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Lügen

Definitionsgemäß sind Lügen bewusst falsche Aussagen mit Täuschungsabsicht.
Wann aber ist eine Aussage falsch und vor allem: Wer entscheidet das und was heisst schon bewusst?

Warum lügen wir?

Die Motive können ganz unterschiedlich sein. Auch sind verschiedene Lügenarten und -charaktere zu unterscheiden. Manche Lügen sind erwünscht und manche nicht. Manche Lügen erfolgen lediglich, um Unsicherheiten zu überspielen, um eine Kompetenz vorzutäuschen oder um einfach nur sympathisch zu erscheinen. Lügen sind angelernt. Kinder bis zu 5 Jahren sind beispielsweise gar nicht in der Lage zu lügen.

Lügen wollen dem Lügner einen Vorteil versprechen. Sie helfen, sich vor der Verantwortung zu drücken oder Schwächen zu verstecken oder etwas zu bekommen, wovon man denkt, dass es anders nicht geliefert wird. Eine gezielte Lüge etwa vor Gericht soll vor der Bestrafung schützen.

Lügen können bewusst und unbewusst erfolgen. Manchmal sind sie gar keine Lüge, sondern nur Ausdruck einer Stimmung, die schwanken kann, sodass man einmal dies und ein anderes mal jenes behauptet. Bei einem krankhaften Lügen (Pseudologia Phantastica)1 geht es den Betroffenen meist darum, im Mittelpunkt zu stehen.

Warum werfen wir Lügen vor?

Menschen mögen Eindeutigkeit. Widersprüche verursachen eine kognitive Dissonanz. Die fühlt sich nicht gut an. Sie macht Entscheidungen schwierig.

Wenn eine Lüge zum Vorwurf gemacht wird, sollte auch das Motiv des Vorwurfs hinterfragt werden. So wie der Lügner Interessen verfolgt, die ihn zum Lügen verleiten, so hat der Ankläger Motive, die ihn dazu verleiten, dem Anderen Lügen vorzuwerfen. Wenn Lügen zum Vorwurf gemacht werden, sollte man zunächst prüfen, worauf sich der Vorwurf genau bezieht und ob die Einschätzung, dass der andere lügt überhaupt korrekt sein kann. Immerhin kann der Vorwurf des Lügens selbst eine Lüge sein. Den Schlüssel zur Klärung liefern zunächst die Fakten.

Fakten

Mark Twain schrieb:
Tatsachen muss man kennen, bevor man sie verdrehen kann.


Logisch betrachtet können sich Lügen nur auf Fakten beziehen. Fakten sind beweisbare Tatsachen. Nach der Differenzierung von Watzlawick betreffen sie die Wirklichkeit 1. Grades. Es sind die messbaren Wahrheiten. Der Vorwurf: "Du lügst" kann beides sein. Eine Einschätzung, dann ist es eine Meinung oder ein Fakt, dann ist es eine Tatsache. Im letzteren Fall lohnt es sich nicht, darüber zu streiten, ob jemand lügt. Man muss nur klären, wie die Fakten gegebenenfalls zu evaluieren (zu beweisen) sind.

Beispiel Faktenklärung: Der Mediator stellt fest: "Sie haben unterschiedliche Auffassungen was das Fakt ist. Wie lässt sich feststellen, welche Auffassung dir richtige ist?" .... Gegebenenfalls: "Wer hat das zu entscheiden?"

Bedeutungen

Oft werden Lügen unbemerkt auf die Bedeutungswirklichkeit bezogen. Dann betreffen sie nicht Fakten, sondern Meinungen und Einschätzungen. Das präzise Zuhören ist ein Tool, mit dem Informationen als Fakten, Meinungen oder Emotionen qualifiziert werden können. Mancher Vorwurf einer Lüge lässt sich so entkräften.

Beispiel Einschätzung: Der Mediator sagt: "Sie meinen, dass die andere Partei lügt. Worauf genau gründen Sie diese Auffasung?"


Es geht darum herauszufinden, wo evaluierbare Fakten sind. Ein Mediator weiß nur zu gut, dass zwei Menschen unterschiedliche Sichten auf das gleiche Fakt haben können. Wenn es um Bedeutungszuschreibungen geht weiß er auch, dass keiner von ihnen lügt. Es sind nur unterschiedliche Konstrukte der Wirklichkeit.

Motive

Den Schlüssel zum Verstehen liefern die Motive. Wenn es zum Vorwurf der Lüge kommt, ist weniger die Lüge an sich sondern das Motiv des Vorwurfs zu hinterfragen. Der Vorwurf kann verschiedene Bedeutungen haben. Sie lassen sich erhellen, wenn das Motiv für den Vorwurf geklärt wird.

Beispiel Motivklärung: Der Mediator stellt fest: "Sie haben unterschiedliche Auffassungen was das Fakt ist. Was hilft es Ihnen, wenn die Frage geklärt ist?"


Grundsätzlich sind zwei Fragestellungen zu unterscheiden. Die eine Frage lautet: Warum ist es der einen Partei so wichtig, dass die andere die Wahrheit sagt?

Beispiel Wahrheitsanspruch: Der Mediator stellt fest: "Sie werfen der anderen Partei vor, dass sie lügt, wenn sie behauptet ..... Möchten Sie herausfinden was richtig und was falsch ist?" .... Gegebenenfalls: "Gelingt das mit einem Vorwurf?" .... oder: "Was versprechen Sie sich davon, wenn die Wahrheit ans Tageslicht kommt?". Die Antwort kann lauten: "Dann kann ich mich darauf verlassen, dass ....", oder: "Dann kann ich vertrauen", oder: "Dann fühle ich mich sicher", oder: "Dann muss ich mir keine Vorwürfe machen", oder: "Dann bin ich rehabilitiert", oder: "Dann fühle ich mich ernst genommen", ...


Die Frage, ob jemand lügt oder nicht ist - wenn sie sich nicht auf Fakten bezieht - eine Einschätzung. Sie führt zu der anderen Frage, warum ist der einen Partei so wichtig ist, die andere als Lügner zu sehen. Welchen Nutzen verspricht sie sich davon?

Beispiel Vorwurf: Der Mediator stellt fest: "Sie werfen der Gegenseite nun schon mehrfach vor, dass sie ein Lügner sei. ... Womit kommen Sie besser zurecht, wenn es sich bestätigt, dass Sie recht haben oder wenn Sie falsch liegen mit der Einschätzung?" .... oder: "Was versprechen Sie sich von dem Vorwurf?"


Der Vorwurf der Lüge hat eine Rückkopplung. Wenn der andere Lügt, so liegt es nahe, dass man selbst nicht lügt. Auch löst der Vorwurf eine kognitive Dissonanz auf. Wenn der andere lügt, dann liege ich richtig und muss mich nicht in Frage stelllen. Es ist also wichtig, die Ich-Botschaft auf beiden Seiten herauszuarbeiten.

Der Vorwurf der Lüge verfolgt ebenso einen Zweck wie die Lüge selbst. Deshalb ist gegebenenfalls auch das Motiv zum Lügen zu hinterfragen. Viele Lügen sind sozial erwünscht. Oft steckt eine gute Absicht dahinter. Wieder wird das Motiv mit der Frage nach dem Wozu ermittelt.

BeispielMotiv zum Lügen: Der Mediator fragt: "Was haben Sie davon, wenn Sie behaupten, dass ... ?". Die Antwort könnte lauten: "Ich will Streit vermeiden", oder : "Ich will nicht hinterfragt werden", oder: ...

Lügen in der Mediation

Natürlich würde der Mediator die Lüge und den Vorwurf verstehen wollen. Dabei helfen ihm die zuvor erwähnten Herangehgensweisen. Wichtig ist die Klärung warum es worauf ankommt. Der Mediator begibt sich auf Glatteis, wenn er sich zum Wächter der Wahrheit ernennen lässt oder sich selbst gar in dieser Rolle sieht. Dann lässt er sich ohne Not auf gefährliche Bewertungen ein. Besser ist es, er hilft den Parteien zu klären, wie die Wahrheit aus der unterschiedlichen Sicht zu verstehen ist, wo Klärungsbedarf besteht und wie die Klärung zu erfolgen hat. Dabei hilft ihm die Freiwilligkeit.

Beispiel Freiwilligkeit als Kontrollmittel: Der Mediator stellt gegenüber der einen Partei fest: "Ihnen wird vorgeworfen ständig zu lügen. Wir haben die Fakten herausgearbeitet und uns darauf verständigt, dass ... Bitte beachten Sie den Grundsatz der Freiwilligkeit und verhandeln Sie so, dass die Gegenseite sich weiter an den Gesprächen beteiligen kann".


Der Mediator weiß, dass die hinter der Lüge oder dem Lügenvorwurf stehende Ich-Botschaft nie eine Lüge ist. Sie ist der Ausdruck von etwas, worüber man sprechen sollte.

Was tun wenn ...

Hinweise und Fußnoten

Alias: Lüge, Unwahrheit
Archiv: Ein Beitrag zum Facharchiv
Siehe auch: Wahrheit

© Wiki to Yes: Trossen "Lügen" (2017) unter Wiki-to-Yes.org/Lügen