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Die Arbeit an und mit Fällen ist ein zentrales Thema in der Mediation.
Deshalb geben Ihnen die folgenden Kapitel Gelegenheit, sich mit der Arbeit am Fall näher zu befassen:

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Familienbetriebsübergabefall


Bananenfall

Sachverhalt

Die Mutter M hat 2 Söhne A und B. A ist mit E verheiratet und lebt im gleichen Ort wie M. M ist 75 Jahre alt, A ist 40 Jahre alt, seine Frau E ist 38 Jahre alt. Sie ist die Eigentümerin des Hauses (1) in dem sie mit ihrem Mann A zusammenlebt. M möchte und kann nicht mehr alleine wohnen. Sie bespricht das Problem mit ihrem Sohn A. Daraus war der Vorschlag entstanden, die Mutter könne in das Haus (1) einziehen. Es sei zwar nur ein Einfamilienhaus, aber wenn man es ausbaut, könne sie die 2. Etage bewohnen (2). Die Ehefrau E erklärt sich, ihrem Mann zuliebe, ebenfalls einverstanden. Auch B stimmt dem Vorschlag zu. Um den Ausbau im Haus der E zu finanzieren, gibt die Mutter M ihrem Sohn 150.000 €. Das Geld wird vollständig für den barrierefreien Zugang der ersten Etage verbraucht. Die Bauzeit beträgt ca 9 Monate. Kurz vor Weihnachten zieht die Mutter in die frisch ausgebaute Wohnung ein.

Das Weihnachtsfest war noch ok. Danach aber verschlechtert sich die Beziehung vornehmlich zwischen Mutter und Ehefrau zusehends. Die Mutter zog sich in ihre Räume zurück und ließ sich kaum noch sehen. Eines Tages rutscht sie auf einer Bananenschale (3) aus, die vor ihrer Wohnungstüre lag. M brach sich den Oberschenkelhals und musste für insgesamt 3 Monate ins Krankenhaus und in die Reha. In dieser Zeit, erinnert sie sich haben weder A noch E sie besucht.

M lernt die G kennen. Sie ist ein grüner Engel, also eine Person, die sich ehrenamtlich um kranke Menschen kümmert und sie im Krankenhaus besucht, damit diese Menschen nicht so einsam sind. M war dankbar, eine Gesprächspartnerin gefunden zu haben. Sie erzählt der G also ihre gesamte Geschichte. Die G kennt solche Fälle und weiß, dass die Kinder auf diese Weise gerne ihre Eltern los werden wollen. Die Idee, dass die Banane ein Mordanschlag war wird immer schlüssiger. Man entscheidet also dass M auf keinen Fall mehr in das Haus zurück kann. G besorgt ihr ein betreutes Wohnen in ihrer Nähe. Das ist teuer. M und G beschließen deshalb, dass M das an A gegebene Geld zurückfordert. A und E behaupten natürlich weder so viel Geld zu besitzen, noch dass sie die Rückzahlung schulden. Es kommt zur gerichtlichen Auseinandersetzung. Der Richter empfiehlt eine Mediation.

Briefing

Rolle der E

Rollenverhalten der E:

Die E hatte nur ihrem Mann zuliebe zugestimmt. Sie weiß dass es dem A wichtig ist eine gute Beziehung zur M zu haben, nachdem der Vater gestorben war.

E hat eine gute intakte Beziehung zu A. Beide sprechen aus einem Mund. Sie bestreiten irgendeine Mordabsicht und meinen, es sei die Intrige der G, dass M diese Vorwürfe erhebt. Sie bestreiten jegliche Vertragsverletzung.

Die Frage, ob die M nochmals einziehen kann, wird äußerst skeptisch beurteilt. Dann müsste die M ihr Verhalten komplett ändern.

E behauptet, sich liebevoll um M gekümmert zu haben. Allerdings habe die M wohl geglaubt sie wohne in einem Hotel, was so nicht vereinbart war.

  • Positionen: Das Geld wird auf keinen Fall zurückbezahlt. Ob die Beziehung zur M als Position oder Thema gelistet wird steht zur Disposition der Rollenspieler
  • Argumente: Keine Vertragsverletzung. Geld wurde zweckgerecht verwendet. Mordversuch wird als absurd bestritten. Keine Leistungsfähigkeit. Pferde werden in keinem Fall verkauft. Das Haus hat wegen der Barrierefreiheit auch keine Wertsteigerung erfahren. Die Wohnung ist nicht zu vermieten (weil Einliegerwohnung und barrierefrei). M wurde im Krankenhaus besucht so wie es die Zeit zuließ. A und E müssen schließlich arbeiten gehen. Die M habe ein Zusammenwohnen mit ihren ungerechtfertigten Angriffen unmöglich gemacht.
  • Interessen: Ruhe und Frieden vor der G und evtl. vor der M. Familie (Sohn leidet), Rehabilitation (Vorwurf zurücknehmen),
  • Prozessverhalten: Man sei vom Richter in die Mediation geschickt worden und sieht darin keinen Sinn. Der Anspruch der Mutter sei absurd. Die Mediation wird von Anfang an verweigert, wenn G dabei ist. E stimmt sich mit A ab (verstärkt seinen Vortrag) und unterstützt ihn. E redet aber für sich.
Rolle des A

Rollenverhalten des A:


A versteht das Verhalten der Mutter nicht. Er hatte immer eine gute Beziehung. Er kann sich das Verhalten nur durch die G ergründen. Er leidet unter dem Abbruch der Beziehung und mehr noch dass man sich vor Gericht treffen muss.

  • Positionen und Argumente: wie E
  • Interessen: wie E zusätzlich Trauer / Wut über Beziehungsabbruch
  • Prozessverhalten: wie E. Wortführer ist A. Er achtet aber auf die Ausführungen der E und unterstreicht sie.
Rolle der M

Rollenverhalten der M:


Die Mutter M hat sich der G anvertraut.

M wirkt sehr verängstigt und unsicher. Sie misstraut hauptsächlich der Schwiegertochter E und vermutet, diese habe sie beseitigen (töten) wollen, um die Wohnung für sich zu nutzen und die Wertsteigerung des Hauses (die 150.000 EUR) abzukassieren. Sie behauptet auch, die Bananenschale sei absichtlich vor ihrer Türe deponiert worden. Um den Unfall zu provozieren.

Nach dem Einzug in das Haus der E sei deutlich geworden, dass sie nichts mit M zu tun haben wolle und M ablehne. Sie habe sich nicht um M gekümmert, abends sei sie in ihre Wohnung verbannt worden und habe nicht am Familienleben ihres Sohnes teilhaben dürfen. Auch sei die E ihr nicht zur Hand gegangen, wenn es darum ging, die Wohnung der M sauber zu halten.

Die Idee, in ein betreutes Wohnen zu ziehen (also aus dem Haus der Schwiegertochter auszuziehen) ist in den Gesprächen mit der G aufgekommen, die M schützen will. Das Geld kann zurückgezahlt werden, auch wenn die Gegenseite das bestreitet. Die Schwiegertochter hat Pferde, die sei verkaufen kann. M ist auf keinen Fall einverstanden ohne die G an der Mediation teilzunehmen.

  • Positionen: Geld wird zurück gefordert. Ob die Beziehung zum Sohn oder zur E als Position oder Thema gelistet wird steht zur Disposition der Rollenspieler
  • Argumente: Mordversuch, Ablehnung der M durch E, Täuschung zur Zahlung, um eine Wertsteigerung des Hauses und eine Mietwohnung zu errichten, die aber nicht für M bestimmt sein sollte. Deshalb zweckwidrige Verwendung des Geldes bzw. ungerechtfertigte Bereicherung. A und E hätten die M nicht einmal im Krankenhaus besucht. Ein Zusammenwohnen ist unmöglich.
  • Interessen: Sicheres Wohnen, Ruhe, Betreuung, Alterskrise, Familie, Schutz vor weiteren und Heilung der Verletzung, Beziehung zum Sohn, Versöhnung, Leistbarkeit des betreuten Wohnens,
  • Prozessverhalten: Man sei vom Richter in die Mediation geschickt worden und sieht darin keinen Sinn. Von Anfang an wird darauf bestanden, dass die G anwesend ist. Sie verweigert die Teilnahme an der Mediation, wenn die G nicht anwesend ist. M fragt die G ständig nach ihrer Meinung, ehe sie eine Aussage macht und erst recht, ehe sie eine Entscheidung trifft.
Rolle der G

Rollenverhalten der G:

G ist ein Gutmensch. Sie will die Welt verbessern und sieht M als ihren Fall, wo sie das Unrecht der Menschen beweisen kann.

  • Prozessverhalten: G spielt sich auf, wie eine Anwältin. Sie will die M immer beschützen. Mischt sich ständig ein. Macht starke moralische Vorwürfe dem Sohn und der E gegenüber. Stellt das Leid der M heraus.

Prüfungsfragen

Ist dieser Fall für eine Mediation geeignet?
(Stellen Sie sich vor, dass die Parteien vom Gericht geschickt wurden und die Wut hoch ist.)
Was ist das Ziel der Mediation
(in diesem Fall), warum, wann und wie wird sie festgelegt?
Was ist der Konflikt (sind die Konflikte) dahinter?
Wie sieht eine Konfliktkarte aus und wie sieht die Konfliktanalyse aus? Wofür brauchen wir das genau?
Was ist der Hauptkonflikt?
(Der Konflikt, der gelöst werden muss, um die anderen Konflikte zu beseitigen)
Sind Ungleichgewichte zu erwarten?
Gelegentlich wo, wie erkennen, wo und wie vermeiden oder verwalten, wenn in der Mediation?
Wie würden Sie die Stunden berechnen, die die Mediation dauern wird
(die Parteien fragen gleich zu Beginn nach, um die Kosten abzuschätzen), wie werden Sie den Parteien Geldprobleme erklären?
Wann und wie soll mit dem Streit um die Teilnahme des Grünen Engels umgegangen werden?
(Es wird nicht vom Sohn und seiner Frau vereinbart, sondern von der Mutter gezwungen)
Wo sehen Sie Einflüsse des Zivil-, Familien- und Strafrechts?
Gelegentlich: Wie und wann wird mit dem Mediator umgegangen?
Ist Familie ein Problem?
Warum oder warum nicht? Wo tauchen in diesem Fall welche Familienanfragen auf?
Wird es Fakten geben, die bewertet werden müssen?
Wenn ja, wann und wie wird ein Mediator in diesem Fall die Tatsachenermittlung durchführen?


Hinweise und Fußnoten

Bitte beachten Sie die Zitier- und Lizenzbestimmungen
Bearbeitungsstand: 2019-12-18 14:08 / Version .
Siehe auch: OMA
Diskussion (Foren): Erfahrungen mit Fällen und der Fallarbeit, OMA Mediatorenausbildung. Vorschläge, Kritik, Kommentare
Geprüft: Arthur Trossen

An dieser Seite haben mitgearbeitet: Arthur Trossen .
Seite zuletzt geändert: am Mittwoch Dezember 18, 2019 14:08:32 CET von Arthur Trossen.