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page id: 1501 Der Gedankengang der Mediation in einem vernunftbasierten Verfahren A) Abteilung »  03. Wissen B) Inhalt »  05. Methodik »  3. Verstehensvermittlung »  Denken

Der Gedankengang der Mediation

Die Mediation ist ein informelles Gespräch, wo man die Gedanken einmal fliegen lassen kann.




Die Vernunft (in) der Mediation
Der Weg zum freien Denken!

Die Mediation ist ein verstehensbasiertes Verfahren. Das Denken ist ihr Werkzeug. Es dient der Sinnerfassung dessen, was zu verstehen ist. Das Werkzeug des Denkens ist dem Menschen nicht fremd. In seiner mediativen Verwendung ist es ihm jedoch ungewohnt.

Die Gedankenabfolge

Der erste markante Unterschied zum herkömmlichen Denken ist die Reihenfolge der Gedankenabläufe innerhalb des Entscheidungsprozesses. Üblicherweise wird zunächst ein Probem eingeführt. Dann werden Lösungen erarbeitet, um sich für die ein oder andere Lösung zu entscheiden. Danach wird die Umsetzung (Realisierung) in Angriff genommen. Der Nutzen ist kein Entschediungskriterium. Er stellt sich erst viel später heraus, sodass erst im Nachgang beurteilt werden kann, was die Lösung bewirkt hat. Wenn die Mediation als ein Entscheidungsprozess verstanden wird, ändert sich die Reihenfolge, indem nach der Problemeinführung zunächst der zu erwartende Nutzen herausgestellt wird. Er bildet die Kriterien für die zu findende Lösung. Erst nachdem die Lösung gefunden wurde, wird die Entscheidung gefällt.

Entscheidungsprozesse im Vergleich 

Die Gedankenfreiheit

Der zweite markante Unterschied zum herkömmlichen Denken ist die Freiheit des Denkens. Sie ist zugleich eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Mediation. Es wird ein Raum geschaffen, in dem Gedanken gefahrlos geäußert werden können. Nur wo Gedanken keinen Schaden anrichten können, ist es möglich, dass sie sich frei entwickeln.

A mind is like a parachute.
It doesn‘t work if it is not open.


Wie beim Fallschirmspringen muss der Fallschirm sorgfältig gefaltet und verstaut sein, damit er sich öffnen kann. Es gibt eine Reißleine und einen Notfallschirm, damit sich der Fallschirm auch wirklich öffnet. In der Mediation heißt die Reißleine Freiwilligkeit (weil die Partei jederzeit abbrechen kann) und der Notfallschirm Vertraulichkeit (damit die Mediation wirklich nur eine Exklave ist und ihr Abbruch die Ausgangslage im Streit nicht verändert). Die Möglichkeit, Gedanken zu öffnen und fliegen zu lassen ist Voraussetzung für die unerwartet guten Ergebnisse der Mediation. Damit sie gefahrlos möglich ist, muss sie in einem geschützten Rahmen stattfinden. Weniger aus Angst vor der viel beschworenen Entscheidung des Dritten als aus der Sorge, man könnte auf etwas festgelegt werden, was im eigenen Denken noch gar nicht spruchreif war.

Die Grundsätze der Mediation 

Der gedankliche Freiraum, die Exklave, betrifft also nicht nur das Eingestehen von Fakten. Viel wichtiger ist ihre Unverbindlichkeit. Mediation ist informelle Kommunikation. Eine informelle Kommunikation ist eine vertrauliche Kommunikation. Da muss man nicht aufpassen was man sagt oder nicht. Da kann man auch mal etwas wieder zurücknehmen. „Das habe ich so nicht gemeint“, „Das wollte ich nicht sagen“. Im Streit würde ein solcher Rückzug nicht gelten können. „Du hast es aber gesagt“, wäre der Vorhalt. Aus diesem Grunde ist die Mediation unverbindlich bis zum Schluss. Die Parteien dürfen laut denken. Sie dürfen ihre Gedanken wieder zurücknehmen. Sie dürfen ihre Sichten korrigieren. Das alles ist Teil des Spiels. Erst am Ende, wenn die Gedanken gefestigt und abgestimmt sind, wird die Mediation verbindlich. Dann kommt es zu einer Abschlussvereinbarung, auf die sich beide Seiten rückhaltlos einlassen können.

 Merke:
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Als Mediator müssen Sie sich stets über folgendes bewusst sein und dürfen niemals vergessen:

  1. Es ist nicht der Mediator, sondern es sind die Parteien, die denken müssen, denn es sind sie, die die Lösung finden sollen. Der Mediator ist bestenfalls eine Art Katalysator, ein Wegweiser der erkennt, welche Gedanken zielführend sind und welche nicht.
  2. Der Wegweiser kann nicht zu einem Ziel führen, weil das Ziel, verstanden als die Lösung, offen und unbekannt ist. Gewiesen wird der Weg, wie sich eine Lösung finden lässt; nicht mehr und nicht weniger.

Diese beiden Grundsätze liefern den Grund, warum die Erkenntnisgewinnung der Parteien den eigentlichen Gegenstand des Verfahrens bilden.

 Merke:
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Gedankliche Freiheit bedeutet auch, über den Tellerand blicken zu können. Über den Tellerand zu blicken heisst, Gedanken zu erlauben, die nicht im Problem verhaftet sind. Überzeugen Sie sich selbst davon, indem Sie die Denkaufgabe im Beitrag Kreativität lösen.

Das kreative Denken in der Mediation 

Neben strukturellen Vorgaben erfüllt die Mediation deshalb auch kognitive Anforderungen. Sie verwirklichen sich unter anderem durch die Strukturierung des Vorgehens. Um die Gedanken der Parteien zu befreien, teilt die Mediation den Gedankengang in Abschnitte und Themen, die eine sequenzielle Verarbeitung ermöglichen und die Beeinflussung durch Vorgriffe, Selektionen und Fokusverschiebungen verhindert. Die Anforderungen an den Erkenntnisprozess werden mit der Mediationstheorie belegt.

Die kognitive Mediationstheorie 

Um ein unbeeinflusstes Denken zu ermöglichen, versucht sich die Meditation schließlich auch von Umwelteinflüssen zu befreien. Die Errichtung einer Metaebene ermöglicht es ihr zumindest, alle Einflüsse im Blick zu haben. Die Metaebene ist eine Ebene der Abstraktion. Sie erlaubt es, alle Fragen den Fall und das Verfahren betreffend, zu reflektieren. Die Mediation ist wie eine gedankliche Exklave zu verstehen. Der Mediator ist nicht Teil des Streitsystems. Strategische Einflüsse werden durch die Abschottung des Verfahrens unterbunden.

Die strategische Exklave 

Die Gedankenwelten

Der Gedankengang der Mediation führt durch verschiedene Gedankenwelten. Die Gedankenwelten markieren die unterschiedlichen gedanklichen Ebenen, auf denen sich die Parteien auf dem Erkenntnisweg der Mediation bewegen. Der Ebenenwechsel ist erforderlich, um die Gedanken nicht in das Problem, sondern um das Problem herum zu lenken.1 So wird sichergestellt, dass sich die Gedanken nicht in dem Problem verlieren können oder vom Problem gefangengehalten werden. Nachdem das Problem festgestellt wurde, werden die Gedanken in eine hypothetische Welt gelenkt, in der ein Idealzustand unterstellt wird. Der Idealzustand soll den erwarteten Nutzen beschreiben. Erst danach werden die Gedanken wieder in die reale Welt geführt, um herauszufinden wie sich der Idealzustand in der wirklichen Welt realisieren lässt.


Die Gedankenwelten der Mediation 

Die Gedankenwelten stellen verschiedene Ebenen des Denkens dar, die die Schichten aufeinander gelegt werden können. Die wohl wichtigste gedankliche Ebene in der Mediation ist die Metaebene, auf der sich der Mediator die Mediatoren bewegen sollte. Sie erlaubt eine Reflexion und eine Zusammenführung der unterschiedlichen Denkansätze.

Die Bedeutung der Metaebene in der Mediation 

Die unterschiedlichen Denkansätze

Es ist ein herauszustellen des Phänomen der Mediation, dass sie mit den unterschiedlichsten Arten des Denkens umgehen kann. Sie kann auch nicht kompatible Denkansätze zusammenführen. Niemand muss sein Denken ablegen, damit er die Mediation beherrscht. Besonders Juristen, die in Mediation ausgebildet werden, behaupten, ein Jurist müsse eine Gehirnwäsche durchziehen, damit er wie ein Mediator denken kann. Richtig wäre die Einschätzung, dass ein Jurist die Grenzen des juristischen Denkens erkennen und um die Mediation erweitern sollte. Einer Gehirnwäsche bedarf es nicht.

Der Mediator ist unabhängig von seinem professionellen Ursprung gut beraten, wenn er sein Denken erweitert und in den Rhythmus der Mediation einfügen kann. Erstaunlicherweise erlaubt die Mediation ein widersprüchliches Denken wobei sie in der Lage ist widersprüchliche Denkansätze miteinander in Einklang zu bringen. Wir treffen auf logisches und dialektisches, sowie auf strukturiertes und assoziatives Denken. Alles passt unter den Schirm der Mediation. Ihr Trick besteht darin, dass sie die widersprüchlichen Denkansätze nicht gegenüberstellt, sondern sequenziell in einer Art und Weise anordnet, dass alles eine Gültigkeit erlangt. Um diese These besser zu verstehen, sollen die grundlegend zu unterscheidenden Denkansätze zunächst vorgestellt werden.

Kontroverses und paralleles Denken

Es gibt verschiedene Perspektiven auf ein Problem. Eine Perspektive ist die Außensicht. Eine andere die aus der Widersrpüchlichkeit entstehene, positionsorientierte Sicht. Wenn die Parteien gegensätzliche Positionen eingenommen haben, wird ihr Denken automatisch aof Konfrontation ausgerichtet. Die Gedanken werden gegeneinander gerichtet. Den Gegensatz bildet die parallele Ausrichtung der Gedanken. Hier werden die Gedanken auf ein gemeinsames Ziel und auf eine gemeinsam zu lösende Frage gerichtet. Die Mediation greift das kontroverse Denken auf und führt in kleinen Schritten in ein paralleles Denken hinein.

Phase Denken
2 kontroverses Denken: Der Widerspruch wird aufgenommen. Die gegensätzlichen Positionen werden ermittelt.
2 paralleles Denken: Der Widerspruch wird in einem Thema neutralisiert.
3 paralleles Denken: Gemeinsamkeiten werden herausgearbeitet und nach vorne gestellt.
4 paralleles Denken: Es wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht

Kooperatives und konfrontatives Denken

Die Mediation ist auf Kooperation angewiesen. Sie möchte, dass sich die Parteien öffnen und erwartet ein darauif ausgereichtetes Denken. Das setzt voraus, dass die Kooperationsbereitschaft nicht missbraucht werden kann. Die Mediation muss das konfrontative Denken des Nullsummenspiels auflösen. Die Weichenm in ein kooperatives Denken werden wie folgt gestellt:

Phase Denken
1 kooperatives Denken: Es wird ein gemeinsames Ziel vereinbart. Die Mediation wird als ein Suchspiel ausgelegt.
1 kooperatives Denken: Die Prinzipien, die die Kooperation ermöglichen, werden herausgestellt. Die Medfiation wird als ein Nicht-Nullsummenspiel organisiert.
3 kooperatives Denken: Die Gedanken werden aus der Gegnerschaft herausgeholt.
4 kooperatives Denken: Es wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht.

Juristisches und psychologisches Denken

Das juristische Denken wird durch die Methode der Subsumtion geprägt. Bei der Subsumtion geht es darum, einen Lebenssachverhalt unter eine Norm (normierten Sachverhalt) zu subsumieren. Die Lösung ergibt sich aus dem normierten Sachverhalt und heißt Rechtsfolge. Sie lässt sich schematisch wie folgt abbilden:

Der Lebenssachverhalt wird unter ein Gesetz subsumiert, das die Rechtsfolge (das zu erreichende Ziel) vorgibt. Das juristische Verfahren sucht also nach Rechtsfolgen nicht nach Lösungen. Rechtsfolge und Ziel (hier als Lebensplanung bezeichnet) können auseinander fallen. Dann wird der Jurist entweder an der Auslegung des Rechts oder am Sachverhalt schrauben, bis Rechtsfolge und Lebensplanung (gewünschtes Ziel) übereinstimmen Um ihr Ziel im juristischen Denken zu erreichen, müssen die Parteien zunächst ein Gesetz finden, das zum Sachverhalt passt und den gewünschten Anspruch einräumt. Natürlich regelt das Gesetz nicht jeden Sachverhalt in all den Varianten in denen er aufkommt. Deshalb sind Interpretationen notwendig, die den Sachverhalt unter die Norm der gesuchten Rechtsfolge subsummieren lassen. Welcher Lebenssachverhalt zu analysieren ist und welche Merkmale dafür ausschlaggebend sind, ergibt das Gesetz. Was dort nicht vorgesehen ist, blendet der Jurist aus; so, als wäre es nicht existent. „Das gehört nicht hierhin!“, ist deshalb ein beliebtes Zitat von Juristen. Das juristische Denken ist logisch und strukturiert. Man sagt Juristen nach, sie könnten gut mit Komplexität umgehen. Sie bewältigen die Komplexität, indem sie sie auf die vom Gesetz vorgegebenen Fakten und Rechtsfolgen reduzieren.

Phase Denken
1 juristisches Denken: Verfahrensrecht wird gestaltet. Siehe Mediationsdurchführungsvereinbarung.
2 juristisches Denken: Forderungen werden als Positionen erfasst.
4 juristisches Denken: WATNA/BATNA. Das juristische Ergebnis wird als Lösungsalternative gegenübergestellt.
5 juristisches Denken: Die gefundene Lösung wird in eine rechtsgültige Vereinbarung überführt.

Der Mensch kann durchaus logisch Denken. Er beweist es jeden Tag. Logisches Denken entspricht aber nicht zwingend seinem Naturell. Das natürliche Denken ist eher assoziativ und emotional. Besonders im Konflikt verliert der Mensch seine Vernunftbegabung. Er regridiert in frühkindliche Verhaltensmuster. Sein Verhalten wird irrational. Die Faustregel lautet:

Je mehr Emotion, desto weniger Verstand  


Das psychologische Denken kann sich darauf einlassen. Es ist dem assoziativen Denken angepasst. Von außen wirkt es chaotisch. Rational steht es der Dialektik näher als der Logik und kann sich auf alle Intelligenzzentren des Menschen einlassen. Emotionen sind Ausdruck einer anderen (als der rationalen) Intelligenz.

Wie das psychologische und das juristische Denken nebeneinander passt und wie die Mediation damit umgeht, lässt sich am Besten mit einem Witz erläutern:

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Es wird deutlich, wie wichtig es ist, beide Arten des Denkens vorzuhalten. Die Mediation gibt dieser Anforderung einen möglichen Rahmen:

Phase Denken
1 psychologisches Denken: Grundbedürfnis (Ruhe, Frieden) wird in die Zielvereinbarung überführt.
1 psychologisches Denken: Konfliktanalyse.
2 psychologisches Denken: Die kognitive Dissonanz wird akzeptiert.
3 psychologisches Denken: Die Selbstbetroffenheit wird herausgestellt.

Logisches und dialektisches Denken

Juristisches Denken ist logisch geprägt. Rein logisch betrachtet lässt sich ein Widerspruch nur entweder zugunsten der einen oder der anderen Seite auflösen. Rein logisch betrachtet schließt ein Ja ein Nein aus. Logisch betrachtet ist ein „Ja, aber“ ein Nein, weil es kein Ja ist. Ein Jein gibt es nicht so wie 2+2 nicht 5 sein kann. In der Logik steht ein Jein nicht zur Disposition, zumindest nicht auf den ersten Blick.

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Ein Mediator würde sich auf ein Jain durchaus einlassen. Er würde wie folgt reagieren: „Sie sagen zwar ja. Aber das Ja scheint an Bedingungen geknüpft zu sein. Welche sind das? …. Was müsste passieren, dass ein Ja möglich wird?“ Es wird deutlich, dass ein Jain dem Mediator den Zugang zu den Motiven öffnet. Schaut man genauer hin, findet sich aber auch ein logischer Zugang zum Jain.

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Hatten die Befragten gelogen? Nein, es wurde lediglich versäumt, die Bedingungen für das Ja abzufragen und nach dem Aber zu forschen. Hätte man gefragt: „Möchten Sie ein schnelleres Auto auch dann, wenn es mehr Benzin verbraucht?“, wäre aus dem Ja ein Nein geworden. Man hätte ein schnelleres Auto gebaut, das keinen Mehrverbrauch hat. Das wäre nachgefragt worden. In der Mediation ist ein Jain nicht ausgeschlossen. Gedanklich wird der Widerspruch ermöglicht, indem die Mediation sowohl logisches wie dialektisches Denken vorhält.

Phase Denken
2 Logisches Denken führt in den Widerspruch. Der Widerspruch wird in Dialektisches Denken umgewandelt wo sich These und Antithese gegenüber stehen.
3 Die Kriterien für eine Synthese werden erarbeitet
4 Die Synthese beinhaltet These und Antithese. Sie wird in eine logische Kontrolle überführt
5 Logisches Denken sichert die Lösung.

Ein Jain ist weiterhin möglich, weil die Mediation Komplexität erlaubt und verschiedene Denkebenen (Dimensionen) einführt. Die Komplexität wird jetzt zu einem Werkzeug, das es ermöglicht, den Kuchen (die Lösungsmenge) zu vergrößern. Die Komplexität erlaubt es, den gedanklichen Rahmen zu erweitern, indem sie mehrere Dimensionen einführt und zur Disposition stellt. Wie das genau geschehen kann, wird mit dem präzisen Zuhören4 als die dazu führende Technik beschrieben. Hier ein Beispiel vorab, bei dem die vorgestellte Lösung (Position) in ihre Elemente aufgelöst wird.

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Die Frage zielt auf den Nutzen ab. Sie nimmt den Umweg über Lösungen. Der Mediator kann den Nutzen aber auch anders abfragen: „Angenommen sie bekommen was sie wollen, haben sie dann alles was sie brauchen?“. Der Mediator beleuchtet die Aspekte einer Erkenntnis. Er weiß um ihre Relativität, die er den Parteien etwa mit zirkulären Fragen verdeutlichen und selbst erkennen lassen kann. Auch Sie werden dem Phänomen der Relativität begegnen, wenn Sie ihm noch nicht begegnet sind, denn alles, wirklich alles hat zwei Seiten. In der Mediation ist ein Jain deshalb nicht ausgeschlossen. Das Aber ist relevant, weil es den Hinweis auf andere Aspekte der Entscheidung eröffnet und das Dazwischen auslotet. Es deutet auf ein Einerseits und Andererseits hin und hilft, die Positionen zu relativieren.

Systemisches und analytisches Denken

Der systemische Denkansatz wurde bereits im Zusammenhang mit der Komplexität eingeführt. Er grenzt sich vom mechanistischen Denken ab. Das systemische Denken wird zur Klammer um alle Denkansätze in der Mediation. Es erzwingt eine Metaebene, von der aus die Organisation des Verfahrens wie die des Streitsystems und seine Interaktionen beobachtet und beschrieben werden können. Das systemische Denken kommt in folgenden Abschnitten zum Vorschein:

Phase Denken
1 systemisches Denken: Metaebene wird hergestellt
2 systemisches Denken: Der Kontext wird herausgearbeitet
3 systemisches Denken: Die Interaktion zwischen dem biologischen, dem psychologischen und dem sozialen System wird beobachtet und auf das Streitsytem bezogen. Gegebenenfalls auch Einbeziehung der Korrespondenzsysteme.

Systemik

Lineares und laterales (divergentes) Denken

Ein lineares, problemzentriertes Denken würde die Gedanken der Parteien in das Problem hineinführen. In dieser Denkweise wird es schwer sein, das Problem zu überwinden und hinter sich zu lassen. Watzlawick hat dieses Phänomen eindrücklich in seinem Vortrag: "Wenn die Lösung das Problem" ist vorgestellt.2 Auch Sperling stellt heraus, dass und wie das lösungsorientierte Denken in einer komplexen Welt zu einem gedanklichen Gefängnis wird.3 Die Mediation lenkt die Gedanken aus dem Problem heraus. Sie setzt den Fokus hinter das Problem, nämlich auf die Zufriedenheit oder den zu erwartenden Nutzen. FGür sie wäre das lineare Denken gegebenenfalls also ein kontraprodukltives Denken. Das gilt erst recht, wenn es in der Kreativphase um die Suche nach Lösungen geht. Dann kommt dem lateralen oder divergenten Denken eine besondere Rolle zu. Es ist diesmal kein ADHS-Merkmal,4 sondern in der Mediation ausdrücklich erlaubt. Damit die Gedanken nicht vom Thema ablenken, bekommt das divergente "out of the Box-Denken" jedoch einen festen Platz in der Mediation.

Phase Denken
1 lineares Denken: Zielausrichtung
2 lineares Denken: Problemausrichtung
3 nicht-lineares Denken: Ablenkung von der Problemausrichtung. Ermittlung des Idealzustands
4 divergentes Denken: kreative Lösungen
5 lineares Denken: Überprüfung der Lösung und Abschlussvereinbarung. Der Kreis schließt sich.

Kreativität

Eindimensionales und multidimensionales Denken

Damit die Gedanken in die gedankliche Freiheit des lateralen Denkens geführt werden können, muss der Gedankengang nicht nur sequenziell unterteilt werden. Er ist auch mehrdimensional. Die Ausführungen zum systemischen Denken haben bereits angedeutet, dass und wie sich das Denken auf meheren Ebenen etabliert. Die Einführung unterschiedlicher gedanklicher Ebenen wird in der Mediation aber auch genutzt, um die Parteien von dem in das Problem hineinführende lineare Denken zu befreien. Der Gedankengang der Mediation ist also darauf angelegt, die Linearität zu durchbrechen. Die Gedanken werden nicht in das Problem hinein, sondern um das Problem herumgeführt.5 So wird sichergestellt, dass sich die Gedanken nicht in dem Problem verlieren können oder vom Problem gefangengehalten werden. Die Mediation öffnet mit den Phasen verschiedene Gedankenwelten, die den Fokus auf den zu erwartenden Nutzen lenken.

Phase Denken
2 kaputte Welt: Die Gedanken werden in deas Problem geführt.
3 heile Welt: Die Gedanken werden in einen Idealzustamnd geführt wo es kein Problem (mehr) gibt.
4 reale Welt: Gedanken werden in die reale Welt zurückgeführt, wo es darum geht, den idealen Zustan herzustellen.

Gedankenwelten

Lösungs- und nutzenorientiertes Denken

Die Mediation wird oft als ein lösungsoprientiertes Verfahren beschrieben, weil ja doch eine Lösung zu finden ist. Tatsächlich ist sie ein nutzenorientriertes Verfahren, weil sie die Lösung an dem explizit herauszuiarbeitenden Nutzen zu orientieren hat. Für den Mediator ist also selten das WIE die relevente Frage schon gar nicht das WARUM. Er interessdiert sich hauptsächlich für das WOZU. Die Nutzenorientierung kommt in folgenden Phasen der Mediation zum Tragen:

Phase Denken
1 Nutzenorientierung: Der Fokus wird in der Ziuelvereinbarung auf die Zufriedenheit gerichtet
3 Nutzenorientierung: Die Nutzenkriterien werden für jede Partei herausgearbeitet
4 Nutzenorientierung: Die gefundenen Lösungen werden an den Nutzenkriterien gemessen.

Die Zusammenführung im mediativen Denken

Das faszinierende an der Mediation ist, dass sie alle Denkansätze aufgreifen und zusammenführen kann. Sie ist deshalb ein ideales Verfahren, um die Komplexität eines Konfliktes zu bewältigen. Die Hauptausrichtung der Gedanken ist auf den Nutzen gerichtet. Der Mediator hinterfragt deshalb die Interessen nicht die Argumente oder die Ursachen. Die Interessen erschließen sich über die Motive und beschreiben den zu erwartenden Nutzen. Der Nutzen liegt stets in der Zukunft. Die juristischen oder therapeutisch zu regelnden Sachverhalte liegen meist in der Vergangenheit. Das einzige was der Mediator wissen muss, sind die Kriterien für den zu erreichenden Nutzen, die er in der Phase drei erarbeitet. Die Ausrichtung am Nutzen ergibt eine andere Herangehensweise. Die Nutzenausrichtung kann sich - zumindest theoretisch - vollständig aus der Vergangenheit herauslösen. Die gedankliche Abfolge des Verfahrens erfolgt deshalb in drei markanten Schritten:

  • A: Was ist jetzt? (Bestandsaufnahme in der Gegenwart)
  • B: Was soll sein, damit alles gut ist? (Der Blick auf eine konfliktbereinigte Zukunft, aus der sich der Nutzen ableiten lässt)
  • C: Wie komme ich dorthin? (Lösungen die von A nach B führen) Mathematisch könnte man die Gedankenfolge und die sich aus ihr ergebende Lösungsmenge mit der folgenden Formel ausdrücken, wobei der Exponent „n“ aus der Zahl der Teilnehmer gebildet wird. C ist die Variable für die Lösungsmenge. B ist die Variable für die Ausgangsbedingung und B ist die Variable für den hypothetischen Zustand ohne den Konflikt:
C = (B-A)n  


Wichtig ist, dass die Parteien ein Bewusstsein darüber haben, welchen Nutzen sie erreichen wollen und können und dass sie in der Lage sind, diesen Nutzen aufeinander abzustimmen. Der Mediator hinterfragt den erwarteten Nutzen in Phase drei. Erst danach, in einem separaten Schritt wird überlegt, wie der Nutzen zu erreichen ist. So wird gedanklich sichergestellt, dass der Nutzen stets im Fokus ist. So wird verhindert, dass sich die Parteien gedanklich auf Ergebnisse fixieren lassen, die unter Umständen ihrer Vorstellung von Nützlichkeit gar nicht entsprechen. Auch verhindert diese Herangehensweise das Aber im Kopf. Die Partei meint: „Ja das klingt ja alles ganz gut aber es geht ja doch nicht!“. Der Gedanke an das was gut ist geht in dem Moment verloren und wird mit dem ausgetauscht was nicht funktioniert. Es ist der falsche Fokus.

Mediatives Denken ist ein kombiniertes Denken

Es dürfte deutlich geworden sein, dass die Strukturiertheit der Mediation einen vielschichtigen Hintergrund hat. Kognitionspsychologisch gesehen lenkt sie die Gedanken auf das Gemeinsame und Nützliche, um vom widersprüchlichen, gegensätzlichen Weg wegzuführen. Es ist notwendig, die Gedanken zu isolieren, um diesen Effekt zu erreichen. Die assoziative Macht des Gehirns im Blick habend, mag man sich vorstellen, dass Lösungen, die auf ein positives Denken gestützt werden dementsprechend positiver sind als Lösungen, die auf ein negatives Denken aufsetzen. Trotz allem bewegen wir uns in einer realen Welt. Die zu findende Lösung muss das Problem beseitigen und es muss umsetzbar sein. Es genügt also nicht, Gedanken fliegen zu lassen und Assoziationen freien Lauf zu gewähren. Deshalb sind sowohl das juristische wie das psychologische, das logische wie das dialektische, das deduktive wie das induktive Denken gefragt, um nachhaltige Lösungen zu finden. Ein freies, vielseitiges, auf die Parteien eingehendes Denken unterstützt den Prozess.

Mediatives Denken ist ein sequentielles Denken

Auch wenn die unterschiedlichen Denkansätze nicht zusammen passen, kann die Mediation sie einverleiben. Das gelingt nicht gleichzeitig aber sequentiell und in einem vorgegebenen kognitiven Rhythmus. Zutreffend ist, dass die Mediation ein Umdenken erwartet. Sie erwartet aber nicht, dass Kompetenzen und Fähigkeiten geleugnet oder gar getilgt werden. Das Gegenteil ist der Fall. Die Mediation bezieht Alles ein und kann dadurch die kognitive Welt erweitern. Richtig ist also, dass alle Arten des Denkens, also z.B. logisches, dialektisches, juristisches und psychologisches Denken zur Geltung kommen und niemand sich foltern muss, damit die Mediation möglich wird. Wie wäre es, wenn sich das Denken der Juristen wie das der Psychologen um eine andere, philosophische Variante erweitert?

Mediatives Denken ist ein refexives Denken

Der philosophische Ansatz ist auch nur einen Teilaspekt des Kognitionsprozesses. Es gibt Phänomene und Ursachen, die sowohl die Wahrnehmung und demzufolge das Denken und die Kommunikation beeinflussen. Die Mediation kann hierfür ein Korrektiv darstellen, indem Gedanken umgekehrt auch die Wahrnehmung und die Kommunikation beeinflussen. Damit das gelingt, muss sich der Mediator über menschliche Phänomene wie z.B. die Wahrnehmung oder das Konfliktverhalten im klaren sein.

Die Psychologie kann Phänomene beschreiben, die Einfluss auf die Wahrnehmung nehmen. Sie kann erklären, warum Vorurteile aus Informationsmangel und dem Bedürfnis entstehen, sich orientieren zu wollen. Sie kann beschreiben, dass der Widerspruch zum gegnerischen Vortrag aus einer kognitive Dissonanz heraus gesteuert wird, gegen die sich der Mensch wehrt, indem er nicht ins Bild passende Tatsachen einfach leugnet. Sie kann beschreiben, warum das gleiche Phänomen aus einer selektiven, interessenorientierten Wahrnehmung von beiden Parteien höchst widersprüchlich beschrieben wird, ohne widersprüchlich zu sein. Sie kann verschiedene andere Wahrnehmungsphänomene beschreiben, die den abweichenden Vortrag der Parteien gar nicht mehr als falsch und widersprüchlich erscheinen lässt. Der Mediator muss diese Phänomene kennen, um Korrekturen zu ermöglichen und Sichtweisen zu verändern.

Das Denken des Mediators ist verstehensorientiert und darauf gerichtet, den Parteien eine Reflexion über sich und dem Konflikt zu ermöglichen. Die Mediatioon geht davon aus, dass die Parteien selbst die Löung finden, wenn sie alles verstanden haben.

Mediatives Denken ist ein komplexes Denken

Gerade wenn es darauf ankommt, alles zu verstehen, spielt die Komplexität eine große Rolle. Die Mediation bietet eine Struktur, mit der sich die Komplexität weitestgehend bewältigen lässt. Das Dimensionieren ist das Werkzeug der kognitiven Mediationstheorie, das nicht nur die Strukturierung des Verfahrens, sondern auch des Falles erlaubt und ein Handwerkszeug bietet, um die Komplexität zu durchdringen und zusammenzuführen.

Bedeutung für die Mediation

Für Viele ist die Mediation nicht viel mehr als ein Gespräch, das aus dem Bauch heraus geführt wird. Sie fühlen sich bestätigt, wenn es ihnen gelingt, auch auf diesem Wege eine Einigung herbeizuführen. Tatsächlich lassen sich bereits bessere Ergebnisse erzielen, wenn allein das Gesprächsklima verbessert wird oder die Technik des aktiven Zuhörens zur Anqwendung kommt. Aber mit Mediation hat das nicht viel zu tun. Mediation ist Handwerk. Die Intuition ist erlaubt und erwünscht, wenn sie methodisch veranlasst ist und nicht aus einer Laune oder Unkenntnis heraus erfolgt.

Dieser Beitrag soll verdeutlichen, dass bei dem Versuch, die Welt der Mediation zu verstehen und bei dem Versuch, ihre Methodik zu begreifen, das Denken eine ganz entscheidende Rolle spielt. Er soll ermutigen, sich mit dem Denken auseinanerzusetzen, um den Parteien die Hilfestellung zu geben, die sie zur Klärung und zur Bewältigung des Konfliktes benötigen.

 Merke:
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Ein Bewusstsein über die möglichen und notwendigen Erkenntnisse und die dazu führenden Denkprozesse (Denkweisen) erlaubt es, die Mediation besser zu planen und sogar dort anzuwenden, wo sie nicht möglich zu sein scheint. Das Verstehen der Hintergründe kann die Gedanken in eine substantielle Mediation überführen, um sie auch in einem anderen Verfahren zu verwirklichen.6

Was tun wenn ...

Hinweise und Fußnoten

Bitte beachten Sie die Zitier - und Lizenzbestimmungen. Zitiervorgabe im ©-Hinweis.

Bearbeitungsstand: 2021-11-05 17:26 / Version 43.

Aliase: mediatives Denken, Gedanken
Siehe auch: Dienstleistung, Systemik, Fokus, Wesen, Denken
Diskussion (Foren): Siehe Mediationsvideos

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