Definition

Counter Speech heißt Gegenrede. Gemeint ist einfach nur Gegenwind und zu zeigen, dass der Hass nicht unkommentiert stehen bleibt. Es geht darum, den verbalen Entgleisungen, menschenverachtenden Kommentaren, und Aufrufen zur Gewalt etwas entgegenzusetzen.

Forschung

Herbold stellt in dem Artikel Argumente sind kein Allheilmittel die Forschung über die Wirkungsweise der Counter Speech zusammen.1 Dort wird ausgeführt:

  1. Hetzerischen Äußerungen basieren kaum auf einer veränderten üpolitischen Einstellung, wohl aber darauf, dass sich immer mehr Menschen ermutigt fühlten, solche Meinungen (im Internet) zu äußern.
  2. Der Wegfall von Hierarchien und der Face-to-Face-Kommunikation sei für die verbale Eskalationen verantwortlich.
  3. Gruppendynamiken nehmen Einfluss auf das Verhalten (in Foren), wo sich eine Gruppe gegen eine andere stellt oder Outgroupos attakiert werden.
  4. Wer sich ungerecht behandelt fühlt, baut moralische Aggressionen auf, auch wenn die Moral von außen betrachtet nicht oder anders wahrgenommen wird.
  5. In Situationen von Unsicherheit suchen Menschen nach einfachen Erklärungen. Das kann zur Abkehr von Personen (und Gruppen) führen, die andere (komplexere) Erklärungsmuster vorhalten.
  6. Generell neigt der Mensch dazu, sich Unterstützung für seine Position zu suchen. Er will wissen, dass er recht hat, nicht ob er recht hat. Deshalb wirken einzelne unterstützenden Kommentare stärker als viele ablehnenden Stimmen.
  7. Menschen mit extremen Positionen neigen dazu, den Anteil der Gleichgedsinnten zu überschätzen.
  8. Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe und der Schutz der Anonymität können zu aggressiven Verhaltensweisen führen, die der Einzelne ohne Gruppenbindung sonst nicht an den Tag legen würde.
  9. Ironie, Häme oder Herabwürdigung führt zu weiteren Polarisierungen.
  10. Das Motiv ergibt sich meist aus der gefühlten Bedrohung oder der Kränkung des eigenen Selbstwertgefühls2

Rahmenbedingungen

Die Rahmenbedingungen sind eine entscheidende Voraussetzung, um den Widerstand in eine Auseinandersetzung zu überführen. In der öffentliche Auseinandersetzung würde schon die Bereitschaft verstehen zu wollen dazu führen, dass man in ein Lager gesteckt wird.

Beispiel - Verständnis für Hass: Verständnis für die falsche Seite kann zu Reaktionen führen wie: "Du sympathisiert also mit denen!", oder "Aha, Du bist also auch einer von denen!", "Wie kannst Du dafür nur Verständnis zeigen?!?", usw.


Markant ist die Feststellung in dem oben zitierten Beitrag, dass eine Veränderungschance erst besteht, wenn die Diskutanten einen vertrauens- und respektvollen Umgang miteinander pflegen (können). Es wäre also eine Anforderung an die öffentliche Meinung, dies zuzulassen und sich selbst von der Lagerbildung zu befreien. Das ist eine wirkliche Herausforderung, wenn die öffentliche Meinung zum eigenen Schutz das Interesse am Radikalen als Radikalistisch einschätzt. Ohne diesen Gedanken aufzugreifen, führt der zitierte Beitrag zum Ergebnis, dass sich Wirkungen gegen Hass und Radikalismus erst herausstellen, wenn es zu Gesprächen (Auseinandersetzungen) im (engeren) Bekanntenkreis kommt. Erst in diesem Kontext könne Widerspruch zu (den gewünschten) Irritationen führen. Die Ausführungen erinnern an die NIMBY-Strategie.

Die Empfehlung gegen Hass lautet deshalb, im eigenen Umfeld im Gespräch zu bleiben und dort kritisch zu reagieren, wenn Positionen auftauchen, die für rassistisch und menschenverachtend gehalten werden. Die Grenzen sollten klar sein.

Strategie

Aus den vorangegangenen Ausführungen lässt sich eine Strategie ableiten.

  1. Die Grenzen des Erlaubten müssen gezeigt werden.
  2. Der Weg in eine Auseinandersetzung muss aufgezeigt und eingefordert werden.
  3. Ein Ausweg muss erkennbar sein.
  4. Die Gespräche (Themen) sollten sich auf das Leid (Bedürfnisse) und den Nutzen, nicht auf Argumente (Lösungen) konzentrieren.

Bedeutung für die Mediation

Die Mediation stellt nicht nur eine Strategie, sondern auch eine Reihe von Techniken vor, mit denen derartige Auseinandersetzungen möglich sind. Techniken sind die Grundform des Loopens, die Mäeutik, die Fakten, Meinungen, Emotionen - Technik usw. Argumentieren kommt dabei nicht vor. Wohl aber das Hinterfragen.

Hass ist dem Mediator nicht fremd. Er begegnet ihm bei hoch eskalierten Trennungen oder anderen Beziehungskonflikten. Bei den öffentlichen Hassreden ist die Distanz zum Anlass oft wesentlich größer und verlässt den privaten Bezugsrahmen. Die (öffentliche) Hassrede kann zumindest theoretisch Gegenstand einer Mediation sein (z.B. Cybermobbing) oder bei Hasszitaten direkt vorkommen, wenn der Hass gegen eine Gruppe etwa bei einem sogenannten interkulturellen Konflikt als Begründungshilfe herangezogen wird.

Der Mediator weiß, dass der Hass eine Emotion ihres Trägers ist, die letztlich mit ihm selbst zu tun hat. In der Mediation, wo davon auszugehen ist, dass die Parteien Kommunikationspartner des Mediators sind, versucht er also, den Fokus von den Argumenten weg auf die persönliche Betroffenheit (Motivation) zu lenken und diese zu hinterfragen, nicht die Argumente.

Natürlich kann man den Wirkungen von Hass Grenzen setzen und hoffen, dass sich das Gefühl nicht mehr ausleben kann und dann zurückgeht. Wie jedes gefühl kann der Hass aber nicht wegargumentiert werden. Er kann jedoch umgewandelt werden. Plutchiks Rad der Emotionen3 mag inspirieren in welche Richtung sich die Emotionen umwandeln lassen. Wie wäre es mit Optimismus?

1 Herbold (Hatespeech) - 2016-02-04
2 Siehe dazu die Ausführungen im Beitrag Hass
3 Siehe Emotionen