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Seiten-ID: 170 Die Mediation im Anwendungsfeld Familie 3-Abteilung »  Bücher (Wiki) 4-Inhalt »  Mediation (Systematik) »  Fachmediation »  Familienmediation

Familienmediation

Mediation bei Streitigkeiten im Anwendungsfeld Familie


Es gibt im Anwendungsbereich Familie typische Konflikte und Phänomene, die ein Mediator kennen sollte, auch wenn sie nicht in der ZMediatAusbV vorgesehen sind.

Die Familie
Viel mehr als nur eine Versorgungsgemeinschaft

Gegenstand

Familiensachen betreffen meist Beziehungskonflikte und davon abhängige Verteilungskonflikte. Im Gegensatz zur Wirtschaftsmediation liegen die Emotionen hier blank und es bestehen keinerlei Probleme, diese anzusprechen. Wie kaum in einem anderen Gebiet kommen in der Familienmediation psychologische, soziologische, juristische und ökonomische Aspekte zum Tragen. Wer glaubt, eine Familienmediation sei nur bei einer Trennung hilfreich, der irrt. Die zentralen Themen sind:

Paarkonflikte Scheidung Kindschaftssachen Rosenkriege

Der zentrale Aspekt einer Familienangelegenheit ist, wie der Name sagt, die Familie. Sie bedarf deshalb einer näheren Betrachtung.

Was ist eine Familie?

Fragen Sie 10 Menschen danach was Familie ist, bekommen Sie 10 verschiedene Antworten. Alle sind wahrscheinlich sehr emotionsbesetzt.

Eine legale Definition gibt es nicht, obwohl es ein Familienrecht gibt. Vom historischen Ursprung her gesehen, handelt es sich bei dem aus dem lateinischen stammenden Begriff um eine Versorgungsgemeinschaft. Im alten Rom war zum Beispiel der Sklave durchaus ein Teil der Familie. Soziologisch betrachtet ist die Familie die kleinste Zelle im Staat mit selbstregulierenden Kräften.

Familienverständnis: Ist ein Familienmitglied krank, kümmern sich die anderen um den Kranken. Sie versorgen ihn und ersetzen den krankheitsbedingten Ausfall, zumindest soweit die Familie davon betroffen ist. Die Familie wird aber auch dafür sorgen, dass der Kranke nicht allzu lange krank bleibt und ihn antreiben wieder gesund zu werden.


Viele der familiären Aufgaben sind heute verstaatlicht. Krankheitsvorsorge, die Altersvorsorge und die Sozialversorgung. Die Abhängigkeiten der Familienmitglieder untereinander sind heute wesentlich geringer als in der Vergangenheit. Die soziale Veränderung hat Auswirkungen auf die Struktur der Familie. So ist es heute gar nicht mehr eindeutig, wer oder was Familie ist. Es gibt eine Kernfamilie, eine Großfamilie, eine Patchworkfamilie und eine Lebenspartnerschaft, die sich ebenfalls auf als Familie begreift.

Es ist ein Phänomen, dass die Familienmitglieder untereinander gar nicht mehr sicher sind, wer Familie ist und wer dazugehören soll oder nicht.

Patchworkfamilie: Die geschiedene Mutter hat einen neuen Lebenspartner, zu dem die Kinder Papa sagen, obwohl der Vater noch immer existent ist. Er hat sich lediglich von der Mutter als seine Ehefrau getrennt. Für die Mutter ist das Familienbild komplett, weil es gibt die Mutter, einen Papa und das Kind. Der Vater wird ein anderes Bild haben, bei dem es eine Mutter und einen Vater und einen Stiefvater gibt. Auch das Kind wird obwohl dessen Stiefvater Papa sagt, den Vater als seinen Vater ansehen

Die systemische Sicht

In Familienkonflikten ist die Frage nach Familie (auch im Falle der Trennung) immer ein den Konflikt und die Lösung beeinflussender Faktor, der zumindest nicht aus dem Blick verloren gehen sollte. In der Mediation wirkt sich die Unterschiedlichkeit der Familienbilder oft dahingehend aus, dass die Frage, wer Familie ist, wer dazugehören darf oder muss, ob und wie eine Familie auseinanderbrechen darf oder kann von den Medianden oft ganz unterschiedlich beantwortet wird. Es lohnt sich also in jeder Familienangelegenheit die Parteien einmal zu fragen: "Was ist Familie, wer gehört dazu und wer nicht?". Für den Mediator ist es wichtig, den Einfluss dieser Frage herauszuarbeiten, um festzustellen, ob er Auswirkungen auf den Streit und den Konflikt nehmen kann. Für die Parteiuen geschieht das meist ganz unauffällig. Wenn sich Unklarheiten herausstellen, ist ihnen nachzugehen. Eine Familienlandkarte kann helfen, innerfamiliäre Spannungsfelder aufzudecken.

Die Familienlandkarte

Die Familie ist ein komplexes Gebilde mit einem Netzwerk von Beziehungen unterschiedlichster Qualität. Eine Familienlandkarte kann helfen, das Beziehungsgefüge optisch zu veranschaulichen:

familienlandkarte


Die Grafik ergibt eine einfache Konstellation mit nur einem gemeinsamen Kind der Eheleute und einem neuen Partner, der ebenfalls ein Kind hat. Man mag sich vorstellen, wie komplex das Gefüge ist, wenn mehrere Kinder und mehrere neue Partner hinzukommen und wenn man bedenkt, dass die Kinder nicht nur Anspruch auf Kontakt zu den Eltern, sondern gegebenenfalls auch zu den Großeltern haben. Eine Familienlandkarte hilft, die Beziehungen zu identifizieren.


Erstellung von Familienlandkarten

Das Beziehungsgefüge

In der Familie treffen Beziehungen mit unterschiedlichen Beziehungsqualitäten und gegeneinander abzugrenzenden Beziehungsebenen zusammen. Weil sich an die Beziehungsebenen verschiedene Rollen anknüpfen, macht es Sinn, diese zu unterscheiden.

Familienbeziehungen


Eine Konfliktlandkarte würde das Beziehungsgefüge zwischen Eheleuten, Eltern und Kindern wie in der Grafik dargestellt ausweisen. Dabei wird herausgearbeitet, dass die Ehegattenbeziehungen lediglich die Paarebene betreffen. Sie sind von den Elternbeziehungen zu unterscheiden, sodass sich unterschiedliche Rollen identifizieren lassen, wodurch die Beziehungsebenen durchaus ein eigenständiges Schicksal erlangen. Die Differenzierung erlaubt es auch unterschiedliche Beziehungsqualitäten zu identifizieren. Der durch intensive Bindungen geprägten Beziehung zwischen Eltern und Kind kann beispielsweise eine andere Qualität zugeschrieben werden, als der brüchigen Beziehung zwischen den Eheleuten.


Beziehung und Bindung

Was ist ein Familienkonflikt?

Ein Familienkonflikt behandelt Probleme innerhalb einer Familie oder eine oder mehrere Familien betreffend. Eine gute Übersicht über die typischen Konfliktgegenstände in Familiensachen ergibt die Aufstellung in §111 FamVG (siehe auch § 621 ZPO alte Fassung).

  1. Ehesachen
  2. Kindschaftssachen
  3. Abstammungssachen
  4. Adoptionssachen
  5. Ehewohnungs- und Haushaltssachen
  6. Gewaltschutzsachen
  7. Versorgungsausgleichssachen
  8. Unterhaltssachen
  9. Güterrechtssachen
  10. sonstige Familiensachen
  11. Lebenspartnerschaftssachen

Am häufigsten sind die Trennungs- und Scheidungskonflikte. Der zur Trennung führende Paarkonflikt zwischen den Eheleuten erfordert die Neugestaltung der Familie.

Trennung und Scheidung 

Konflikte im Verhältnis zu den Kindern werden Kindschaftskonflikte genannt. Diese Konflikte können zwar auch im Zusammenhang mit der Scheidung vorkommen, müssen aber nicht notwendigerweise mit der Trennung der Eltern verbunden sein.

Kindschaftssachen 

Familienkonflikte können schließlich auch zwischen Familien vorkommen oder im Verhältnis der erwachsenen Kinder zu ihren Eltern. Der Radius einer Familienmediation geht viel weiter als der des Gerichts. Eine transformative Mediation wäre durchaus in der Lage, zerrüttete familiäre Beziehungen etwa zwischen Ehegatten, Geschwistern oder Verwandten zu heilen.

sonstige Familiensachen 

In Familienangelegenheiten steht die Beziehung meist im Vordergrund. Intakte Beziehungen sind in der Lage, den Streit einvernehmlich zu regeln. Hilfe wird erforderlich, wenn Beziehungen zerrüttet sind. dann stehen die Emotionen im Vordergrund, die nicht immer einen deeskalierenden Einfluss auf die (auch) zu lösenden Sachfragen nimmt. Oft ist der Grund für die Zerrüttung den Betroffenen gar nicht bekannt. Es ist sogar möglich, dass sie unbewusst einen Zwist austragen, der in Generationen zuvor in den Stammfamilien bereits angelegt wurde. Der Rosenkrieg belegt die Vernichtungskraft solcher Familienkonflikte. Er bezeichnet Familienangelegnheiten in der höchsten Eskalationsstufe. Rosenkriege verursachen einen großen Schaden, nicht nur für die Betroffenen. Sie kosten viel Arbeit und sind eine Herausforderung für alle, die davon betroffen werden.

Zum Glück sind derart hoch eskalierte Konflikte in Familienangelegenheiten nicht die Regel. Obwohl die Mediation die Kompetenz zur Regulierung solcher Konflikte hat, bedarf es der Prüfung im Einzelfall, ob sie ein für hoch eskalierte Konflikte ausgelegtes Verfahren ist. Meist erfordert die Bearbeitung solcher Konflikte eine Autorität, die der Mediator nicht ohne Weiteres zur Verfügung stellen kann. Jedoch haben erfolgreiche Kombinationen der Mediation mit Gerichtsverfahren etwa in der Cochemer Praxis oder im Altenkirchener Modell unter Anwendung der Integrierten Mediation gezeigt, dass auch solche Konflikte mediativ und erfolgreich zu bewältigen sind.

hoch eskalierte Familienkonflikte 

Was ist eine Familienmediation?

Mit dem Begriff Familienmediation ist eine verstehensbasierte Streitvermittlung im Anwendungsbereich Familie gemeint. Damit sind die Familiensachen im Sinne des §111 FamVG angesprochen.

Als Familienmediator wird ein Mediator bezeichnet, der eine verstehensbasierte Streitvermittlung im Anwendungsbereich Familie durchzuführen vermag. Der Konsument ist gut beraten, wenn er die interdisziplinäre Leistungsfähigkeit des Mediators hinterfragt und sich erkundigt, wie er psychologische und rechtliche Fragen in Einklang bringen kann.

Zur generellen Problematik der Fachmediatoren siehe den Beitrag über Fachmediationen und den Fachmediator.

Die Mediation versucht, alle Konflikte zwischen den Familienmitgliedern oder Exmitgliedern anzusprechen und sichtbar zu machen. Je nachdem, wo der Konfliktschwerpunkt liegt, ergeben sich konfliktangepasste Vorgehensweisen.

Paarkonflikte  Trennungskonflikte Kindschaftskonflikte  Rosenkriege 

Fundstellen

Hinweise und Fußnoten

Alias: Mediation im Feld Familie
Literaturhinweise:
Prüfvermerk: ausstehend


Zu dieser Seite haben beigetragen: Arthur Trossen .
Seite zuletzt geändert: am Montag August 13, 2018 16:58:51 CEST von Arthur Trossen.
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