Oft wird die mangelnde Nachfrage nach der Mediation mit dem Argument abgetan, die Ausbildungsqualifikation sei unzureichend und die Bürger wüssten noch immer nichts von der Mediation. Der Wiki to Yes Mediationsreport 2019 dürfte das Bild korrigieren. Auch die Evaluierung des Mediationsgesetzes liefert die Grundlage für eine Korrektur dieser Kausalität. Nach den Erhebungen der Evaluierung ist die Frage der Zertifizierung für den Konsumenten zumindest noch kein ausschlaggebendes Kriterium. Der überwiegende Teil der Bevölkerung hat auch schon von der Mediation gehört. Problematisch ist jedoch, dass die Mediation nicht bedarfsorientiert vorgestellt und oft falsch verstanden wird. Die Leistungsbeschreibung der Mediation verliert sich oft in nichtssagenden Parolen, wie etwa in dem Hinweis, dass die Mediation billiger sei als ein Gericht und zu besseren Ergebnissen komme. Auch die Ermahnung, dass der friedliche Weg stets der bessere sei, scheint nur in Friedenszeiten zu überzeugen. Dass die Verfahrenskosten für Parteien in einem hoch eskalierten Konflikt keine ausschlaggebende Rolle spielen, belegt der Zeit- und Energieaufwand, den manche Parteien dem Konflikt teilweise bis zur Selbstdestruktion widmen.

Der Konflikt ist das Problem

Der Mediationsreport 2019 hat gezeigt, dass sich die Nachfrage trotz allen Unkenrufen positiv entwickelt. Aus der Sicht des Praktikers stellt nicht die mangelnde Informiertheit oder das Ausbildungszertifikat, sondern der Konflikt selbst die größte und schwierigste Hürde, die der Nachfrage nach Mediation im Wege steht. Das Problem äußert sich in der Frage, wie das gewählte Verfahren zur Konfliktstrategie der Parteien passt. Bitte beachten Sie, dass der Begriff Parteien im Plural genannt wird. Wegen des Prinzips der Freiwilligkeit genügt es nicht, wenn eine Partei zur Vernunft kommt. Beide Parteien müssen bereit sein, den kooperativen Weg zur Konfliktbeilegung zu bestreiten. Diese Voraussetzung wird bei einem Konflikt ab der 3.Eskalationsstufe immer herausfordernder. Nicht nur, weil die Parteien nicht mehr miteinander reden. Je höher der Konflikt eskaliert ist, desto größer wird die Neigung, sich einem Vorschlag der Gegenseite entgegenzustellen. Die Umfrage zur Konfliktbeilegung versucht diese Zahl in ein Verhältnis zu stellen.

Nach den Erkenntnissen der Konfliktevolution braucht die Hinwendung der Parteien zu einer kooperativen Konfliktstrategie eine gewisse Konfliktreife. Wenn sich eine Konfrontation erst einmal etabliert hat, gibt es Konfliktstadien, bei denen es den Parteien gar nicht in den Sinn kommt, mit dem Gegner zu kooperieren. Die Kooperationsbereitschaft tritt erst ein, wenn die Partei erkennt, dass sie mit der Konfrontation nicht weiter kommt. Weil die Mediation von allen Parteien nachgefragt werden muss, betrifft die konfliktstrategische Anforderung nicht nur eine, sondern alle Parteien. Bitte beachten Sie, dass nicht nur die Partei selbst, sondern auch ihr Konfliktgegner der Mediation und dem vorgeschlagenen Mediator zustimmen müssen.

Die Motive zur Absage

Schon der eskalierte Konflikt legt es den Parteien nahe, Widerstand zu zeigen. Sie wollen Stärke zeigen. Verhandlungsbereitschaft könnte als Schwäche ausgelegt werden. Wer stark ist verhandelt nicht und wer im Recht ist sieht für sich auch keinen Grund zum Verhandeln. Auch die Emotionen machen einen Strich durch die Rechnung der Mediationsnachfrage. Die Emotionen suchen Distanz und Abwendung, nicht die Nähe. Sie wollen Rache und Genugtuung, nicht entgegenkommen oder zuwenden.

Eine freundlich verkleidete Absage liegt auch vor, wenn zwar eine Verhandlungsbereitschaft bekundet wird, diese aber an unannehmbare Bedingungen geknüpft wird. In der Politik finden sich für dieses Phänomen aktuelle Beispiele und Vorlagen. Eine beliebte Methode ist die Ausgrenzung des Gegners, sodass die angebliche Verhandlungsbereitschaft der auffordernden Partei schon im Ansatz keine Wirkung haben kann und nur ein Lippenbekenntnis ist. "Wir sind zwar verhandlungsbereit. Aber mit Radikalen verhandeln wir nicht", heißt es dann. Auch werden Verhandlungen gerne unter Bedingungen gestellt, von denen bekannt ist, dass sie von vorne herein nicht erfüllt werden. "Ich verhandle nur, wenn Du Dich vorher entschuldigst". Die USA-Politik liefert das Beispiel für eine dritte, indirekte Absagevariante. Wieder wird zwar eine Verhandlungsbereitschaft beteuert. Tatsächlich geht es aber nicht um ein lösungsoffenes Verhandeln, sondern um eine Durchsetzung von bereits feststehenden Lösungen und einer damit einhergehenden Unterwerfung erwartet. In solchen Fällen wirkt der friedlich anmutende Druck auf den Gegner wie ein Hinterhalt. Wenn der Gegner ablehnt ist er der Sündenbock. Wer wirklich verhandeln will, baut Widerstände ab nicht auf.

Die etwas andere Sicht

Mediation ist anders!
Deshalb ist auch schon die Fragestellung im Titel dieses Beitrags keine mediative Frage. Ein Mediator würde die Frage wie folgt formulieren:

Was muss geschehen, damit die Gegenseite (die Partei) über alle Informationen und Erkenntnisse verfügt, die es ihr erlauben, eine alle Möglichkeiten und Aspekte der Konfliktlösung umfassende Entscheidung für den optimalen Weg der Konfliktlösung zu finden?


Schon die mediative Fragestellung weist den anderen Weg.
Leider wird die Andersartigkeit der Mediation oft übersehen. Sie wirkt sich nicht nur auf das Verfahren und die zu findende Lösung, sondern auch auf die Nachfrage nach der erforderlichen Unterstützung zur Konfliktbeilegung aus. Was oft übersehen wird, ist die Chance, dass die Mediation lösungsoffen ist. Lösungsoffenheit bedeutet nicht zwingend, dass von der vorgestellten Lösung abgewichen wird. Es bedeutet aber, dass eine bessere Lösung gegebenenfalls zu bevorzugen ist. Wer eine bessere Lösung ablehnt, hat etwas nicht verstanden.

Um die bessere Lösung zu finden, will die Mediation eine Klärung herbeiführen und dazu beitragen, dass die Parteien sich und den Gegner sowie alle Aspekte der Komplexität verstehen, um danach die sich daraus ergebende Entscheidung zu treffen. Erst aus diesem Verständnis heraus soll eine Lösung generiert werden, die das Problem nicht aufgreift, sondern überwindet.1

Was bedeutet es unter diesem Aspekt, wenn die Parteien Verhandlung unter Bedingungen stellen? Wollen sie damit zum Ausdruck bringen, dass ihre Lösung einer verstandesmäßigen Kontrolle nicht stand hält? Wollen sie sich Stärke einreden, die in der Mediation schon deshalb nicht erforderlich ist, weil der Mediator die Parteien stets als gleichwertig empfindet? Haben sie Angst vor dem Machtverlust, wenn die Vernunft regiert?

Auch die Sorge, dass die emotionale Verfassung der Parteien in der Mediation übersehen werden könnte, ist unangebracht. Selbst wenn man Gefühle wie Rache und Wut gerne behalten möchte, ist das eine Option, mit der man sich auseinandersetzen kann. Der Mediator wird in diesen Gefühlen die Betroffenheit erkennen. Der Gegner erkennt darin den Angriff. Er übersieht die in der Betroffenheit zu findenden Lösungshinweise. Die Gefühle sind ein Teil des Spiels und werden ganz sicher nicht übersehen. Allerdings bewirkt die Verbalisierung der Emotionen und die Art und Weise der Gesprächs- und Gedankenführung, dass sich die Emotionen zwar zeigen, aber nicht ausleben können. Nur auf diesem Weg lässt sich das über die Emotionen zum Ausdruck kommende Interesse verhandeln, ohne sich von Argumenten verdrängen zu lassen. Nur so kommen die Sorgen in einer Art und Weise zur Sprache, dass sie auch gehört und gesehen werden.

Die Frage ist: Wer weiß das schon?
Die nächste Frage ist: Wer will das schon?

In der Konfrontation lassen sich so viele Informationen unterdrücken. Das kommt nicht immer ungelegen. Die Konfrontation liefert auch so schöne, einfache und leicht verständliche Argumente. Die Behauptung: "Das sagst Du nur, weil Du Populist bist und Dir aus der Situation einen Vorteil versprichst", wird zum "schlagenden" politischen Argument, bei dem offenbar niemand mehr genau auf die Fakten schaut. Wenn es auf das Verstehen ankommt, sind solche Vorwürfe nur Leerformeln. Sie werden wirkungslos. Spannend sind die dahinter verborgenen und verkappte ICH-Botschaften, die der Mediator hört.

Die konstruktiven Möglichkeiten

Es gibt also viele vermeintliche Gründe, eine Mediation abzulehnen. Statt die Partei oder den Gegner vom Gegenteil zu überzeugen, ihn zu ermahnen, zu überreden oder gar zu zwingen, wäre es nicht nur zielführender, sondern auch passender zur Mediation, sich auf die Nöte und Bedürfnisse und darüber auf den Bedarf der Partei einzulassen. In der Regel geht es den Parteien darum, ein Problem loszuwerden. Meist gelingt das nur, wenn die zielführende Lösung gesehen und allseits akzeptiert wird, sodass auch der Gegner endlich Ruhe gibt. Bei dieser Anforderung grenzen sich die Möglichkeiten der Verfahren bereits ein. Die Mediation gerät zwangsläufig in den Fokus.

Die dorthin führenden Gedanken sind aber nicht jeder Konfliktpartei zugänglich. Das hat nichts mit der Intelligenz zu tun wohl aber mit der konfliktbedingten Wahrnehmung. Nach Ansicht der Integrierten Mediation bedarf es deshalb der Mediation (als Methode), um die Parteien in eine Mediation (als Verfahren) zu führen. Genauer gesagt sind Elemente der Mediation erforderlich, um den Weg in das andere Denken der Mediation und die Bereitschaft zur Kooperation zu lenken. Dazu gehört das Herausstellen des Nutzens der Verhandlungen und die Offenlegung der Verhandlungsmotive. Wie bei dem Verkauf eines jeden anderen Produktes muss der Konsument erkennen, welchen Vorteil die Nachfrage für ihn hat, wie der Vorteil zu erreichen ist und was er nachfragen muss, um den Vorteil zu erzielen.

Parteien haben oft eine Lösung im Sinn und setzen die Durchsetzung der Lösung mit dem zu erzielenden Vorteil gleich. Die Mediation unterscheidet jedoch Lösung und Nutzen (Vorteil). Sie weiß, dass die Lösung (etwa der Sieg) noch lange nicht den erwarteten Vorteil (also den Gewinn) einbringt. Der in die Mediation führende Gedankengang hinterfragt deshalb die angestrebte Lösung, deren Qualität, den Vergleich mit anderen Lösungen und die Verwertbarkeit der jeweils möglichen Lösung.

Wer glaubt, die Lösung zu kennen, sucht nicht danach. Oft achten die Parteien auf die Lösung, ohne den damit einhergehenden Nutzen zu hinterfragen. Ihr Fokus unterscheidet sich also von dem der Mediation. Die Parteien können selbst prüfen, ob die vorgestellte Lösung wirklich zielführend und nutzbringend ist. Die folgende Frage verdeutlicht das Problem:

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen alles was Sie einfordern.
Haben Sie jetzt alles, was Sie brauchen?
Haben Sie jetzt Ruhe, ohne weiter belästigt zu werden?
Haben Sie Ihren inneren Frieden gefunden?
Haben Sie aufrechterhalten, was erhaltenswert ist ohne alles zu zerschlagen?
Trifft das auch auf das Folgejahr und in der Zeit danach zu?
usw.


Bei der Mediation steht stets der Nutzen im Vordergrund. Über den zu erzielenden Nutzen der Lösung erschließt sich der von dem Verfahren zu erwartende Nutzen. Man könnte also sagen, die Mediation ist das Verfahren, das den maximal möglichen Nutzen verwirklicht und die dazu passende Lösung sucht. Auf dieses Alleinstellungsmerkmal bezogen, gibt es kaum ein Verfahren, das der Mediation gewachsen ist.

Schwierig wird die Ausgangslage, wenn der Mediator keinen Kontakt zu der oder den Parteien hat. Noch schwieriger wird die Ausgangslage, wenn der Mediator Kontakt zu einer willigen Partei hat, diese aber den gemeinschaftlichen Entschluss zur Durchführung der Mediation mit der Gegenseite nicht herstellen kann. Die Idee der möglichen und notwendigen Nutzenoptimierung lässt sich den Parteien also gar nicht vermitteln. Die Problematik wurde im Beitrag Startprobleme bereits angedeutet. Folgende Möglichkeiten bieten sich an:

  1. Kommunikation über Multiplikatoren: Wenn die Parteien beispielsweise anwaltlich vertreten sind, genügt es den Anwalt zu überzeugen. Wenn er die notwendige professionelle Distanz zur Mandantschaft hat, wird er den Argumenten für und gegen eine Mediation zugänglich sein und diese gegebenenfalls sogar wünschen.
  2. Kommunikation mit der Gegenseite: Wenn eine Partei der Mediation zustimmt, die Gegenseite aber nicht, bietet sich auf den ersten Blick eine direkte Kontaktaufnahme seitens des Mediators mit der Gegenseite an. Die Gegenseite wird möglicherweise dazu neigen, die Kontaktaufnahme als im Auftrag der Partei anzusehen. Selbst wenn es gelingt, sie von der Mediation zu überzeugen, wird sie sich für einen anderen Mediator entscheiden wollen.
  3. Information über Personen, die dem Gegner nahestehen: Dazu zählen Freunde, Verwandte oder Berater. Damit diese Personen sich über die Möglichkeiten der Mediation informieren können, mag Ihnen der Wiki to Yes Zugang für Freunde nahegelegt werden.
  4. Information über neutrale Instanzen: Wenn keine vermittelnden Personen zur Verfügung stehen, helfen neutrale Plattformen wie Wiki to Yes, dass sich die Gegenseite zumindest korrekt über die Möglichkeiten der Mediation in Abgrenzung zu anderen Verfahren und ihre Vorteile informiert. Hierfür bietet sich Wiki to Yes Zugang für Betroffene an. Dort finden sich Verweise auf Entscheidungshilfen wie z.B. die Abwägung der Vor- und Nachteile einer Mediation.
  5. Fragen und Erfahrungen: Konkrete Fragen und Erfahrungen finden Sie auch im Frageforum oder im Problemlöser
  6. Weitere Vorschläge: Können Sie andere, ergänzende oder bestätigende Erfahrungen oder Vorschläge einbringen? Der Diskussionsbeitrag Wie bekomme ich den Gegner an den Tisch? soll dazu einladen, diese Ideen zu teilen. Möglicherweise helfen Sie damit der ein oder anderen Partei, den Weg in die optimalste Konfliktbeilegung zu finden.


1 Mit der Frage, wie das Problem die Lösung verhindert setzt sich der Beitrag zur kreativen Lösungsfindung auseinander.

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