mit dem Autofahren verglichen. Es bedarf einer Übung, bis Sie schalten können, ohne darüber nachzudenken, wann und warum Sie vom 2. in den 3. Gang umschalten. Was sich für Sie jetzt noch wie ein Multitasking anfühlt, bei dem Sie sich über Zusammenhänge erst klar werden müssen, geht nachher in Fleisch und Blut über. Dann können auch Sie den Flow spüren, der sich über den Kognitionsprozess herstellt und vieles intuitiv erledigen.

Vertiefung

Übungen

  1. Fertigen Sie Ihr eigenes Dimensionierungsschema für Gespräche, bei dem Sie ausweisen, wie die einzelnen Dimensionen zusammenpassen und wie sie miteinander interagieren.
  2. Versuchen Sie alle Informationen, die Sie in Gesprächen erfahren nach Dimensionen getrennt wahrzunehmen. Etwa: Was ist der Kontext des Gesagten? Was ist das Ziel? Was sind Fakten? Was sind nur Meinungen?6
  3. Überlegen Sie, welchen Vorteil die Parteien oder Ihre Gesprächspartner haben, wenn Sie so vorgehen.
  4. Überlegen Sie, welchen Vorteil Sie selbst davon haben.

Kernaussagen

  1. Die Mediation kann den Fall in seiner gesamten Komplexität abwickeln und ist selbst dementsprechend komplex.
  2. Es gibt eine mechanistische und eine systemische Sicht auf Mediation.
  3. Nur die systemische Sicht erlaubt es, alle Einflüsse auf den Entscheidungsprozess im Blick zu haben.
  4. Wenn die Mediation auch den systemischen Zusammenhang als Teil der Konfliktlösung behandeln will, darf sie selbst nicht zum Teil des Streitsystems werden.
  5. Die zu bewältigende Komplexität hat einen Verfahrensund einen Fallbezug.
  6. Dimensionen sind wie gedankliche Schubladen, die helfen, die Komplexität zu erfassen
  7. Um die Mediation zu begreifen, kommt es darauf an, ihre innere Logik, die Funktionsweise und die Interaktionen der einzelnen Elemente zu erkennen
  8. Die Verfahrenskomplexität folgt dem informellen Charakter der Mediation und der Notwendigkeit, personenund situationsabhängige Verfahrensentscheidungen zu treffen.
  9. Die Mediation führt das Ergebnis herbei, nicht der Mediator.
  10. Es ist die Aufgabe des Mediators, zu erkennen, welche Bausteine und Elemente wie in das Bild passen und wo sie hingehören, damit eine Mediation einerseits und eine darauf basierende Lösung andererseits erkennbar wird.
  11. Die Mediation gibt bereits eine Struktur vor. Sie ist aber nicht ausreichend, um den Erkenntnisprozess zu steuern.
  12. Je mehr Zusammenhänge der Mediator erkennt, umso übersichtlicher wird die Sicht auf das Wesentliche und umso größer wird seine Verstehenskompetenz.
  13. Die Komplexität erwartet von dem Mediator, dass er verschiedene Dimensionen unterscheiden, getrennt wahrnehmen und behandeln kann.

Examensfragen

Boxenstop

Der Boxenstop ermahnt zum Innehalten. Werden Sie sich bewusst über das was Sie gerade gelernt haben und überlegen Sie den nächsten Lernschritt.

Bitte vermerken Sie im Lerntagebuch:

Lerngegenstand: Allgemein
Lernschritt: 01 Übersicht
Lernmethode: Skriptstudium

Hinweise und Fußnoten

Bitte beachten Sie die Zitierund Lizenzbestimmungen
Bearbeitungsstand: 2018-12-19 10:59 / Version .
Diskussion: Ihnen steht ein eigenes Leserforum zur Verfügung: Tollbox-Mediation Forum
Siehe auch: Mediationstraining
Geprüft: Arthur Trossen

An dieser Seite haben mitgearbeitet: Administrator und Arthur Trossen .
Seite zuletzt geändert: am Mittwoch Dezember 19, 2018 10:59:54 CET von Administrator.