Das Mediationsgesetz definiert die Mediation als ein Verfahren. Juristen neigen dazu, die Mediation ähnlich einem Gerichtsverfahren zu sehen, das angetreten ist, ein Problem zu lösen. Wer sich tiefer mit der Mediation befasst und Ihren Denkansatz versteht, wird jedoch schnell bemerken, dass die Mediation mehr ist. Sie bewirkt ein anderes Denken und eine andere Herangehensweise an Probleme. Das mediative Denken ist und nicht fremd; es ist nur ungewohnt. Trotzdem ist des ein wesentlicher Bestandteil der Mediation und ausschlaggebend für die sich in der Haltung ausdrückende Kompetenz des Mediators.

Der Evolutionssprung

Schon das Wort Haltung ist missverständlich. Viele denken, es ginge um eine ethische Kompetenz. Sicher spielt Ethik eine entscheidende Rolle. Aber nur insoweit, als sie es dem Mediator erlaubt eine Meta-Perspektive abzubilden. Der gravierende Unterschied besteht darin, dass die Mediation als ein Vorgehen zur Erkenntnisgewinnung auf Seiten der Parteien, lediglich Reflexionen ermöglicht. Das Denken ist prozessorientiert und schaut mehr auf darauf wie vorgegangen wird als darauf, was hinten herauskommt.

Die Evolution hat dem Menschen ein anders Denken nahegelegt. Er sucht Lösungen, die ihm Orientierung und Sicherheit geben. Die natürlichen Lebensbedingungen haben uns gelehrt, dass Denken tödlich ist.

Beispiel: Das Hühnchen im Hühnerhof sieht den Bussard kreisen. Es fragt sich: "Bussard, könnten wir nicht Freunde sein?" Die philosophische Auseinandersetzung lenkt das Hühnchen so sehr ab, dass es für den Bussard eine leichte Beute wird


Wir haben gelernt, dass nur schnelle Lösungen lebensrettend sind. Schnelle Lösungen erfordern eine schnelle Orientierung. Leider ist die Welt in unserer Kultur nicht mehr mit den natürlichen Lebensbedingungen zu vergleichen. Die in 300000 Jahren Menschheitsgeschichte antrainierte Formel: Handeln stat Denken verwandelt sich in ihr Gegenteil: Denken statt Handeln. Vielleicht braucht der Mensch weitere 300000 Jahre, um sich dementsprechend umzuprogrammieren. Die Mediation könnte den Prozess beschleunigen. Wenn sich das mediative Denken etabliert hat, wird der den nächsten Evolutionssprung vollziehen!

Das mediative Denken

Was das mediative Denken auszeichnet, ist nicht nur seine Prozessorientierung. Die Mediation ist ein Verstandesverfahren, das auf einer Verstehensvermittlung aufsetzt. Die Lösung kommt erst in den Blick, nachdem alles verstanden wurde, was zur Lösung beiträgt und den damit zu bewirkenden, allseitigen Nutzen herbeiführt.

Ist das gewollt?

Schon die Parteien können sich auf ein solches Vorgehender einlassen, wenn der Leidensdruck groß genug ist, um eine allseits nützliche Lösung zu finden. Wir sind dran gewohnt, im Nullsummenspiel zu denken. Die natürlichen Lebensbedingungen haben uns das so vorgegeben.

Beispiel: Was der andere hat, geht mir verloren. Wer zuerst am Wasserloch ist kriegt das beste Wasser. Wer zuerst kommt malt zuerst. Den letzten beißen die Hunde. ...


Der Glaube daran, dass diese Weisheiten falsch sein können, fehlt uns. Im Zweifel gewinnt der Sieger. Schon die Berichterstattung über politische Ereignisse verdeutlicht diese Art des Denkens. Bei der Auseinandersetzung zwischen Merkel und Seehofer über die Flüchtlingsproblematik simuliert die Presse, wer von beiden gewonnen habe. Ganz abgesehen davon, dass ein Mediator die nicht präsenten Player Volk mit in den Wettbewerb einführen würde, geht es nicht darum wer gewinnt. Erst recht nicht, wenn das Volk der Verlierer ist.

Stellen Sie sich vor, die Auseinandersetzung und die Berichterstattung wären in einem meditativen Stil abgelaufen. Sie wäre langweilig für den Leser. Die Parteien könnten sich nicht reiben und nicht zeigen wer stärker ist. Sie könnten sich nicht profilieren und somit auch keine Mehrheiten produzieren (zumindest denken sie es). Das Volk braucht Brot und Spiele denken sie. Also wird es geliefert. Nicht um des Volkes willen, sondern um Macht zu erlangen.

Die Demokratie

Auch wenn es heißt, dass in der Demokratie die Macht vom Volke ausgeht, ist das Volk nicht mächtig. In der Demokratie hat die Macht, wer die Mehrheit auf sich vereint. Das Modell führet dazu, dass Mehrheiten (egal wie) geschaffen werden. Nützlichkeitserwägungen spielen keine Rolle. Was zählt sind Versprechungen, die wiederum (wenn überhaupt) auf Lösungen gerichtet sind. In Großbritannien Beispielsweise wurde mit dem BREXIT eine folgenschwere Entscheidung herbeigeführt. Sie basiert auf einer knappen, fraglichen Mehrheit. Die Meinung des Volkes ist von einem Konsens weit entfernt. Für einen Mediator ist es schockierend, dass die Entscheidung trotzdem umgesetzt wird. Die Folge ist eine Spaltung der Gesellschaft. Die Entscheidung manifestiert den Widerstand. Ein mediativer Prozess hätte dies verhindert.

Wenn sich die Macht auf wenige konzentriert und Lösungen präsentieren will, sind Diskussionen eher hinderlich. Wie soll es auch möglich sein, jeden zu Wort kommen zu lassen? Volksentscheide haben bewiesen, dass der Wähler gar nicht hinreichend informiert ist, um Entscheidungen zu treffen. So werden Referenden eher missbraucht um Macht zu betätigen und zu schaffen als darum, einen Konsens herzustellen und Entscheidungshilfen zu gewähren.

Beispiel: Das Referendum zum GEXIT war erklärtermaßen darauf angelegt, um die Verhandlungsposition in den Verhandlungen mit den EU-Partnern zu stärken.


Ein Mediator fragt sich schon, wieso die Mehrheit ein Argumentsverstärker ist. Entscheidet nicht die Qualität des Argumentes? Was würde sich ändern, wenn diese Entscheidungsprozesse mediativ ablaufen?

  1. Die Wähler müssten voll informiert sein.
  2. Parolen verlieren ihre Wirkung
  3. Mehrheiten sind bedeutungslos
  4. die Macht unterwirft sich dem Konsens (in der Mediation haben alle Beteiligte die gleiche Augenhöhe)

Systemveränderung

Ohne die Erfahrungen mit der Mediation glaubt niemand daran, dass solche Prozesse zielführend sein können. Deshalb fällt es leicht, sie abzulehnen. In der Politik ist die Mediation nur ein Mittel zum Zweck. Es hört sich gut an, wenn man anderen eine Mediation empfiehlt. Sie wäre kontraproduktiv, wo es auf Siegen und Verlieren ankommt. Mediation stellt in Frage. Aber wer will schon zulassen, dass Ers selbst in Frage gestellt wird oder gar sich selbst in Frage stellen muss?

Es ist der Mechanismus, der das System erhält, der die Machtverhältnisse nicht antastet und der Macht garantiert. Ein meditatives Denken würde Krieg verhindern. Aber wer will das schon. Feindbilder helfen Gegner zu identifizieren und Ausgleich herbeizuführen. Oft wird argumentiert, dass ein Feindbild über innenpolitische Probleme ablenkt und das Volk vereint. Im selektiven Denken mag das stimmen. Im komplexen Denken stimmt es nicht. Konfrontation vereinigt nicht! Sie schafft Polaritäten und verdeckt den Nutzen.

Die These lautet also: Mediation würde das System verändern!

Die Veränderung wäre paradoxerweise notwendig, um das System zu erhalten. Dabei ändern sich allerdings die Machtverhältnisse. Nun können Sie sich fragen, ob die Mediation deshalb nur auf ein Verfahren iSd Mediationsgesetzes reduziert wird, um ihren Einfluss auf die Gesellschaft und die Politik zu verhindern oder ob es aus Unkenntnis darüber geschieht, was die Mediation bei Entscheidungsprozessen jeder Art zu leisten vermag. Eines steht jedoch fest: Wenn sich das meditative Denken in den Köpfen der Menschen etabliert, macht die Menschheit einen Evolutionssprung!

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