In der Werbung wird die Mediation gerne vom Gerichtsverfahren abgegrenzt, so als wäre das Gerichtsverfahren ihr Maßstab. Es wird behauptet, die Mediation sei eine bessere, billigere und schnellere Alternative als das Gericht. Diese Behauptung ist nicht unbedingt zutreffend:

  1. Es gibt Fälle vor Gericht die billiger sind als die Mediation. Der Streitwert in einem Verfahren über die elterliche Sorge ist relativ niedrig. Bearbeitet ein Mediator diesen Fall, indem er auf Stundenbasis abrechnet, dürfte zumindest bei einer transformation Mediation das Stundenhonorar die Prozesskosten übersteigen
  2. Was besser ist oder nicht misst sich am Ergebnis. Im Gerichtsverfahren ist es eine Entscheidung in der Mediation eine Vereinbarung. Die Annahme, dass eine Vereinbarung stets besser ist als eine Entscheidung ist zu relativieren. Eine Entscheidung die von allen Seiten akzeptiert wird kann eine bessere Wirkung entfalten als eine Vereinbarung, die in ihrer Qualität nicht mehr ist als ein fauler Kompromiss.

Natürlich könnte man sagen, dass die Mediation wegen ihrer Andersartigkeit Eine alte Alternative nicht nur zum Gericht sondern auch zu sonstigen Verfahren ist. Was anders ist muss aber nicht zwingend eine Alternative sein. Definitionsgemäß ist die Alternative eine Möglichkeit, die man anstelle einer anderen auch wählen kann. Berücksichtigt man, dass die Mediation zu ganz anderen Ergebnissen führt es schon die Frage ob die Mediation so einfach ein Gerichtsverfahren ersetzt. Wer davon ausgeht unterschätzt die Mediation. Ein anderer entscheidender Grund,weshalb die Mediation nicht wirklich eine Alternative sein kann, ergibt sich aus strategischen Überlegungen. Innerhalb einer Konfrontation ist eine Kooperation nicht (ohne weiteres) möglich. Anders formuliert: die Konfrontation schließt die Kooperation aus. innerhalb einer Konfrontation (je nach Eskalationsgrad) würde die Kooperation würde unter dem Eindruck des Nullsummenspiels bewertet werden.

Beispiel: Schachspieler A schlägt seinem Gegner Schachspieler B einen schlauen Zug vor. "Setz doch mal die Dame auf C7". Würde der Gegner dem Vorschlag Folge leisten? Eher nicht. Aus der Logik des Null-Summen-Spiels muss er glauben, Spieler A wolle ihn hereinlegen oder irritieren. Die Vorstellung, dass ein Gegner im Nullsummenspiel einen konstruktiven Vorschlag macht, würde nicht mit der Spiellogik übereinstimmen und eher als Angriff oder Täuschung verstanden sein.


Mithin ist die Kooperation nur dann eine Alternative, wenn das Nullsummenspiel zuvor beendet wird. Damit ist sie aber keine Alternative mehr, sondern eine Konsequenz daraus.

Die Mediation bedient sich eines Tricks, um die Konfrontation zu überwinden. Strategisch betrachtet öffnet sie ein neues Spiel, in dem die Konfrontation die schlechtmöglichste Strategie darstellt. Wie in dem Beitrag Verfahrensstrategien beschrieben, wird das konfrontierte Verfahren ausgesetzt oder zum Ruhen gebracht, um das kooperative Verfahren zu ermöglichen auf das Fach Beispiel bezogen würde sich das wie folgt darstellen lassen:

Beispiel (Alternative): Schachspieler A sagt seinem Gegner: " diese Spielsituation die wir gerade haben war Teil eines Rätsels. Schachmatt in drei Zügen. Ich habe es gestern gesehen und schon die ganze Zeit überlegt wie das funktionieren kann. Ich habe dafür keine Lösung gefunden. Wäre es o. k. für dich wenn wir das mal zusammen probieren und gemeinsam überlegen, wie man das Spiel in drei Zügen zu Ende bringt? Wir können ja ein Foto von diesem Spiel machen und das nachher weiterspielen. Kannst du mal probieren, wie wir weiter kommen wenn du die Dame auf C7 setzt?".


Die Analogie kommt der Realität recht nahe. Hat sich der Gegner leidenschaftlich in sein Schachspiel verfangen, wird er kaum bereit sein zu unterbrechen weil er siegen will. Konnte Schachspieler A seine Neugier wecken, wird der bereits sein, das Schachspiel abzubrechen und in ein Suchspiel zu überführen.

Interessanterweise stellt die Mediation selbst im Verlauf ihres Verfahrens die Voraussetzungen her, dass die Parteien zu Verhandlungen über die Interessen bereit sind. Der Mediator kann dies beobachten, wenn die Parteien mit dem Verlauf des Verfahrens immer verhandlungswilliger werden. Ein wichtiger Erkenntnisschritt dafür ist die Phase zwei. Hier werden die gegnerischen Positionen einander gegenüber gestellt. Je mehr die Parteien den darin verborgenen Widerspruch als unlösbar erkennen, desto größer wird ihre Bereitschaft, über Interessen zu verhandeln. Anders formuliert: Solange die Parteien glauben, sie könnten ihre Ansprüche gerichtlich durchsetzen, sind sie nicht “voll dabei”. Wieder anders formuliert: solange die Parteien das Null-Summen-Spiel nicht verlassen, sind sie für die Mediation nicht bereit.

Wenn die Mediation also die Erkenntnis zur Verhandlung über die Interessen selbst als einen Bestandteil des Verfahrens vorhält, dann ist es für die Paretein doch recht herausfordernd, wenn sie sich für die Mediation schon vor dem Verfahren entscheiden sollen. Warum also nicht andere Verfahren in den Entscheidungsprozess einbeziehen? Das entspricht beispielsweise dem Konzept der integrierten Mediation. Es wäre dann möglich, den unlösbaren Widerspruch zwischen den beiden Positionen schon im Gerichtsverfahren nachzuweisen (also die Phase zwei dort durchzuführen). Sobald die Parteien gemerkt haben, dass sie beide im Gericht nicht das bekommen können, was sie sich davon versprechen, werden sie sofort ihre Strategie ändern. Wenn sie von der Konfrontation Abstand nehmen, dann bleibt nur die Kooperation. Der Weg in die Mediation ist frei.

Die Vorstellung, dass die Mediation nicht eine Alternative zum Nullsummenspiel sondern eine Konsequenz daraus ist, erschließt sich auch aus der Lehre der Konfliktevolution