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Seiten-ID: 350 Das Chaos bewältigen - Mediation und die Komplexität 3-Abteilung »  Wissen 4-Inhalt »  Allgemein »  Komplexität

Der Umgang mit der Komplexität

Wer sich mit der Mediation befasst, wird schnell von ihrer Komplexität erschlagen werden. Wer die Komplexität nicht erkennt, verkennt die Mediation. Die Fähigkeit der Komplexitätsbewältigung ist deshalb ein wichtiges Leistungsmerkmal der meditativen Kompetenz. Die Bewältigung der Komplexität ist eine Herausforderung und eine Chance zugleich. Sie ist die erste und wichtigste Hürde, die es innerhalb der Konfliktbewältigung und der Mediation zu bewältigen gilt. Die Komplexität wird in Wiki to Yes gespiegelt, das nicht minder komplex ist. Wie lässt sich die Komplexität bewältigen?




Chaos als Chance
Über den Umgang und die Bewältigung der Komplexität


Der Begriff Komplexität kommt aus dem Lateinischen complexum und bedeutet umschlingen, umfassen oder zusammenfassen1 . Komplexität wird als Vielschichtigkeit, als das Ineinander vieler Merkmale definiert. Komplex bedeutet: viele verschiedene Dinge sind umfassend, allseitig, vielschichtig und unregelmäßig zusammengesetzt; nicht allein für sich auftretend, ineinandergreifend, nicht auflösbar.

Konflikte sind vielschichtig und manchmal nicht auflösbar. Systemtheoretisch betrachtet können Konflikte selbst als komplexe Systeme in einer komplexen, interagierenden Welt beschrieben werden. Kein Wunder also, wenn ein Verfahren, das sich mit Konflikten befasst, nicht minder komplex ist.

Mediation ist komplex!  


Die Mediation wäre zu einfach, wenn es nur eine Komplexität gäbe, mit der sich der Mediator auseinanderzusetzen hat. Es hilft nicht nur zum Verständnis der Mediation, sondern auch bei der Fallbearbeitung, wenn er sich über die unterschiedlichen Komplexitäten bewusst ist und zwischen der Komplexität der Mediation und der des Falles zu unterscheiden vermag. Wenn er sich eingehender mit den jeweiligen Komplexitäten befasst, wird er bemerken, dass es eine weitere Ebene gibt, die beide Komplexitäten miteinander verschmilzt.2

 Merke:

Leitsatz 4332 - Nur wer sich der Komplexität der Mediation stellt, kann sie bewältigen und nur wer sich der Komplexität des Falles stellt, kann auch diesen bewältigen.

Merkmale der Komplexität

Die wichtigsten Merkmale der Komplexität lassen sich im Allgemeinen wie folgt zusammenstellen:

  1. Es gibt sehr viele Variablen
  2. Die Variablen sind „vernetzt“
  3. Die Komplexität verursacht eine Intransparenz
  4. Die Informationen bekommen eine Eigendynamik
  5. Große Lücken erlauben Vorurteile und Selektionen

Ohne sich der Komplexität zu stellen, ist jede Lösung nur selektiv.

 Merke:

Leitsatz 4101 - Die Bewältigung der Komplexität beginnt damit, dass sie erkannt und eingestanden wird.

Bewältigung der Komplexität

Grundsätzlich lässt sich die Komplexität bewältigen, indem man ...

  1. sich ihr stellt (die Komplexität anerkennt und akzeptiert).
  2. eine Struktur findet, mit der eine Ordnung möglich wird.
  3. die Informationen Merkmalen zuordnet (Dimensionierung), die eine Zuordnung erlauben.
  4. die Zusammenhänge, Vernetzung und Interdependenzen der Information erkennt (Kybernetik)

Die Mediation erfüllt diese Anforderungen. Sie liefert die Struktur (2), ebenso wie die Kenntnis der Zusammenhänge (4). Die Dimensionierung (3) ist DAS zentrale Element, mit dem Sie immer wieder konfrontiert werden. Dimensionen sind die Eigenschaften der Metainformation, über die sich die Informationen einerseits innerhalb der durch den Prozess vorgegebenen Struktur und dem zu lösenden Fall einordnen lassen. Sie sind mit den Variablen der Komplexität gleichzusetzen. Die Zusammenhänge und Interdependenzen der Information (4) werden durch das Konzept der Mediation hergestellt. Mithin präsentiert sich die Mediation nicht nur selbst als äußerst komplex, sie ist auch ein hervorragendes Mittel, um die Komplexität bei Entscheidungsprozessen zu bewältigen.3

Bewusstheit

Der Mensch mag weder Komplexität noch Widersprüche. Er könnte sich den Herausforderungen stellen. Allerdings neigt er eher dazu, sich ihnen zu entziehen. Der bei komplexen Fragen implizierte Informationsmangel wird mit Vorurteilen kompensiert. Die Komplexität wird mit Narrativen ausgehöhlt und mit Schwarz-Weiß-Malereien simplifiziert. Eventuelle Widersprüche (kognitive Dissonanzen), die der Komplexität auch zu eigen sind, werden aufgelöst, indem das, was nicht ins Bild passt, einfach geleugnet oder entwertet wird. Oft sind sich die Menschen über die Komplexität nicht einmal bewusst. Dazu trägt der Plentitudo-Effekt bei. Dieser Effekt täuscht darüber hinweg, dass das menschliche Bewusstsein nur 5% der möglichen Wahrnehmung erfassen kann4 . Er suggeriert stets, die ganze Wirklichkeit zu kennen. Auch irren wir, wen wir glauben, die Zukunft sei vorhersehbar. Das Chaos belegt allerdings eindrucksvoll, wie wenig berechenbar Abläufe sind, sobald sie mehrdimensional werden.

Beispiel - Reduktion der Komplexität: Juristen sagt man nach, sie könnten gut mit der Komplexität umgehen. Tatsächlich können sie es nicht. Sie können sehr komplexe Fälle bearbeiten. Das gelingt ihnen, weil sie die Komplexität des Falles auf Fakten und Rechtsfolgen reduzieren. Das Leben, der zu lösende Fall und mit ihm das zu lösende Problem und der dahinter stehende Mensch besteht aber aus mehr als nur aus Fakten.


Wer Selektionen, Tunnelblicke und Vorurteile vermeiden möchte, ist also gut beraten, sich der Komplexität zu stellen. Die Mediation wäre dazu eine Möglichkeit, denn sie kann außer Fakten und Rechtsfolgen auch Befindlichkeiten, Emotionen und den Mensch im Hintergrund erfassen, und nicht nur das. Daraus resultiert der Grundsatz:

 Merke:

Leitsatz 4102 - Die Mediation kann den Fall (Konflikt) in seiner gesamten Komplexität abwickeln und ist selbst dementsprechend komplex

Berührungspunkte

Die Komplexität begegnet uns bei Allem, was mit Mediation zu tun hat. Da ist zunächst die Komplexität der Mediation selbst.

Komplexität der Mediation

Es würde die Komplexität der Mediation ignorieren, wenn sie nur auf das Verfahren beschränkt wird. Systemtheoretisch betrachtet, müssen wir mehrere komplexe Systeme unterscheiden.

Systemik der Mediation

Das Mediationssystem beschreibt die Komplexität des Verfahrens. Das Streitsystem beschreibt die Komplexität des Falles:

Verfahren

Es gibt viele Metaphern, um die Mediation zu beschreiben. Die bekannteste ist der Orangenstreit. Es gibt viele Metaphern für die Mediation, die ihrerseits immer nur Aspekte kolportieren. Schach wäre eine weitere Analogie. Sicherlich ist Schach ein ganz anderes Spiel als Mediation. Es ist ein sogenanntes Nullsummenspiel. Mediation ist ein Nicht-Nullsummenspiel. Was die Spiele gemeinsam haben ist jedoch die Komplexität.
Schach
Schach ist ein Spiel mit nur wenigen Regeln. Die Regeln bestimmen die möglichen Zugoptionen. Trotz - oder vielleicht auch wegen - der geringen Zahl von Regeln ergeben sich bereits nach dem zweiten Zug 72.084 unterschiedliche Stellungen. Nach dem zehnten Zug sind es: 169 518 29 100 544 000 000 000 000 000. Die Kombination aus Stellungen und Optionen macht jedes Spiel einzigartig, so, dass es unendlich viele Spielvarianten gibt.

Vergleichbar mit Schach handelt es sich auch bei der Mediation um ein "Spiel" mit nur wenig Regeln. Wie beim Schach ergeben sich bereits unmittelbar nach ihrem Aufruf (nach dem ersten Spielzug oder der ersten Intervention) unbegrenzt viele Optionen. Wie beim Schach hilft die Kenntnis der Spielregeln nur wenig bei der Entscheidung, welche Interventionen (Spielzüge) passend und zielführend sind.

 Merke:

Leitsatz 4103 - Um die Mediation zu begreifen, muss ihre innere Logik verstanden und das Zusammenspiel ihrer Elemente durchschaut werden

Das ist gar nicht so einfach wie es aussehen mag. Was von außen so leicht anmutet, wird schwierig, wenn man selbst die Gespräche zu führen hat. Selbst Kramnik, der Schachweltmeister räumt ein:5

Schach ist so tief, manchmal fühle ich mich einfach nur verloren
.

Das Gefühl des Verlorenseins, sollte sich in der Mediation nicht herstellen. Was für den Schachweltmeister ein Problem ist, ist für den Mediator ein Feature - wenn er damit umzugehen weiß. Anders als beim Schach muss er die Spielsituation und die möglichen oder beabsichtigten Spielzüge des Gegners nicht einschätzen, um sich für einen Zug zu entscheiden. Er kann und muss sich lediglich danach erkundigen.

Verfahrensebene

Fall

Mediation ist Arbeit am Konflikt. Auch Konflikte sind vielschichtig und manchmal nicht auflösbar. Systemtheoretisch betrachtet können Konflikte selbst als komplexe Systeme in einer komplexen, interagierenden Welt beschrieben werden. Kein Wunder also, wenn ein Verfahren, das sich mit Konflikten befasst, nicht minder komplex ist. Es hilft jedoch die Systeme Mediation und Fallbearbeitung getrennt zu betrachten. Die Rolle des Mediators als eine außerhalb des Streitsystems stehende neutrale dritte Person gibt ihm dafür die Möglichkeit. Die Phasenlogik der Mediation gibt ihm ein Werkzeug. Das Loopen ist seine wichtigste Technik. Mit diesen Instrumenten gelingt es dem Mediator, die Dimensionen der Komplexität sichtbar zu machen und auseinanderzuhalten. Er kann die unterschiedlichen Sichtweisen erfassen und gegenüberstellen.

Fallebene

Dimensionen

Die Methodik zur Komplexitätsbewältigung ergibt sich aus dem Dimensionieren. Dabei wird der Medtainformation eine Eigenschaft zugeordnet, die sich mit den Variablen der Komplexität deckt. Die Dimensionierung erlaubt die Zuordnung zu einer Struktur, die sich für die Verfahrensebene aus der Struktur der Mediation ableiten lässt und für die Fallebene themenabhängig konstruiert werden kann. Die Mediationslogik deckt den Zusammenhang der Informationen auf, sodass alle Anforderungen zur Komplexitätsbewältigung im mediativen Prozess vorzufinden sind.

Dimensionen

Komplexität der Ausbildung

Auch die Ausbildung muss sich mit der Komplexität auseinandersetzen. Hier ist die Komplexität schon deshalb ein Thema, weil die Ausbildung vermitteln muss, wie der Mediator die Komplexität bewältigen kann. Die Frage, wie sich eine Verstehensvermittlung und die dazugehörige Haltung vermitteln lässt, ist selbst ein komplexes Thema, das ich in der Didaktik wiederfinden sollte.

Ausbildung

Komplexität des Themas

Die Komplexität des Themas spiegelt sich bei Wiki to Yes. Es bedarf eines an einem Konzept orientierten Wissensmanagements, um die Informationen zusammenzuführen. Die Abteilungen bieten den Zugriff auf alle Wissensbereiche. Der personifizierte Zugang erlaubt einen zielgruppenorientierten Zugriff. Verschaffen Sie sich einen Überblick mit den Highlights.

Strukturiertes Inhaltsverzeichnis

Kompetenz

Die Fähigkeit zur Komplexitätsbewältigung ist der Mediation immanent. Der Mediator sollte diese Fähigkeit als eigene Kompetenz nutzen. Voraussetzung ist, dass er selbst nicht vor der Komplexität zurückschreckt, wenn es darum geht die Mediation zu verwirklichen und einen validen Beitrag zur Fallösung zu erbringen. Bei der Mediation hilft die zum Verständnis beitragende Kognitionstheorie dabei, die zielführenden Gedankengänge zu gestalten und zu strukturieren. Bei der Fallösung hilft das Dimensionieren, das zur Strukturierung der Fallfragen beiträgt. Die Fähigkeit im Umgang mit der Komplexität ist ein wesentliches Kompetenzmerkmal des Mediators.

Die Kompetenz des Mediators 

Bedeutung für die Mediation

Die Mediation stellt verschiedene Mechanismen bereit, die es dem Mediator ermöglichen, die Komplexität nicht nur zu erfassen sondern auch zu bewältigen.

Strukturierung
Der erste Schritt zur Auflösung der Komplexität ist die Schaffung einer Struktur. Das Chaos wird in Schritte dekliniert, mit denen sich wesentliche Erkenntnisse erarbeiten lassen. Die Struktur der Mediation erschließt sich über die Phasenlogik. Die notwendigen Erkenntnisse erschließen sich aus dem Kognitionsprozess.
Bestandsaufnahme
Das Erleben des Schachweltmeisters Kramnik, der sich in der Komplexität mitunter verloren fühlt, bleibt dem Mediator erspart. Das liegt daran, dass er sich in einem kooperativen Spiel bewegt und keine Entscheidungen zu treffen hat. Er ist der Spiegel. Seine Aufgabe ist es deshalb, das Verlorensein in der Komplexität aufzudecken. Wichtiger als die Entscheidung, was als nächstes passiert, ist die abgestimmte Erkenntnis der Phänomene, die sich aufzeigen. Es genügt, wenn der Mediator eine Bestandsaufnahme ermöglicht, die den Parteien offenbart, welche Fragen zu beantworten sind und womit sie sich auseinanderzusetzen haben. Weil es die Parteien sind, die die Lösung zu finden haben, ist es nicht die Aufgabe des Mediator sich selbst damit auseinanderzusetzen. Seine Aufgabe ist es, die Auseinandersetzung zu ermöglichen.
Konfliktzuordnung
Konflikte verursachen Chaos im Kopf der Parteien. Geht man davon aus, dass der Konflikt ein System ist das sicher halten will, sind die durch den Konflikt verursachten Irritationen durchaus ein Wesensmerkmal, das die Parteien erkennen sollten. Der Mediator hilft Ihnen, indem er darauf achtet, dass die Konflikte und die davon betroffenen Personen isoliert behandelt werden. Um dies zu ermöglichen, bedarf es einer Konfliktanalyse. Das Werkzeug ist die Konfliktlandkarte. Die Themensammlung hilft, die Konflikte auseinanderzuhalten, wenn der Mediator darauf achtet, dass jeder Konflikt durch ein Thema in der Mediation repräsentiert ist.
Dimensionierung
Weil die Struktur eher den äußeren Rahmen herstellt, bedarf es eines inneren Ordnungssystems, das es erlaubt, die verschiedenen Ebenen der Komplexität auseinanderzuhalten. Die Komplexität des Verfahrens wird an vorgegebenen Dimensionen gemessen.6 Die Komplexität des Falles wird in abgrenzbare, fallsensitive Dimensionen unterteilt, die fallabhängig eingerichtet werden.7 Die Dimensionen sind Variablen, die sich im Zusammenspiel mit den funktionalen Einheiten8 der Mediation untereinander vernetzen. Das Dimensionieren wird beispielsweise beim präzisen Zuhörens angewendet.

Dimensionen und Dimensionierung

Was tun wenn...

Hinweise und Fußnoten

Bitte beachten Sie die Zitier- und Lizenzbestimmungen. Zitiervorgabe im ©-Hinweis.
Bearbeitungsstand: 2020-01-02 18:13 / Version 88.
Alias: Komplexitätsbewältigung
Siehe auch: Verstehen, Vermitteln, präzises Zuhören, Dimensionieren
Prüfvermerk: Arthur Trossen

3 Das trifft auf die Mediation auf der Grundlage der kognitiven Mediationstheorie zu. Siehe Integrierte Mediation
4 Siehe selektive Wahrnehmung
5 Siehe den Beitrag in www.spiegel.de mit einem Interview von Kramnik
6 wie z.B. Argumente, Positionen, Themen, Motive, Lösungen
7 wie z.B. Fakten, Meinungen, Emotionen, Beziehungen ...
8 Den Begriff verwendet die integrierte Mediation
© Wiki to Yes: Arthur Trossen "Komplexität" (2018) unter Wiki-to-Yes.org/Komplexität
An dieser Seite haben mitgearbeitet: Arthur Trossen , Administrator und Martin Rößler .
Seite zuletzt geändert: am Donnerstag Januar 2, 2020 18:13:39 CET von Arthur Trossen.