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Fragetechniken

Fragen sind strategisch einsetzbare Kommunikationsmittel, die ein Gespräch je nach Fragetechnik mehr oder weniger strukturieren und kontrollieren. Sie können eingesetzt werden, um Informationen zu erhalten, den Gesprächspartner durch die Auswahl des Themas zum Nachdenken anzuregen bzw. zu beeinflussen oder dem Gespräch eine bestimmte Richtung zu geben. Auf eine Frage kann man sich gedanklich eher einlassen, als auf eine Aussage.

Die Macht der Frage ergibt der Leitsatz: Wer fragt, der führt. Nun ist es bedenklich ob und inwieweit der Mediator führen soll oder darf (siehe Führungsstil). Viele Mediatoren denken, es es läge an der schlauen Frage, wenn die Parteien plötzlich eine Idee von einer Lösung gekommen. Diese Einschätzung unterschätzt den Kognitionsprozess und seine Komplexität. Dieselbe Frage kann im einen Moment eine andere Reaktion hervorrufen als im anderen.

 Merke:

Es kommt immer darauf an in welchem Kontext und auf welchem gedanklichen Unterbau die Frage aufsetzt, selbst wenn es eine offene Frage ist. 1

Eine gut platzierte Frage nutzt das Window of Opportunity, das sich in die Phasenlogik einordnet.

Der Mediator ist gut beraten, zurückhaltend mit Fragen umzugehen. Folgendes ist zu beobachten: Der Mediator stellt eine Frage. Er gibt den Medianden etwa 2 Sekunden Zeit, darauf zu antworten. Bleibt die Antwort aus, kommt die nächste Frage. Der Mediator ist im Fragemodus. Diese Beobachtung führt zu dem Grundsatz:

 Merke:

Der Mediator sollte nur solche Fragen stellen, die wichtig sind und eine Antwort erfordern! 1

Damit die Frage auf den gleichen gedanklichen Bausteinen aufsetzen kann, müssen die Gedanken erst synchronisiert werden. Hierfür bietet das präzise Zuhören die passende Technik. Die Regel lautet:

 Merke:

Keine Frage ohne Paraphrase! 1

Wer die Kunst des Fragens beherrscht, hat die Möglichkeit, Kontrolle über den Gesprächsverlauf auszuüben. Nicht nur das, er kann auch die Gedanken steuern. Sollte aber darauf achten, dass die Gedankenhoheit bei den Medianden verbleibt. Hilfreich ist die Fragetechnik, um die Gedanken in ein positives Denken zu führen. Ein guter Mediator stellt Fragen, die nur mit Ja beantwortet werden können. Er hilft den Parteien so in ein Ja-Denken.

Vorsicht: Mit (ungeschickten) Fragen deckt man auch die eigene Art des Denkens auf. Oft wirken Anfängerfragen inquisitorisch, Sie lassen erkennen, das der Mediator bereits eine Lösung im Kopf hat und die Parteien darauf stoßen will. Oder sie lassen erkennen, dass der Mediator selbst etwas ergründen will, das für die Entwicklung von Zukunftslösungen meist irrelevant ist. Der Mediator sollte sich also stets zur Eigenkontrolle fragen: Warum will ich das wissen? Was hilft es für die Erkenntnisgewinnung der Parteien wenn ich (und damit die Parteien) das weiß?

Fragearten

Es gibt unterschiedliche Arten und Stile, wann und wie Fragen anzubringen sind. Die Unterscheidung hilft bei der Auswahl:

Direkte Fragen sind Fragen mit klarer Zielrichtung. Sie werden auch geschlossenen Fragen genannt, weil sie den Antwortraum einschränken. Dies ist in der Mediation v.a. dann sinnvoll, wenn es um die Sammlung von Informationen und um einen schnellen Überblick geht. Darüber hinaus (besonders in Phase 3) sind geschlossene Fragen zu vermeiden.

Methode
W-Fragen (wann, was, wo, wer, wie?) oder Entscheidungsfragen oder auch rhetorische Fragen, die nur mit Ja/Nein zu beant-worten sind
Ziel
Direkte rascher, gezielter Informationsgewinn; Informationsfluss fördern; Rückgewinnung verloren gegangener Informationen; Verdeutlichung bestimmter Punkte (aufklärende Absicht)

Fragen nach dem Warum können zweierlei Bedeutung haben. Sie hinterfragen eine Begründung oder den Zweck.

Methode
Warumfragen sind in der Mediation mit Vorsicht zu genießen. Sie verleiten zum Argumentieren und führen deshalb in die 2.Phase zurück.
Beispiel
Begründung: "Warum hast Du das gemacht?"; Zweck: "Warum ist Dir das wichtig?"
Siehe reflexive Fragen

Hypothetische Fragen sind so genannte „Was wäre wenn – Fragen“.

Methode
Veränderungen versuchsweise vorwegnehmen
Ziel
Es geht darum, Blockaden aufzulösen; Rahmenbedingungen, Details oder zusätzliche Veränderungen abfragen (forschende Absicht)
Voraussetzung
Diese Fragetechnik kommt verstärkt in der Konfliktlösungsphase des Verfahrens zur Anwendung. Sie setzt ein ausreichendes Vertrauen voraus, das die Partei ermutigt mal drauf los zu planen.
Beispiel
Wunderfrage.
Siehe direkte Fragen

Offene Fragen sind Fragen, die eine freie Gestaltung der Antwort erwarten. Sie sind in der Mediation deshalb willkommen, weil sie den Gesprächspartner ermutigen, sich zu offenbaren. Je mehr Assoziationen ins Gespräch kommen, umso mehr Anhaltspunkte ergeben sich für eine Synchronisation.

Methode
Die Frage wird so gestellt, dass der Befragte völlig offen ist in seiner Antwort.
Ziel
Der Mediator verfolgt eine aufschließende, ermutigende und kontaktfördernde Absicht.
Voraussetzung
Offene Fragetechniken sind immer möglich, also in jeder Lage des Verfahrens. Sie können zeitaufwändig sein, weil der Befrag-te eben offen ist in seinen Antworten und sich vom Thema ent-fernen kann.

Die Mediatoren sollen den Medianden dabei unterstützen, Klarheit darüber zu erhalten, was ihr Problem ist, wo ihre Interessen liegen usw. Dazu benötigen sie eine Reflexionsebene. Viele schreiben, um klarer denken zu können, andere müssen darüber reden.

Methode
Die Reflexion über bisherige Wahrnehmungen soll ermöglicht werden. Die Reflexion hilft, um sich aus einer Betrachtungsweise zu befreien.
Ziel
Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen oder Fragen lenken bzw. deren Vertiefung (fördernde Absicht)
Voraussetzung
Reflexive Fragen sind in allen Phasen des Verfahrens anwendbar.
Beispiel
Mäeutik, Kindfragen, Problemfragen

Problemfragen sollen helfen, ein Bewusstsein über das eigene Problemverhalten zu verschaffen. Sie verdeutlichen den eigenen Beitrag bei der Problemlösung.

Methode
Die Frage passt zur 3.Phase und unterstützt die Windows 1 Technik. Sie bildet den Kontrast zur Problemlösung, also die Aufrechterhaltung des Problems, um die Problemlösungsmöglichkeiten zu erkennen.
Beispiel
"Was müssen Sie tun, um das Problem zu verstärken?"

Diese Fragen können sowohl offen wie auch geschlossen sein. Sie verdienen ihren Namen von der strategischen Ausrichtung und dem Fragezweck. Strategische Fragen können ein Bestandteil der Metakommunikation sein.

Methode
Die Fragetechnik soll problematische Annahmen oder Verhaltensweisen nach ihrem Realitätsgehalt überprüfen
Ziel
Es geht darum, ein Verständnis des komplexen Sachverhalts und der Beziehung der Medianden zueinander (lenkende Absicht) herzustellen.
Voraussetzung
Sie ist in jeder Lage des Verfahrens anwendbar
Beispiel
AusnahmeSuchenFrage

Mit zirkulären Fragen kann ein Perspektivenwechsel bzw. ein Reframing erreicht werden. Die Fragen drehen sich um einen bestimmten Punkt indem sie Ort und zeit relativieren auch die Sicht von Personen kann einbezogen werden. Der befragte wird eingeladen, den Punkt (das Problem) aus unterschiedlichen zeitlichen, örtlichen, sozialen, persönlichen Perspektiven zu betrachten.

Beispiel
Reframing

Fragezweck

Es ist nicht immer leicht, die Frage der ein oder anderen Kategorie zuzuordnen. Eine reflexive Frage kann durchaus direkt und eine zirkuläre Frage hypothetisch sein. Für die Mediation kommt es weniger darauf an, die Fragen korrekt zu kategorisieren als darauf sie für den meditativen Zweck zu verwenden. Mithin ist die Zweckausrichtung der Frage entscheidend für die korrekte Anwendung in der Mediation. Die Frage ist stets eine Technik, deren Ausrichtung sich aus der Methode ergibt. In dem hier vertretenen Modell wird davon ausgegangen, dass die Mediation eine Kombination von Methoden ist, deren Zielsetzungen sich letztlich aus der Aufgabenstellung ergibt, die der Phasenlogik entspricht.

Bedeutung für die Mediation

In der Mediation ist die Frage ein wichtiger Bestandteil des Verstehensprozesses. Die Ausrichtung der Frage ist also rekursiv und achtet darauf, dass die Gedankenhoheit bei den Parteien verbleibt. Im Verständnis der Mediation als Kognitionsprozess ist die wichtigste Aufgabe der Frage Erkenntnisse zu ermöglichen, aus denen sich der Weg in die Lösung ergibt.

Was tun wenn ...

Hinweise und Fußnoten

Bitte beachten Sie die Zitier- und Lizenzbestimmungen
Bearbeitungsstand: 2018-10-17 18:47 / Version 45.
Prüfvermerk: Administrator

© Wiki to Yes: Arthur Trossen "Fragetechniken" (2018) unter Wiki-to-Yes.org/Fragetechniken