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Seiten-ID: 629 Das disziplinenübergreifende Wissen 3-Abteilung »  Bücher (Wiki) 4-Inhalt »  (04) Mediieren (Verfahren) »  Wesen

Interdisziplinarität

Das Wort Disziplin kommt aus dem Lateinischen. Disciplina bedeutet Lehre, Zucht, Schule. Disziplin wird als eine Form der bewussten Selbstregulierung (Selbstdisziplin) oder als die Ordnungsregulierung innerhalb eines Befehlsprinzips (Gehorsam) verstanden und als ein Teilbereich der Wissenschaft (Einzelwissenschaft)1 .

Über die Multi-, Inter- und
Transdisziplinarität

Die Interdisziplinarität beschreibt die Verwertung und Nutzung des Wissens aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachrichtungen (Disziplinen). In einer immer komplexer und komplizierter werdenden Welt sind Spezialisten gefragt. Auch die Wissenschaft hat sich spezialisiert, indem sie sich Fachrichtungen gegeben hat. Oft entstehen Fachrichtungen mehr oder weniger willkürlich aus sich selbst heraus. Die fachliche Begrenzung ist einerseits nötig, um die Fachdisziplin zu entwickeln. Andererseits führt sie in eine Selbstreferenzialität, wenn die Fachrichtungen versuchen, sich gegeneinander abzugrenzen.

Kernkompetenzen

Die Komplexität in der Mediation macht sich in der Wissenschaft bemerkbar, sobald man es sich bewusst macht, wie viele Disziplinen einen direkten Einfluss auf das Verständnis und die Steuerung der Vorgänge innerhalb der Mediation nehmen. Diszipilnen, die dazu beitragen, den mediativen Prozess zu erläutern und das Verhalten zu erklären, bilden die Kernkompetenzen aus2

Disziplin Bezug
Rechtswissenschaft Bedingung für Rahmen und Durchführung
Psychologie Bedingung für den Verstehensprozess
Pädagogik Einfluss auf Rolle und Verhalten des Mediators und der Medianden
Kognitionswissenschaft Bedingung zur Steuerung des Erkenntnis- und Verstehensprozesses
Soziologie Bedingung für den Umgang mit Gruppen
Biologie Das erforderliche Wissen fließt in die Kognitionstheorie ein
Philosophie Auseinandersetzung mit der Erkenntnis, Ethik usw.
Mathematik Die Spieltheorie erläutert den Umgang mit Strategien


Natürlich gibt es Berührungspunkte mit weiteren Disziplinen. In Bausachen gibt es Berührungspunkte mit der Architektur. Die Ökonomie spielt sicher eine Rolle bei Fragen der Vermarktung und Anwendungen innerhalb der Wirtschaftsmediation, etwa wenn es um die Bewertung eines Unternehmens geht. Solche Disziplinen zählen aber nicht zur Kernkompetenz des Mediators, auch wenn er bei Fachmediationen Zusammenhänge erkennen muss, die sich aus diesen Disziplinen herleiten lassen. Grundsätzlich kann der Mediator - wie ein Richter - auf Experten und Sachverständige verweisen. Nach dem Gesetz ist er verpflichtet, auf den dafür erforderlichen Beratungsbedarf hinzuweisen3 .

Interdisziplinarität in der Mediation

Kaum eine andere Anwendung berührt so viele unterschiedliche Disziplinen wie die Mediation. Es ist deshalb konsequent, wenn verschiedene Provisionen und verschiedene Disziplinen sich der Mediation bemächtigen. Es ist eine natürliche Folge, dass die Sicht auf Mediation durch die Annektierung der Mediation innerhalb der Profession oder Disziplin geprägt wird. Die Mediation wird aus diesem Kontext heraus bewertet.

Juristen haben einen anderen Zugang zum Verfahren als Psychologen. Pädagogen sehen in der Mediation wiederum einen anderen Auftrag als etwa Sozialarbeiter. Der Kreis könnte auf Mediziner, Finanzdienstleister, Unternehmensberater usw. ausgedehnt werden. Die Komplexität der Mediation bewirkt, dass sich alle so oder so in ihr wiederfinden.

Mediatoren sind sich der Interdisziplinarität und der Interprofessionalität durchaus bewusst. Zumindest wird die Interdisziplinarität oft erwähnt. Sie finden Beiträge über Mediation, die einmal von einem Psychologen, einmal von einem Juristen, ein anderes Mal von einem Pädagogen usw. verfasst wurden. Meist werden die Beiträge sequenziell aneinandergereiht. Mit viel Glück erfahren Sie so die Sicht der anderen Disziplinen und Professionen auf die Mediation. Eine Zusammenführung des Wissens steht indes aus. Es wird dadurch erschwert, dass sowohl die Professionen wie die Disziplinen eine Alkompetenz zutrauen und ihr Wissen in den Vordergrund stellen.

Dementsprechend findet der Diskurs über die Mediation vorwiegend innerhalb der Disziplinen und Professionen statt. Die Mediation präsentiert sich eher multidisziplinär als interdisziplinär. Was nützt es beispielsweise dem Psychologen wenn Fragen der Mediation in juristischen Fachzeitschriften diskutiert werden? Was nutzt es der Mediation, wenn sich eine Entscheidung der Rechtsprechung über die Grundsätze der Mediation hinwegsetzt und einen falschen Eindruck der Mediation vermittelt?4

Ein weiteres Phänomen der Mediation ist das scheinbare Wissen über die Inhalte der jeweils anderen Disziplinen. Das hat damit zu tun, dass manche Begriffe in verschiedenen Disziplinen vorkommen, also bekannt erscheinen, obwohl sie unterschiedlich konnotiert werden. Der Wiedererkennungseffekt täuscht. Er begünstigt den Eindruck, das fremde Wissen verstanden zu haben. Es fehlt aber die Tiefe, um zu erkennen, dass dieses Verstehen oberflächlich ist und nicht wirklich ein Verstehen darstellt.

Schließlich ist zu bedenken, dass die Mediation eine Anwendung ist, die ein vielfältiges Spektrum erlaubt. Ihre Komplexität und ihr Tiefgang werden oft unterschätzt. Die unterschiedlichen Perspektiven und der unterschiedliche Anwendungskontext verändern die Bedeutung ganz im Sinne der Unlogik

1+1=3  

Transdisziplinarität für die Mediation

Es gibt Vorschläge, die Mediation in einer disziplinübergreifende Konfliktwissenschaft zu integrieren oder gar als eine eigene Wissenschaft zu etablieren. Der Vorteil wäre der interdisziplinäre Diskurs. Die Mediation bildet die Metaebene der involvierten Disziplinen ab und führt sie zusammen. Sie sollte dies auch für die Wissenschaft leisten.

Anwendung

Auch auf der Verfahrensebene und auf der Fallebene spielt die Interdisziplinarität eine ausschlaggebende Rolle. Juristen beispielsweise sind durch eine spezifische, logische Denkweise geprägt. Psychologen orientieren sich eher an der dem Menschen näheren assoziativen Denkweise. Im Wettbewerb meinen die einen, näher an der Mediation zu sein, als die anderen. Es gibt Länder, in denen die Mediation an Professionen gebunden ist, weil man glaubt, nur so die notwendige Kompetenz zur Verfügung stellu sein,en zu können. Eine derartige Denkweise lässt Zweifel aufkommen, ob die Mediation verstanden wurde. In der Praxis helfen sich Mediatoren, in dem sie Netzwerke bilden und Co-Meditationen anbieten, die sich aus Vertretern unterschiedlicher Berufsgruppen zusammensetzen.

Ausbildung

Für die Ausbildung ist es wichtig, dass der Mediator erkennt wo der Einfluss einer anderen Disziplin oder einer anderen Profession oder einer anderen Dienstleistung erforderlich ist. Er muss lernen, die Mediation aus den verschiedenen Disziplinen herzuleiten und die Grenzen seiner Disziplin oder Profession zu erkennen.

Bedeutung für die Mediation

Mediation ist ein Prozess der Verstehensvermittlung. Das Verstehen steht im Mittelpunkt. Verstehen ist nicht an eine Disziplin gebunden. Auch kann keine Profession für sich in Anspruch zu nehmen, etwas besser oder schlechter zu verstehen als eine andere. Inwieweit Fachwissen in der Mediation vorzuhalten ist, ist eine Frage, mit der man sich in einem rein prozessorientierten Verfahren auseinanderzusetzen hat.

Die Mediation braucht ein Forum (eine Plattform), in der sie sich mit sich selbst auseinandersetzen kann, ohne dass es zu einer Selbstreferenzialität kommt und ohne dass diese Auseinandersetzung limitiert wird. Die Frage was Mediation ist, ist mit dem Erlass des Mediationsgesetzes in keiner Weise beantwortet. Im Gegenteil! sie kommt immer wieder neu auf mit jedem Impuls und jeder Anwendung, die von außen auf sie hinzukommt. Die Mediation würde ihre Kompetenz verlieren, wenn sie sich dagegen wehrt.

Hinweise und Fußnoten

Alias: Transdisziplinarität, Mulitidisziplinarität, Kernkompetenz
Bearbeitungshinweis: Textvollendung erforderlich.
Prüfvermerk: -

2 Eine Auseinandersetzung mit der Kompetenz ergibt sich aus dem Beitrag Kompetenz
3 Siehe §2 Mediationsgesetz und die Ausführungen zur Fachmediation
4 Siehe die Entscheidung des BGH vom 21.9.2017