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Seiten-ID: 641 Die Wahrheit der Wirklichkeit A) Abteilung »  03. Wissen B) Inhalt »  05. Methodik »  Verstehen

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Ein Vortrag von Paul Watzlawick erläutert die Bedeutung der Bedeutungszuschreibung.
Es geht um den radikalen Konstruktivismus. Wir Menschen finden die Welt nicht vor, sondern wir erfinden sie. Die völlige Subjektivität der Wahrnehmung ist das Radikale im Konstruktivismus. Watzlawick erläutert diesen Gedanken anhand von Beispielen. Er beschreibt die Relativität der Wahrnehmung, besonders im menschlichen Beziehungsgefüge. Die Bedeutung einer Handlung, eine der wichtigsten Fragen in der Mediation, bleibt unserer Wahrnehmung verschlossen.

Dieses Video zeigt einen Vortrag von Paul Watzlawick über die Frage, wie wir uns die Welt erfinden.

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Grundlage ist die Vorstellung, dass die Vorstellung von Realität stets ein Produkt der persönlichen Wahrnehmung sei, die basierend auf Erfahrungen und Einschätzungen geprägt wird. Der Konstruktivismus geht davon aus, dass die Wahrheit erfunden und nicht gefunden wird.

 Merke:

Leitsatz 4361 - Da uns eine Wahrnehmung über die Unvollständigkeit der Wahrnehmung fehlt, müssen wir uns auf andere Weise eine Klarheit darüber verschaffen, welche Wahrnehmung fehlt oder fehlerhaft ist.

Diese wichtige Erkenntnis wird zu einem entscheidenden Argument für das Verständnis anderer Menschen und die Erklärung menschlichen Handelns. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil der Mediationsarbeit. Die Selektion der Wahrnehmung hat System.

 Merke:

Leitsatz 4362 - Das Bild, das sich die Menschen von der Wirklichkeit machen, ist immer durch deren Eindrücke, deren Persönlichkeit und deren Geisteszustand geprägt.

Die Wirklichkeit ist im wörtlichen Sinne unbegreiflich und deshalb immer nur ein individuell theoretisches Konstrukt. Alles was wir wahrnehmen wird auf dieses Konstrukt bezogen. Das Phänomen der unterschiedlichen Wirklichkeiten und ihrer Beziehung zu Kommunikationsvorgängen beschreibt die folgende Parabel:

Beispiel - Mann im Himmel: Ein Mann kommt in den Himmel und trifft dort einen alten Freund, auf dessen Knien ein wunderhübsches junges Mädchen sitzt. 'Fantastisch', sagt der Neuankömmling, 'ist sie deine Belohnung?' 'Oh nein', sagt der alte Mann traurig, 'ich bin ihre Strafe.'


Es gibt keine absolute Wirklichkeit. Stattdessen gibt es nur subjektive, zum Teil völlig widersprüchliche Auffassungen von der Wirklichkeit. Die Annahme, dass die eigene subjektive Wirklichkeit der "wirklichen" Wirklichkeit entspricht, ist ebenso unergiebig wie riskant. Watzlawick hat die wahrnehmbare Wirklichkeit in 2 Ordnungen eingeteilt:

Wirklichkeit 1. Ordnung

Es handelt sich um Wirklichkeitsaspekte, die auf dem Konsens der Wahrnehmung der Beteiligten und auf experimentellen, wiederholbaren und daher verifizierbaren Nachweisen beruhen. Die Wirklichkeit 1. Ordnung ist mit naturwissenschaftlichen Methoden in physikalischchemischen Kategorien eindeutig beschreibbar.

Wirklichkeit 2. Ordnung

Welche Bedeutung und welchen Wert im weitesten Sinne Tatsachen, Fakten oder Gegenstände, der Wirklichkeit 1. Ordnung einzunehmen haben, ist von deren Wirklichkeit 1. Ordnung völlig verschieden und keineswegs eindeutig festgelegt. Die Bedeutung ist in hohem Maße subjektiv und arbiträr. Insofern gibt es von ein und derselben Sache sehr viele Wirklichkeiten 2. Ordnung, von denen jede subjektiv und für sich gesehen "wirklich" ist. Die subjektive Wirklichkeit dieser Ordnung ist so überzeugend wirklich, dass die Tatsache mehrerer verschiedener Wirklichkeiten schnell geleugnet wird.

Beispiel - Wirklichkeit 1. Ordnung: Die Aussage „Die Truhe der Hubers besitzt ein Volumen von 1 Kubikmeter“ betrifft die Wirklichkeit 1. Ordnung.

Beispiel - Wirklichkeit 2. Ordnung: Die Aussage „Die Truhe der Hubers ist sehr groß“ betrifft die Wirklichkeit 2. Ordnung. Jeder hat eigene Vorstellungen davon was groß ist und vor allem, was groß bedeutet. Für den Einen ist es viel, für den Anderen ist es schwer. Für den Einen ist es hoch, für den Anderen ist es breit.


Da die subjektive Wirklichkeit der 2. Ordnung ausschlaggebend für die Bedeutung der Wahrnehmungen ist, wird diese Wirklichkeit auch die Bedeutungswirklichkeit genannt. Das Herausarbeiten der hinter den Aussagen der Medianden verborgenen, unterschiedlichen Bedeutungswirklichkeiten ist eine der wichtigsten Aufgaben des Mediators.

Was ist wahr?

Viele Menschen, die in Verhandlung miteinander treten, gehen davon aus, dass nur die eigene Wirklichkeit, also die subjektive Sicht, der (wahren) Wirklichkeit entspricht und die Wirklichkeit der Verhandlungspartner unwahr ist. Ja es ist schwer, das nicht Sichtbare zu akzeptieren.

Ich weiß doch was ich sehe!


So lautet die ungläubige Reaktion der Parteien, wenn die ersten Zweifel bei der Auseinandersetzung mit anderen Sichten aufkommt. Die Aussage kennt wahrscheinlich jeder Mediator. Die eigene Wahrnehmung sugeriert immer die Vollständigkeit. Es ist deshalb schwer das nicht sichtbare für wahr zu halten. Geht es aber wirklich um das real Sichtbare oder lediglich um die Bedeutung, die der Wahrnehmung zugeschrieben wird? Wer entscheidet überhaupt darüber, was wahr ist und was nicht?

Der Mediator muss die feststehende reale Wirklichkeit der 1. Ordnung von der Bedeutungswirklichkeit unterscheiden können. Es ist keinesfalls seine Aufgabe darüber zu entscheiden was wahr ist oder nicht. Wohl mag er hinterfragen, wozu es wichtig ist die Wahrheit zu kennen. Wenn er das Motiv kennt, kommt es auf die Wahrheit möglicherweise gar nicht mehr an. Dann besteht die Aufgabe des Mediators darin, die unterschiedlichen Sichtern herauszustellen, das Feststehende vom Nichtfeststehenden zu differenzieren, um dann, in einem weiteren Schritt, eine gemeinsame Sicht auf die Realität zu finden oder zu ermöglichen. Konstruktivistisch gesprochen geht es darum, ein gemeinsames Konstrukt der Realität herzustellen.

Diese Herangehensweise ist ein wesentlicher Schritt der Verstehensvermittlung. Er verhindert, dass die Partei den Konflikt aus nur einer als real empfundenen Sicht sieht, sodass sie die jeweils andere Partei von ihrem Standpunkt als dem einzig wahren zu überzeugen versucht. Ein solcher Versuch wird stets misslingen, solange die andere Partei deren Sicht als die einzig wahre versteht.

 Merke:

Leitsatz 5245 - Was ich wahrnehme ist nicht das, was Du wahrnimmst. Auch was wir beide zusammen wahrnehmen hat wenig damit zu tun, was wirklich ist! Es ist nicht die Aufgabe des Mediators darüber zu entscheiden was wahr ist oder nicht. Seine Aufgabe besteht darin, die unterschiedlichen Sichten herauszustellen, um dann, in einem zweiten Schritt, eine gemeinsame Sicht auf das, was beide Parteien als die Realität anerkennen können, zu finden oder zu ermöglichen.

Ein Streit über die Fakten lohnt sich nicht, weil die Fakten nachweisbar sind. Ein Streit über die Bedeutungswirklichkeit lohnt sich aber genauso wenig, weil es sich letztlich um Einschätzungen, Interpretationen oder Bewertungen, also um Meinungen handelt.

Die Bedeutung von Fakten, Meinungen und Emotionen

Konflikte lassen sich nicht durch Argumente oder durch das Überzeugenwollen der anderen Person von der Wahrheit des eigenen Konstrukts lösen, sondern nur durch das Verstehenwollen des Konstrukts der anderen Person. Unterstellen Sie also Behauptungen einer Partei über die Bedeutungswirklichkeit einfach immer als wahr. Das spart Zeit und Kraft. Die Mediation unterstützt Sie in diesem Prozess. Ihr kommt es, anders als im juristischen Denken, nicht darauf an, die Richtigkeit eines Konstruktes zu begründen. Sie stellt die Konstrukte einfach nebeneinander, weil es sich nur so herausfiunden lässt, wo es Übereinstimmungen und Abweichungen gibt.

Beispiel - Rabbi als Schlichter: Zwei Schüler eines Rabbis streiten sich. Als der Rabbi fragte, was denn los sei, erzählte der eine Schüler den Hergang des Streitgesprächs aus seiner Sicht und klagte den anderen Schüler dabei an. Der Rabbi sagte zu ihm: “Du hast vollkommen recht!”. Der andere Schüler war darüber noch verärgerter und schilderte seine Sicht der Geschehnisse, welche die eigene Unschuld und die Schuld des anderen darlegte. Der Rabbi sagte in ruhigem Ton: “Und Du hast auch recht!”. Ein weiterer Schüler des Rabbis konnte das gesamte Gespräch mitverfolgen, schüttelte verständnislos den Kopf und sagte verärgert: “Wie kannst du beiden sagen, sie hätten recht. Das ist doch der größte Unsinn, den du da von dir gibst”. Der Rabbi entgegnete ihm väterlich: “Auch Du hast recht!”

Bedeutung für die Mediation

Zwei Parteien sind zwei Wirklichkeiten, die sich im Widerspruch erleben. Der Mediator kann nachvollziehen, dass jede Partei in ihrer Wirklichkeit "recht hat", ohne dass sich die Parteien widersprechen. Bezieht sich der Widerspruch auf Fakten, lässt sich erheben was wirklich ist. Sie betreffen die Wirklichkeit 1. Grades, weil Fakten messbar und evaluierbar sind. Lediglich die Bedeutungswirklichkeiten können konstrukte sein, die voneinander abweichen. Der Mediator versucht, dies den Parteien zu vermitteln, indem er die Bedeutungen hinterfragt und als Meinung identifiziert. Das präzise Zuhören ist sein Werkzeug.

Die Bedeutungszuschreibung erlaubt einen Rückschluss auf die Person und letztlich ihre Persönlichkeit und Bedürfnisse. Hier findet der Mediator wichtige Anhaltspunkte in Phase 3, mit denen sich die Kriterien für eine Lösung ermitteln lassen.

Was tun wenn ...

Hinweise und Fußnoten

Bitte beachten Sie die Zitier- und Lizenzbestimmungen
Bearbeitungsstand: 2019-10-20 07:32 / Version 34.
Aliase: Bedeutungswirklichkeit, Wirklichkeit
Siehe auch: Konstruktivismus
Prüfvermerk: Administrator

© Wiki to Yes: Arthur Trossen "Wahrheit und Wirklichkeit" (2018) unter Wiki-to-Yes.org/Wahrheit
Erstellt von Arthur Trossen. Letzte Änderung: Sonntag Oktober 20, 2019 07:32:42 CEST by Arthur Trossen.