Die Politik (auch die der Verbände) wirft die zu diskutierende Frage auf, ob eine erfolgreiche Implementierung der Mediation noch möglich ist, wenn sich schon der Prozess ihrer Implementierung über Interessen und Befindlichkeiten hinwegsetzt und die Grundsätze der Mediation mit dem Hinweis ignoriert, dass die Manifestation etwa von Standards über Mediation selbst nicht der Mediation zu unterwerfen sei1 .

Das Spiel um die Mediation

Die konventionelle Politik favorisiert ein Spiel der Macht. Es ist ein Spiel, das sich gravierend von dem der Mediation unterscheidet. Macht erwartet die Durchsetzung von Lösungen. Sie ist angebracht, wenn die Lösung bekannt ist, wenn sie nicht zur Disposition steht oder wenn Verhandlungen über die Lösung nicht möglich oder sinnvoll erscheinen. Ihre Anwendung riskiert, dass die numerische Mehrheit nicht einmal vom mehrheitlichen Konsens getragen wird2 und dass die übergangene Minderheit nach anderen Wegen suchen wird, ihr Anliegen vorzubringen.

So wie es scheint, ist die Mediation an dem Prozess ihrer Implementierung selbst gar nicht beteiligt. Das ist insofern zu bedauern, als sie eine nachhaltige Lösung im Sinn hätte. Allerdings wäre diese Lösung noch zu finden. Sie wird nicht von Einzelnen vorgegeben, sondern von Allen gemeinsam gefunden und gewollt. Spekulationen, was erfolgreich und möglich ist und was nicht, erübrigen sich. Um eine solche Lösung zu erzielen, würde die Mediation mit der Frage beginnen, was denn überhaupt wozu geregelt werden sollte, bevor sie über ein Wie nachdenkt. Sie würde dann herausfinden, wer an der Regelung zu beteiligen ist und wer - auch wenn er nicht beteiligt ist - betroffen sein könnte. Sie würde versuchen, die Konsequenzen aufzuzeigen und alle aboard zu holen, die es angeht. Ihr Erfolg erschöpft sich in der Realisation des Prozesses und mit ihm in der Verwirklichung des im Verlauf des Verfahrens herausgestellten Nutzens. Die zu findende Lösung hat in dem Nutzen aufzugehen, wenn sie im Sinne der Mediation erfolgreich sein soll. Wo sich dieser meditative Denkrhythmus einstellt, ist ein nachhaltiges Ergebnis sichergestellt.

Angeblich geht es um die Stärkung der Mediation. Wenn dem so ist, warum wird sie dann ausgesperrt, warum wird es ihr so schwer gemacht wahrgenommen zu werden? Ihre Kompetenz unterstellt, findet sich die Antwort ausschließlich in den Motiven der Spieler. Ihre Rollen sind die der Verhandler und Funktionäre. Ihr Denken orientiert sich an den Maßstäben der Politik. Anders als die Mediation setzt sich die Politik ein Ziel, ohne dass sie den Zweck3 offenlegen muss. Sie muss ihn nicht einmal kennen. So lassen sich hinter dem altruistisch anmutenden Versprechen, die Mediation zu stärken, ganz eigennützige Motive verstecken. Motive, die man der Öffentlichkeit nicht so gerne preis geben würde. Insbesondere lässt sich das Interesse an Macht und Marktdominanz ganz gut mit nichtssagenden Parolen kaschieren. Politik erwartet Wettbewerb; leider auch dort, wo er nicht stattfinden sollte.

Je mehr Interesse die Mediation erregt und je mehr sie verbreitet wird, desto weniger ist geklärt, ob die Frage ihrer Implementierung eine solche der Mediation, des merkantilen Wettbewerbs, der Kultur, der Politik oder des Bauchgefühls ist.

Das nicht abgestimmte Taktieren der Verbände, Kammern und Funktionäre deutet darauf hin, dass es hinsichtlich der Frage der Implementierung der Mediation keinen Konsens gibt. Die Einführung der Mediation scheint nicht mehr zu sein als ein politischer Akt, bei dem die Mediation ein austauschbarer Gegenstand ist. In dem politischen Gerangel wird schnell übersehen, dass die Mediation die eigentliche Hauptperson sein sollte. Sie sollte das Subjekt, nicht irgendein Objekt sein. Leider wird sie weder als Mitspieler, noch als Spielemacher gesehen. Die Mediation selbst fragt sich, was es bedeutet, wenn sie nicht praktiziert wird, obwohl ihre Implementierung dafür hinreichenden Anlass gibt und obwohl SIE es ist, die eingeführt werden soll? Könnte die Mediation reden, würde sie sagen:

„Bitte hört auf mit den Spielchen, Ihr tut mir weh!“


Wir wundern uns, warum die Mediation nicht besser nachgefragt wird. Die Errichtung von Standards und Zertifikaten wird als eine Lösung gesehen. Würden wir uns auch wundern, wenn niemand Schuhe von einem Schuster kauft, der selbst zwar Schuhe besitzt und den Anderen erklärt, wie sie zu tragen seien, sich selbst aber weigert, Schuhe zu tragen, weil er seine Regeln umgeht, indem er barfuß läuft? In einem Aufsehen erregenden Beitrag beschrieb Mironi4 die Entwicklung der Mediation in Israel als eine Entwicklung des Scheiterns. Sie würde zwar anstelle von Vergleichsverhandlungen genannt, aber nicht anders durchgeführt. Wir befinden uns in Deutschland auf einem ähnlichen Weg. Es trägt nicht zum Verständnis der Mediation bei, wenn sie zu einem Produkt deklassiert wird, dessen Kompetenz5 sich weder im Angebot noch in der Nachfrage verwirklicht. Mit der unseligen gesetzlichen Gleichsetzung von Streit und Konflikt wurde die Mediation auch für Fälle anwendbar erklärt, bei denen eine Vermittlung mangels eines dementsprechend eskalierten Konfliktes gar nicht notwendig ist6 . Die als Mediation herausgestellte Abschlussvereinbarung über einen Verbraucherstreit transportiert nicht wirklich das, was eine Mediation ausmacht, erst recht nicht, wenn sich die Verhandlungen auf dem Niveau eines einfachen Sondierungsgesprächs oder einer schlichten Moderation bewegen ließen. Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass eine statistische Einigung nicht den Erfolg einer Mediation belegt so wie das Ausbleiben einer Einigung nicht deren Scheitern bedeutet. Solange Fälle und Einigungen gezählt werden, wird das Ergebnis nur das Fakt dokumentieren, dass ein Vergleich zustande gekommen ist. Das Fakt belegt noch nicht einmal, dass das Ergebnis durch eine Mediation ermöglicht wurde. Es mag der Nachfrage helfen, wenn Fälle, die keine Vermittlung erfordern, als Mediation verkauft werden. Der Mediation hilft es nicht. Ihr hilft auch kein Gütesiegel, solange keine Bereitschaft besteht, sich auf das Wesen der Mediation einzulassen und ihre Andersartigkeit zu begreifen.

Das andere Denken verwirklicht sich in der als Haltung umschriebenen inneren Einstellung des Mediators. Sie ist dem Menschen nicht fremd, aber ungewohnt. In gewisser Weise muss sich auch der Kunde darauf einlassen können. Wie sonst soll er seinen Bedarf korrekt einschätzen? Auch der Anbieter muss sich auf das prozesshafte, ausschließlich am Verstehen orientierte Denken auf der Metaebene einlassen können, wenn er die Mediation korrekt anbieten und anwenden möchte. Leider findet sich in den zuvor von der Mediation (als fiktive Partei) angesprochenen "Spielchen" kein meditatives Denken. Die "Spielchen" lassen sich unter dem Oberbegriff eines "Spiels UM DIE Mediation" zusammenfassen. Die Mediation ist in dem Spiel lediglich die Ausschüttung. Sie wird zum Objekt der Begierde. Der Charakter des Spiels um die Mediation steht im krassen Widerspruch zu dem "Spiel DER Mediation". Jenes Spiel würde erwarten, dass die Mediation geübt wird und ihre Kompetenz einbringt. In dem Spiel UM DIE Mediation hat sie nach der konventionellen Lehre7 dort nichts zu suchen. Im Spiel um die Mediation werden Spiel und Ausschüttung scharf voneinander getrennt. Das Konzept lautet ENTWEDER Wettbewerb ODER Mediation.

Dem Wettbewerb kann niemand entfliehen. Für Viele ist es deshalb ganz unauffällig, dass die Mediation in dem Prozess ihrer Implementierung ausgeschlossen wird und nicht zur Anwendung kommt. Tatsächlich scheint die im Wettbewerb naheliegende Konfrontation eine Kooperation auszuschließen. Die Coopetition ist noch eine in der jungen Branche und im konventionellen Streiten verhaftete ungeläufige Strategie. Die integrierte Mediation formuliert eine Migrationsstrategie, in der die Mediation die verbindende Rolle eines über dem eigentlichen Spiel stattfindenden "Spiels der Spiele" einnimmt, weshalb sie überall zumindest gedanklich verfügbar wird. Nach dieser Lehre wird die Mediation zum Maßstab dessen, was wie gespielt wird. Sie erlaubt es, den Prozess als einen Vorgang einzuschätzen und zu steuern, indem sie ihn als einen Kognitionsprozess beschreibt.

Das Spiel der Spiele

Das Spiel der Spiele läuft auf mehreren Meta-Ebenen ab. Eine dieser Ebenen erlaubt die Reflexion des Kontextes, eine andere die des Vorgehens und schließlich gibt es eine Meta-Ebene über die Sachfragen, also den zu lösenden Fall. Das Spiel der Spiele erlaubt es, die unterschiedlichen Meta-Ebenen miteinander in eine Art Top-Meta-Bezug zu setzen und an der Mediation als ein gedachtes Superverfahren zu messen8 . Jetzt bilden die funktionalen Einheiten der Mediation den Handlungsmaßstab. Sie beschreiben was erforderlich ist, damit ein Mediieren möglich wird und damit sich der mediative Prozess verwirklichen kann. Im schlechtesten Fall beschreiben sie, wie sich der Prozess mediativ entwickelt. Bei dem Spiel der Spiele gelten alle Grundsätze der Mediation, deren Kompetenz wie Axiome vorgegeben ist. Die einzelnen Spiele (die jeweiligen Verfahren) werden wie selbständig komibinierfähige Alt-Container integriert, wodurch Ihre Isolation aufgehoben wird und der Kontext nicht aus den Augen verloren geht.

Der Vorteil eines solchen Spiels der Spiele ist, dass es das (Gesamt-)Spiel festlegt, ohne das (Einzel-)Spiel festzuschreiben und sich darin zu verlieren. Ihm liegt die Erkenntnis zugrunde, dass niemand dem (Gesamt-) Spiel entfliehen kann. Es erlaubt allerdings die Option, das (Einzel-) Spiel anzupassen und gegebenenfalls sogar zu wechseln.

Wie jedes Spiel besitzt das Spiel der Spiele Ziel und Regeln. Sein übergeordnetes Ziel stimmt mit dem der Mediation überein. Es kann nur den Zweck haben, das Suchspiel zu spielen. Es gewährleistet den Weg zum Ziel, so wie in der Mediation das Ergebnis aus dem Prozess heraus entsteht. Das Ergebnis ist eine Folge des Spiels und nicht seine Vorgabe9 .

Ein weiterer Vorteil dieser Verfahrenssicht ist, dass es den jederzeitigen Spielwechsel erlaubt, ohne dass das (Gesamt-)Spiel abgebrochen wird. Um über den Spielwechsel zu entscheiden, werden Etappenziele festgelegt. Sinnvoller Weise entsprechen sie den Etappenzielen des Kognitionsprozesses der Mediation. Sie werden über die Phasen formuliert, die dem Mediator den konkreten Handlungsauftrag geben.

Das Spiel der Spiele endet, wenn sein Zweck erreicht ist. Hinsichtlich der Implementierung der Mediation wäre er erreicht, wenn die Implementierung von allen, auch den Gegnern als nützlich angesehen wird. Ein solches Ziel verhindert, dass Minderheiten zurückgelassen werden, weil das Spiel solange nicht beendet werden kann. Die Ausschüttung steht im Hintergrund. Sie ist, wenn man so will, das Abfallprodukt. Im Vordergrund stehen das Spiel und die Kunst es zu spielen.
Für einen Funktionär ist diese Sicht auf ein politisches Ziel nur schwer zu verdauen. Keine Lösung im Sinn zu haben würde ihm als Schwäche, Orientierungslosigkeit ja sogar als Dummheit ausgelegt werden. Wir haben erlebt, was die ergebnisoffene Ansage der Bundeskanzlerin: "Wir schaffen das", bewirkt hat. Der Mensch will Lösungen. Er orientiert sich deshalb eher an Persönlichkeiten, die durchsetzungsfähig sind, als an denen, die weise sind.

Die Wahl des Spiels

Der Zweck des Spiels der Spiele ergibt seinen Gegenstand. Sein Nutzen ist vom Ergebnis zu unterscheiden. Bei dem Engagement für die Mediation geht es um ...

... ja, worum geht es eigentlich?


Bei der Errichtung des Mediationsgesetzes war von der Stärkung der Mediation die Rede. Die politische Zielsetzung der EU erwartet, dass 50% der Fälle als Mediation abgewickelt werden. Der den politischen Zielen nachgesagte Zweck ist ebenso unklar wie wechselhaft. EU-seitig dürfte ein Interesse bestehen, die Mediation als das universell verfügbare Verfahren zu garantieren, so dass ein "access to justice" sichergestellt wird. Die Mediation ist das einzige Verfahren, das die kulturellen Unterschiede in der EU überbrücken kann. Sollte es aber darum gehen, dass sich die Mediation als eine Ersatzjustiz präsentiert, dann geht es um etwas anderes als Mediation. Bestimmungsgemäß ist die Mediation KEINE Rechtsprechung. Nachdem erkennbar wurde, dass die Einführung der Mediation (zumindest in der angegangenen Weise) der Justiz keine Kosten spart, ist von den Kosten heute auch keine Rede mehr. Statt dessen spricht man davon, die Streitkultur verbessern zu wollen. Die Bemühungen finden sich in der Erweiterung des Portfolios wieder, indem ein neues Produkt platziert wird. Mit dieser Strategie verbessert sich das Angebot, nicht ohne weiteres aber eine Kultur.

Wenn es wirklich darauf ankäme, die Kultur zu verbessern und wenn es wirklich gewollt wäre, die Mediation zu implementieren, dann muss sich der Blick auf das Denken und nicht auf die Nachfrage10 richten.

Aktuell wird nicht mehr deutlich, wer den Fokus worauf richtet.

Manche Professionen meinen, sie könnten die Mediation nutzen, um Marktabgänge zu verhindern oder um Marktanteile zu gewinnen. Bei dieser Kalkulation scheint man davon auszugehen, dass der Markt Richter und Mediatoren 1:1 austauscht und die Zahl der Verfahren konstant bleibt. Manche denken sogar, die Mediation könnte eine noch größere Nachfrage provozieren, weil wir ja tagtäglich mit Konflikten zu tun haben und die Mediation ja schon zum Einsatz kommt, bevor die Sache bei Gericht landet. Niemand hat jedoch jemals eine Wohlfahrtsanalyse durchgeführt. Das ist der Business-Plan für die Volkswirtschaft. Sie könnte nachweisen, dass und wie sich Markt und Gesellschaft verändern, sollte sich das Produkt "Mediation" tatsächlich wie behauptet durchsetzen. Wenn es stimmt (was zweifellos der Fall ist), dass die erfolgreich implementierte Mediation Streit vermeidet, dann verhindert und verkürzt sie Verfahren und damit zwangsläufig auch den mit streitigen Verfahren verdienten Umsatz. Den Kunden wird es freuen, wenn er weniger Streitanlässe hat und weniger bezahlen muss. Aber wie reagieren die Professionen darauf, wenn sie weniger einnehmen? Die logische Konsequenz wäre eine Verschärfung des Wettbewerbs und genau das, was Mironi beschrieben hat: Alles bleibt beim Alten und bekommt nur einen neuen Namen.

Eine Wohlfahrtsanalyse würde belegen, wie die Mediation unter dem zunehmenden Wettbewerb zu leiden hat. Wie werden Mediatoren mit der Konkurrenz umgehen? Eindrücke finden wir schon heute, wenn wir beobachten, wie erfolgreiche Ansätze kurzerhand als Nicht-Mediationen abgetan werden11 . Das Phänomen ist uns nicht fremd und lässt sich an der Metapher der Wunderpille gut erklären: Angenommen, man hätte eine Pille erfunden, die alle Krankheiten ausrottet. Es wäre ausgerechnet die Gesundheitsindustrie, die verhindern würde, dass diese Pille auf den Markt kommt. Selbst der Erfinder dieser Pille dürfte kein merkantiles Interesse haben, diese Pille auf den Markt zu bringen, weil er sie nur einmal an jeden Menschen verkaufen könnte. Ihr Markt wäre nach anfänglichen Gewinnen schnell versiegt. Was geschieht mit der Mediation, wenn sie tatsächlich eine vergleichbare Kompetenz besitzt12 . Besteht ein wirkliches und echtes Interesse an ihr? Könnte es sein, dass ein solches Produkt gar nicht gewollt ist?

Wenn die Mediation gewollt wäre, dann gäbe es sie!
Worüber reden wir genau, wenn wir von der Mediation sprechen? Meinen wir den zahnlosen Tiger der sich in dem Produkt "Verfahren i.S.d. § 1 Mediationsgesetz" verbirgt, wo Streit und Konsens ein und dasselbe sind? Oder reden wir von einem meditativen Denken, das durchaus in der Lage wäre, die Welt zu verändern, was jeder verlangt aber niemand will?

Der Mediation ergeht es wie dem Querdenker. Man ruft nach ihm aber wehe man begegnet ihm. Erst wenn das Querdenken zum Normaldenken wird, hat es eine Chance. Damit das Querdenken zum Normaldenken werden kann, muss es geübt werden. Wer außer den Querdenkern wäre dazu wohl in der Lage?

Die Akteure und das Objekt der Begierde

Es ist gar nicht so einfach, Mediatoren zu identifizieren, wenn alle nur davon reden. Auch müssen wir die unterschiedlichen Interessen berücksichtigen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass an der Einführung der Mediation ganz unterschiedliche Menschen, Gruppen und Institutionen beteiligt sind. Manche leben die Mediation, manche benutzen sie, manche verleugnen sie; manche wollen sie, manche nicht; manche verstehen sie, manche nicht. Es fällt ganz bestimmt nicht leicht, alle Interessen zu koordinieren. Die Etiketten sind nicht aussagekräftig. Auch die Identifikation der Motive ist nicht eindeutig, weil viele von ihnen nicht offen und ehrlich bekundet werden. Wie man mit einer solchen Situation umgehen sollte? Eine Mediation wäre das passende Tool. Meditatives Denken würde der Schlüssel zur Lösung.

Der Gesetzgeber hatte darauf vertraut, dass Mediatoren bei der behaupteten Kompetenz mit einer derart komplexen Situation umgehen können. Er hatte die Erwartung geäußert, dass die "maßgeblichen" Verbände und Kammern eine Regelung über die Zertifizierung zum Mediator vorzulegen. Vor dem Hintergrund, dass sich die Verbände ganz und gar nicht einig gewesen wären, welcher Verband den maßgeblich sein soll und welcher nicht, waren mit der Anforderung bereits politische Gewichtungen angelegt, die vom realen Bild in der Mediatorenlandschaft abwichen und die verdeckte Konkurrenzlage eher anstachelten als sie beizulegen. Nach der Initiative ausgerechnet einer Rechtsschutzversicherung haben sich zunächst 4, später 5 Verbände als exklusiv und maßgeblich bescheinigt, Verhandlungen aufzunehmen. Einen Konsens über diese Einschätzung gibt es nicht. Das BMJ war mit der in der ZMediatAusbV geäußerten Erwartung, dass alle interessierten Verbände und Kammern miteinander in Verhandlungen treten sollten, schon etwas näher am Geist der Mediation; dafür aber weiter entfernt von den Vorstellungen einiger Verbände.

Einzig richtig wäre es, wenn alle von einer potenziellen Regelung betroffenen Gruppen angesprochen werden. Insbesondere die Standard gebeten Verbände sollten an Verhandlungen über Standards beteiligt sein. Die Frage, wer das sein sollte erübrigte sich, indem der Appell der Regierung nicht umgesetzt wurde. In der offiziellen Begründung wartet die eine Seite auf die Andere. Ein möglicher Grund für den Abbruch der Verhandlungen könnte darin gesehen werden, dass die verhandelnden Verbände die Zertifizierungsregelung des BMJ nicht unterstützen wollen. Ein anderer Grund könnte in dem Wunsch erkannt werden, die Konstellation der Verhandlungspartner zu korrigieren, was aber nicht offen eingestanden werden sollte. Möglicherweise spielte es auch eine Rolle, nur mit denen vorhanden zu wollen mit denen eine Einigkeit zu unterstellen ist sodass man ungewollten Fragen ausweichen kann. Dann wäre noch die Strategie denkbar, eine Abstimmungsmehrheit zu generieren, die bei weiteren beteiligten Verbänden zumindest in der aktuellen Konstellation nicht möglich wäre. In jedem Fall führt die Selektion der Verhandlungspartner - gewollt oder nicht - zu einer Taktik, die der Bildung von Mehrheiten nicht der Erzielung von Konsens entspricht. Der politisch an und für sich zu begrüßende "Stillstand der Gesetzgebung" im Bereich der Mediation kommt also nicht nur der Mediation13 , sondern auch dem Taktieren der Funktionäre entgegen.

Gelöst von Spekulationen und Hypothesen würde eine Bestandsaufnahme festhalten, dass eine Selektion von Verbänden über Standards verhandelt, die in Kernbereiche anderer Verbände hineingreifen, ohne dass diese direkt an den Verhandlungen beteiligt sind.

Die versiegelte Güte

Das aktuelle Thema, an dem alles gemessen wird, ist nicht die Frage der Implementierung sondern die der Zertifizierung und mit ihr die Frage nach dem so bezeichneten "Gütesiegel", womit die Frage der Akkreditierung angesprochen wird. Der Begriff des Gütesiegels ist also mehr als irreführend. Er kam erstmals mit den Bemühungen des Gesetzgebers um das Mediationsgesetz auf. Dort wurde der „zertifizierte Mediator“ als ein Gütesiegel beschrieben, obwohl es sich (wenn man genau hinschaut) lediglich um eine Selbstbekundung handelt14 . Aktuell versuchen einige Verbände, die staatliche Güte 15 zu übertreffen. Sie möchten die Qualität der Ausbildung festlegen, obwohl die Qualität der Anwendung noch nicht einmal im Ansatz beschrieben ist. Auch eine Differenzierung der Mediation ist nicht möglich, solange ihre systematische Einordnung eher Irritationen als Klarheit provoziert16 . Angeblich geht es um Verbraucherschutz. Ob sich der Kunde geschützt fühlt, wenn er erfährt, dass sein Dienstleister 200 statt 120 Stunden überwiegend im Präsenzunterricht absolviert hat17 ? Haben Sie jemals ihrem Klienten gestanden, dass Sie nicht 7 sondern 14 Semester Jura studiert haben? Eine seriöse Ausbildung ist eine Selbstverständlichkeit. Sie ist keine Güte. Der "zertifizierte Mediator" ist als eine Mindestanforderung beschrieben. Er wird - inspiriert durch die irreführende Wortwahl - als die Zielvorgabe verkauft. Die Bemühungen einiger Verbände ein anderes Zertifikat gegenüberzustellen würde eine Konkurrenz erzeugen statt einer graduellen Abstufung. Um genau das zu vermeiden, sieht das Konzept der integrierten Mediation eine abgestufte Zertifizierung vor, die sich in Analogie an die Küche, nach Sternen ausrichtet und dabei zwischen einem Ausbildungs- und der Berufszertifikat unterscheidet.

Längst ist der Verdacht erregt, dass es den Verbänden gar nicht um die Güte, sondern um die Kontrolle geht. Die Frage der Akkreditierung berührt nämlich gleichzeitig die Frage der Marktkontrolle. Die Befugnis zur Vergabe anerkannter Zertifikate ist eine Schlüsselfrage, die sich leicht zur Kontrolle des Marktes missbrauchen lässt. Fatalerweise sind die Mitbewerber angetreten, über diese Fragen zu entscheiden. Ihre Zuständigkeit mag sich aus ihrer Kompetenz ableiten. Ihre Selektion indes nicht. Misstrauen kommt auf, wenn der Eindruck entsteht, die Verbände könnten eigene Interessen verfolgen statt denen der Mediation. Es erregt Verdacht, wenn Verbände mit Kernkompetenzen nicht an Gesprächen beteiligt sind, wo ihre Kompetenz in Frage steht; wenn deren Kompetenz gar nicht erkannt wird; wo Prozesse und Entscheidungen nicht mehr nachvollziehbar sind und wenn der Eindruck ansteht, als würden die Gemeininteressen (die Interessen der Mediation) vor den wettbewerblichen Interessen zurückweichen.

Ein jüngst vom Contarini-Institut an die Verbandsvertretungen gerichtetes, offenes Schreiben hat einen Stein ins Rollen gebracht. Es deckt den Prozess auf, indem es auf eine Schieflage hindeutet. In dem Schreiben vom 8.4.2016 wird auf ein Protokoll der Sitzung der „sogenannten Gruppe QVM“ vom 25.02.2016 Bezug genommen. Das Protokoll erwähnt die Abstimmung über die Statthaftigkeit eines Fernstudiums wie folgt:

„Grundsätzlich soll eine Präsenz von 100 Prozent gewährleistet sein. Als 'Ausnahme' wurde bei einem 'Fernstudium' ein 'präsenzfreier Unterricht' von 75 Stunden für zulässig erachtet. Eine höhere Quote wurde mit 3:1:1 Stimmen abgelehnt“.

Ganz abgesehen von der Frage der mangelnden Nachvollziehbarkeit und einer mediationsfernen, nicht auf den Nutzen bezogenen Formulierung, spiegelt das Abstimmungsergebnis die Anbieterkonstellation. Die Vertreter der Mehrheit bieten keine Fernstudien an.

Sicherlich ist das Studium der Mediation sehr praxisorientiert. Ein Studienanbieter muss deshalb darlegen können, wie er die gebotenen Erfahrungen mit einem Fernstudium vermitteln kann. Außer einer fixierten Präsenzeinheit gibt es aber noch weitere Elemente, welche diesen Effekt erreichen und die Qualität einer Ausbildung ausmachen. Das Fernstudium setzt auf ein ökonomisches Modell, das hohe Vorlaufkosten erfordert. Es präsentiert einen durch die Lehrbriefe transparenten Inhalt an und kann nicht von jedem Anbieter aus dem Boden gestampft werden. Wurde das Fernstudium finanziert, spart es Trainerkosten und kann kostengünstig angeboten werden. Solange die im Protokoll vom 25.2.2016 fixierte Regelung solche Belastungstests nicht übersteht, ist sie nicht konsenfähig zumal sie im Verdacht der Marktbereinigung steht und einen Nachweis schuldet, dass sie mit § 13 HRG überhaupt vereinbar ist. Den an der Verhandlung beteiligten Mediatorenverbänden muss bewusst gewesen sein, dass mit dieser Regelung zumindest ein namhafter Wettbeweber sein Angebot nicht weiter aufrecht erhalten kann, wenn diese Regelung verbindlich wird.

Ein vermeidbarer Widerstand ist also vorprogrammiert. Mediation wird nicht geübt.


Es soll nicht der Eindruck aufkommen, als wäre das zitierte Schreiben wegen der Detailfrage zur Standhaftigkeit des Fernstudiums von öffentlichem Interesse. Das öffentliche Interesse besteht an der damit offenkundig gewordenen Prozessgestaltung und der Tatsache, dass ein mediatives Miteinander bisher nicht zu erreichen war. Wie kann es dann möglich sein, dass von einem gemeinsamen Gütesiegel die Rede ist?

Der meditative Ansatz

Was von außen stimmig erscheint, wird auf ein fehlendes Fundament gebaut. Von innen betrachtet deutet sich die Fragilität des Gebäudes an. Die als Partei angesprochene Mediation weiß noch nicht, ob sie sich hier zu Hause fühlen will. Wir müssten einen Schritt zurück treten, um nachzubessern und um uns zu fragen: Besteht überhaupt ein Konsens darüber, was wer sich davon verspricht, wenn die Mediation in unserer Gesellschaft implementiert wird18 ? Welches ist die abgestimmte, gemeinsame Vision? Lassen sich die Interessen unter einen Hut bringen? Wovon sprechen wir, wenn wir diese Fragen stellen? Meinen wir etwa die Mediation oder meinen wir die Mediation i.S.d. Mediationsgesetzes?

Was sollte anders sein?


Zunächst sollte eine begriffliche Klarheit eingefordert werden. Dann sollte die systematische Einteilung der Verfahren abgestimmt werden19 . Schließlich sollte verlangt werden, dass sich der Prozess der Implementierung der Mediation an den Anforderungen der Mediation messen lässt so dass die Mediation in dem Prozess nicht ausgeschlossen wird20 . Bevor man sich über die Qualität der Ausbildung Gedanken macht sollte die Kompetenz des Mediators und die von ihm zu erbringende (Dienst-)Leistung abgestimmt sein. Die Regierung sollte eine Wohlfahrtsanalyse durchführen, um den Anbietern eine Orientierung geben zu können. Wegen der Heterogenität der Mediation und der nicht praktizierten Transdisziplinariät sollte ein Forum eingeführt werden, bei dem sich alle Verbände auf gleicher Augenhöhe austauschen. Man sollte anfangen, im Rhythmus der Mediation zu denken und den Nutzen zu klären, bevor man damit beginnt, Lösungen durchzusetzen.

Dieser Beitrag beschreibt keine Einzelmeinung. Die Stimmung ist von Misstrauen geprägt. Transparenz wäre ein Weg, Vertrauen herzustellen. Wir haben den Beitrag ganz bewusst in ein Wiki gestellt und nicht im Print veröffentlicht, damit ALLE die Möglichkeit haben, Eindrücke zu korrigieren und richtig zu stellen. Wer sich darauf nicht einlassen kann, erklärt die konkludente Zustimmung. Damit diese Chance nicht vertan wird, regen wir an, dass Sie alle Mediatoren und Funktionäre auf diesen Beitrag hinweisen. Sollte etwas falsch dargestellt sein, dann mag die Scheinlage korrigiert werden. Wir möchten der Mediation auf den Weg helfen. Kommentare sind deshalb erwünscht, Korrekturen auch.

Der Mediation würde nichts besser gefallen, als wenn die zuvor geschilderten Eindrücke falsch sind. Wenn es etwas gibt das wir übersehen haben, damit die Mediation als solche und nicht ihre Fürsprecher wahrgenommen werden.


Sie sind zur Stellungnahme eingeladen. (Als Kommentar zur diesem Beitrag oder im Forum Implementierung der Mediation)
Wir werden berichten.

1 Das war die Erläuterung eines der Funktionäre der QVM gegenüber dem Autor dieses Beitrages
2 Siehe zur Problematik das systemische Konsensieren
3 Besser ist es vom Nutzen zu sprechen, der sich in der Mediation über die Motive bzw. die Interessen herausstellt
5 ... also die Fähigkeit zum mediativen Denken Fähigkeit zum Mediieren
6 Auch nach Glas ist eine Mediation nur in den Eskalationsstufen 5-7 angesagt siehe Eskalationsstufen-Wikipedia
7 Der Mediator darf kein Entscheider sein, wird im Umkehrschluss verstanden, dass die Regeln der Mediation nicht zur Anwendung kommen
8 Der Prozess der Implementierung der Mediation befindet sich in einem Stadium, wo dieser Schritt notwendig ist
9 Der Gedanke ist gewöhnungsbedürftig. Er sollte Mediatoren aber geläufig sein. Vor allem sollten sie zeigen, dass sie selbst daran glauben, was sie ihren Kunden versprechen, dass nämlich das ungeplante Ergebnis ein gewolltes sein wird
10 Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang, dass ein dazu führender Ansatz, nachgewiesen durch die Evaluation .... von Neuert unbeachtet bleibt, obwohl dort ein Weg aufgezeigt wurde, wie die konventionellen Verfahren eine statistisch messbare Steigerung der Zufriedenheit ermöglichen
11 Wieder ist die Neuert-Evaluation zu nennen. Ein anderes Beispiel ist die Shuttle-Mediation der Rechtsschutzversicherungen
12 Wieder ist auf das Neuert Gutachten zu verweisen!
14 „Siehe § 5 Mediation: "Der Mediator darf sich ... nennen, wenn ... "
15 Gemeint ist natürlich der zertifizierte Mediator
16 Trossen un)geregelt)], siehe auch ((Systematik und Trossen, "Die Zerstärkung der Mediation" SchiedsVZ 2015, Heft 4 S. 187
17 Die integrierte Mediation differenziert deshalb zwischen Ausbildungs- und Berufszertifikat
18 Wenn Friede die Antwort ist, wird übersehen, dass die Mediation ein wertfreies Megaverfahren ist. Auch wirft diese Absicht die Frage auf, warum sie dann nicht praktiziert wird.
19 Zu beiden Fragen finden sich Vorschläge im Lehrbuchkommentar zum Mediationsgesetz von Trossen
20 Die integrierte Mediation beschreibt wie das möglich ist