Lade...
 
Seiten-ID: 568 Die Erkenntnis ist der Schlüssel für die Funktionalität der Mediation 3-Abteilung »  Akademie 4-Inhalt »  Methodik »  Verstehen 8-Redaktion

Am Anfang war die Erkenntnis

Am Ende steht die Lösung. Dazwischen liegen Gedanken. Erkenntnisse machen sie möglich.


Die Mediation ist ein Prozess, der nicht nur Erkenntnisse einfordert, sondern auch ermöglicht. Wie sonst soll es möglich sein, dass Parteien, die sich ganz und gar nicht einig sind, SELBST eine einvernehmliche Lösung finden?



Die mediatiive Kognitionstheorie
Über die Erkenntnisschritte im
Kognitionsprozess der Mediation

Systemik - Der innere Zusammenhalt

Um die Funktionalität der Mediation zu beschreiben genügt es nicht, die Bausteine der Mediation zu kennen und mechanisch aneinanderzureihen. Wichtiger ist es, ihr Zusammenspiel zu verstehen und zu wissen, was ihren funktionalen Einheiten zur Wirkung verhilft.
Puzzle Zusammen
Der Mediator muss wissen, was wie zusammenpasst. Den Grund dafür mag das folgende Beispiel verdeutlichen:

Rohmaterialien: Was hilft es, wenn man weiß, dass ein Gegenstand aus etwa 15 kg Kohle, 4 kg Stickstoff, 1 kg Kalk, 1/2 kg Phosphor und Schwefel, etwa 200 g Salz, 150 g Kali und Chlor und etwa 15 anderen Materialien sowie aus 4 – 5 Eimern Wasser besteht?


Die genannten Rohmaterialien sind das, was wir erhalten, wenn wir einen Menschen in seine Bestandteile zerlegen. Seine einzelnen Bausteine können alles Mögliche ergeben. Sie allein genügen nicht zur Beschreibung, was den Menschen ausmacht. Erst ihr Zusammenspiel ergibt das, was den Menschen einen Menschen sein lässt. Mit dem Aufkommen der Kybernetik hat sich ein Bewusstsein für die notwendige Auseinandersetzung mit den Steuerungsmechanismen ergeben, die über die Auflistung und Analyse der Elemente hinausgheht.

Ähnlich verhält es sich mit der Mediation. Was hilft es, wenn der Mediator weiß, dass es Techniken, Phasen, Rollen und Prinzipien gibt, solange er nicht weiß, wie das Eine das Andere beeinflusst? Goethe hatte das Bedürfnis nach grundlegenden Erkenntnissen durch Faust zum Ausdruck gebracht. Faust wollte erkennen ....

was die Welt im Innersten zusammenhält.


Der Mediator muss sich - anders als Faust - nicht der Magie verschreiben, außer vielleicht der Magie der Mediation. Allerdings muss er die innere Logik der Mediation begreifen, also das was die Mediation im Innersten zusammenhält.

 Merke:

Erst die Kenntnis der Zusammenhänge ergibt eine Mediation 1

Die inneren Zusammenhänge der Mediation werden erkennbar, wenn die Mediation als ein Kognitionsprozess verstanden wird, der ihre gedanklichen Elemente wie Bausteine zusammenfügen kann.

Der Kognitionsprozess

Wer danach sucht, welche Zusammenhänge der Mediation das Zusammenspiel ihrer Elemente beschreibt, muss sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sich die Erkenntnisgewinnung in den Köpfen der Parteien herstellen lässt, ohne dass ihnen die Lösung vorgegeben wird. Die Antwort findet sich in der Mediation.

 Merke:

Es ist die Mediation als gedanklicher Prozess verstanden, die den zur Lösung führenden Erkenntnisgewinn der Parteien ermöglicht 1

Erkenntnislogik

Der gedankliche Prozess verfolgt eine interne Logik, die die zu treffenden Erkenntnisse in einer aufeinander aufbauenden Abfolge beschreibt. Er verwirklicht sich in der Prozesslogik, der Themenlogik, der Phasenlogik, der Konfliktlogik und der Suchlogik. Die Mediationslogik führt die unterschiedlichen Ansätze zusammen und stimmt sie aufeinander ab. Die nachfolgenden Erläuterungen sollen darstellen, wie die Mediation den Prozess der Erkenntnisgewinnung konkret unterstützt. Sie begeben sich in das Innerste der Mediation, wenn Sie die Erkenntnisschritte nachvollziehen. Sie schöpfen den gesamten Mediationsradius aus, wenn Sie die Erkenntnisschritte steuern können, auf die sich die Parteien einstellen müssen, damit sie eine Lösung finden. Die Mediation stellt den dazu erforderlichen Rahmen her.

Erkenntnisbedarf

Die Bereitschaft zur Erkenntnis setzt einen Erkenntnisbedarf voraus. Wer glaubt, alles zu wissen, wird nicht nach Weisheit suchen. Wer die Lösung kennt, wird nicht nach einer Lösung suchen. Wer nicht bereit ist, nach einer Lösung zu suchen, wird sich der Mediation nicht mental öffnen können. Die Mediation ist eine erkenntnisbasierte Suche nach der besten Lösung. Sie kommt ohne das Aufdecken der sie hindernden Erkenntnislücken und das Ermöglichen von zur Lösung führenden Erkenntnisgewinnen nicht aus. Sie unterstellt, dass die Versuche zur Konfliktbeilegung die Parteien offenbar daran hindert, eine adäquate, akzeptable und leichtgängige Lösung zu erwirken. Die Parteien hätten die Lösung andererseits sicher herbeigeführt und müssten nicht nach einer Lösung suchen. Die Ausgangserkenntnis der Mediation besteht also darin, dass die Parteien keine optimale Lösung kennen, sodass sie nach einer einvernehmlichen Lösung suchen müssen.

 Merke:

Wenn die Parteien die Lösung finden sollen, brauchen SIE (also die Parteien) neue Erkenntnisse, die ihnen dazu verhelfen 1

Die zur Bereitschaft zur Suche führende Erkenntnis genügt nicht, um eine Lösung zu finden. Sie ist lediglich eine Erkenntnis, die andere Erkenntnisse ermöglicht. Erst die Summe der Erkenntnisgewinne erlaubt das gedankliche Konstrukt, aus dem sich die Lösung herleiten lässt. Dabei wird jeder Erkenntnisgewinn durch einen genau zu spezifizierenden Erkenntnisbedarf ausgelöst.

Erkenntnisgewinn

Der Mediator muss wissen, welche Erkenntnisse benötigt werden, ohne dass er die zur Lösung führenden Erkenntnisse vorgibt. Die Mediation zeigt, wo und wie diese Erkenntnisse zu gewinnen sind, wenn der zur Lösung führende Kognitionsprozess verstanden wird. Die Mediation ist ein Prozess der Verstehensvermittlung, wo das Verstehen immer im Vordergrund steht. Mithin ist der Erkenntnisgewinn stets ein Verstehensgewinn.

Erkenntniskategorien

Damit die Parteien die zur Lösung führende Denkarbeit leisten können, muss sich die Mediation mindestens auf zwei gegebenenfalls auf drei Erkenntniskategorien einlassen. Die Notwendigkeit dafür ergibt sich aus der Metapher des Puzzlespiels, wo die Puzzlesteine als Informationseinheiten zunächst dem Puzzle Mediation, dann dem Puzzle Fall und schließlich dem Puzzle Rechtsanwendung zugeführt werden müssen.

Das Puzzlespiel 

Demzufolge betrifft eine Kategorie die verfahrensbezogenen Erkenntnisse, die andere betrifft die fallbezogenen Erkenntnisse, die dritte die rechtsbezogenen Erkenntnisse. Die Unterscheidung greift die Differenzierung zwischen der Fallebene und der Verfahrensebene bzw. zwischen dem Streitsystem und dem Mediationssystem auf. Es ist wichtig, die Ebenen stets auseinanderzuhalten.

Verfahrensbezogene Erkenntnisse
Auf das Verfahren bezogen müssen die Parteien erkennen, dass eine SUCHE nach Lösungen erforderlich ist. Sie benötigen eine Einsicht, die es ihnen erlaubt, die Mediation in ihre Konfliktstrategie einzubeziehen. Die notwendigen Erkenntnisse erfordern also ein Bewusstsein über ...
  • die Unkenntnis einer (optimalen) Lösung
  • oder die Unmöglichkeit zur Verwirklichung der vorgestellten Lösung
  • und über die Frage, wie sich (alternative) Lösungen herbeiführen lassen (Suchstrategie)
Fall- oder lösungsbezogene Erkenntnisse
Zum Anderen müssen die Parteien erkennen, wo eine Lösung für sie und die Gegenseite möglich ist, auf die man sich verständigen kann. Hierzu sind Erkenntnisse nötig über:
  • das zu lösende Problem (Mangelbeseitigung)
  • gegebenenfalls den Konflikt (Rumpelstilzcheneffekt)
  • die eigene Nutzenerwartung (Motive)
  • die Nutzenerwartung (Motive) des Gegners
  • die Sachlage (Hindernisse und Einflüsse)
  • die Möglichkeiten der Nutzenverwirklichung (Bedingungen).

Der auf die Phasen bezogene Erkenntnisbedarf wird bei den Phasen im Einzelnen geschildert.

Phasenbezogener Erkenntnisbedarf 

Erkenntnisweg

Wenn die Partei dem Gegner ein Angebot für eine einvernehmliche Lösung unterbreiten soll2 , müssen die Erkenntnisse in eine logische Folge gebracht werden. Nur so ist es möglich, dass ein Gedankenbaustein auf dem anderen aufsetzen kann. Die Logik entspricht den Phasen der Mediation. Die Parteien müssen ...

  1. die Notwendigkeit zur Suche verstehen
  2. den Widerspruch akzeptieren (kognitive Dissonanz!)
  3. den gemeinsamen Nutzen erkennen. Dabei müssen sie akzeptieren, dass sie sich dafür auf die Sichten und Vorstellungen des Gegners einzulassen haben (Windows 2). Sie müssen also wissen, worauf sich der Gegner einlassen könnte und worauf sie sich selbst einlassen können
  4. die Realisation der Nutzenerwartung erkennen
  5. erkennen, wie die gefundene Lösung zu manifestieren ist.

Der Erkenntnisweg der Mediation zeichnet sich durch folgende Besonderheiten aus:

Semantik
Indem die Mediation den Nutzen in den Vordergrund stellt, weicht die Semantik ihres Erkenntnisweges von all den Entscheidungsfindungsprozessen ab, in denen die Lösung als die finale Entscheidung in den Mittelpunkt des Denkens gestellt wird. In der Mediation steht der Nutzen im Vordergrund des Denkens. Der (aufeinander bezogene) Nutzen ist nicht die Folge der Entscheidung, sondern ihre Bedingung3 .
Komplexität
Alle Dimensionen der Falllösung können berücksichtigt werden.
Konfliktdynamik
Der Konflikt wird zum Werkzeug, nicht zum Hindernis. Normalerweise fällt es Menschen nicht schwer, sich in Andere hineinzudenken, wenn sie ihnen ein Angebot unterbreiten wollen. Sobald ein Konflikt zugrunde liegt, besteht ein innerer Widerstand, sich überhaupt auf solche Gedanken einzulassen. Die Sicht ist eingeengt und die emotionale Bereitschaft, sich auf den Gegner einzustellen, ist alles andere als vorhanden.
Denken
Die Mediation ist ein verstandesorientiertes Verfahren, das in der Lage ist, verschiedene Denkweisen miteinander zu kombinieren. Im Vordergrund steht das parallele Denken. Es unterscheidet sich vom konträren Denken im Streit. Beides findet sich in der Mediation wieder. Das parallele Denken wird ermöglicht, indem die Gedanken auf Gemeinsamem aufgesetzt und an Gemeinsamkeiten ausgerichtet werden. Die Mediation erlaubt es, ganz unterschiedliche und sogar inkompatible Denkweisen wie das konträre und das parallele, das logische und das dialektische, das digitale und das assoziative oder das vertikale und das laterale Denken in den Prozess einzubeziehen. Dabei wird die Inkompatibilität der Denkweisen aufgelöst, indem die Denkansätze sequentiell (also nicht gleichzeitig) vorgehalten werden und gegeneinander abgegrenzt werden können4 . Die grundsätzliche Ausrichtung des Denkens erfolgt dabei mit, nicht für oder gegen die Partei(en).
Systemik
Das Denken der Mediation steht außerhalb des Streitsystems. Der Grundsatz der Indetermination verhindert, dass es zum Bestandteil der parteilichen Operation wird. So stellt die Mediation eine permanente Refexion der gedanklichen Auseinandersetzung sicher.

 Merke:

Der Mediator, oder besser gesagt: die Mediation, leisten Erkenntnishilfe, indem die Gedanken wie Bausteine einer auf den anderen aufgesetzt werden. Verschiedene, selbst inkompatible Denkperspektiven werden möglich, indem sie in eine sequentielle Folge gebracht werden. 1

Die Erkenntnisse

Was muss ich wissen, um die Lösung zu finden?

Erkenntnisse basieren auf Einsichten, die sich auf das Verfahren und die Fallfragen beziehen. Entscheidungen, die auf das Verfahren oder den Fall bezogene Einsichten und Erkenntnisse erfordern sind:

  • Zustimmung zur Suche nach einer Lösung: Unbedingte Voraussetzung für die Mediation ist die Bereitschaft nach einer Lösung zu suchen. Die Erkenntnis, dass es keine adäquate Lösung gibt, indiziert diese Bereitschaft.
  • Vorstellung, dass eine (otimale) Lösung möglich ist: Um sich auf die Suche zu begeben, bedarf es der Erkenntnis (oder des Vertrauens), dass es eine Lösung gibt und dass der Streit lösbar ist.
  • Ein Angebot kann unterbreitet werden: die Partei muss verstehen, dass eine Lösung nur möglich ist, wenn die Interessen der Gegenseite einbezogen werden.

Wie unterstützt die Mediation die Erkenntnisgewinnung?
Von ausschlaggebender Bedeutung sind die über das Verfahren (das Vorgehen) und den Fall zu bildenden Metaebenen. Der Mediator ist ihre Personifizierung. Auf der Metaebene werden die zuvor getrennten gedanklichen Dimensionen auf der Verfahrens- und der Fallebene registriert und funktional zusammengeführt. Dabei ist folgendes zu beachten:

Reflexion
Es wird in Phase eins eine Metaebene etabliert, die hinsichtlich des Verfahrens und der Fallfragen eine jederzeitige neutrale Rückmeldung erlaubt, so dass Wahrnehmungen und Bewertungen korrigiert und Gemeinsamkeiten herausgestellt werden können.
Paralleles Denken
Die Zielsetzung der Mediation und die sequenzielle Abarbeitung der den Phasen zugeordneten Denkschritte und die Unterscheidung der Dimensionen führt in ein paralleles Denken hinein.
Widerspruch feststellen
Der Widerspruch wird als solcher akzeptiert, so dass sich ein Argumentieren erübrigt. Das geschieht in Phase 2. Die Gegenposition bzw. das sich daraus ergebende Dilemma wird lediglich festgestellt und zur Neutralisation in ein Thema überführt. Das zur Entweder-oder-Entscheidung verführende logische Denken endet hier (in Phase 2) zunächst. Je mehr die Parteien die Unlösbarkeit des Widerspruches erkennen, desto eher sind sie bereit, nach einer Lösung zu suchen. Die Mediation stellt so gesehen die Bereitschaft zur Mediation am Ende der Phase zwei selbst her. Der Wechsel der Denkstruktur und die Partialisierung des Denkens nimmt Streitanreize aus dem Verfahren heraus.
Imagination der heilen Welt
Üblicherweise denken die Partei im Streit und möchten die Schuld des einen oder anderen herausfinden. Die Gedanken fokusieren das, was nicht in Ordnung ist, die kapute Welt. Die Mediation verfolgt einen anderen Ansatz. Sie versucht, die Gedanken aus der kaputten Welt herauszuführen. Sie interessiert sich nicht dafür, wer die kaputte Welt zu verantworten hat, sondern wie die heile Welt herzustellen ist. Sie benutzt dafür eine Imagination, indem sie sich den erwarteten Nutzen beschreiben lässt. Die Gedanken werden in die Zukunft gerichtet. Das Denken bezieht sich auf die heile Welt.
Gemeinsamkeiten feststellen
Solange die Parteien streiten, denken sie nicht an Gemeinsamkeiten. Wenn man eine Lösung im Widerspruch sucht, wird die Lösung selbst ein Widerspruch sein. Solange die Parteien an den Widerspruch denken, ist es schwierig, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Die Mediation ändert auch deshalb in Phase drei die Denkrichtung, indem sie nicht den Widerspruch (Positionen), sondern die Motive (Nutzen) fokusiert. Auf dieser Ebene lassen sich Gemeinsamkeiten finden.
Energieumwandlung
Die gedankliche Ausrichtung und die Beschleunigung durch Reflexion bremsen die Parteien aus, sodass die Aggressionsenergie nicht gespeist werden kann. Die freiwerdende Energie wird in einem Motivationsenergie umgewandelt, die mit der aus der Mediation heraus entstehenden Hoffnung geschürt wird, dass die Lösung (das Licht am Horizont) greifbar wird.
Lösungen abtrennen
Ganz abgesehen davon, dass das Denken an (unerwünschte) Lösungen ein ablehnendes Denken provoziert, führen die Lösungen zu einer gedanklichen Selektion, die es schwer macht aus dem u.a. durch die Phasen gebildeten, gedanklichen Rahmen auszubrechen. Der Mediator wird also verhindern, dass die Parteien (zu früh) an Lösungen denken. Er wird die Lösungen in die Phase vier verschieben.
Lösungen sammeln und bewerten
In der Phase vier angelangt, werden die Lösungen aus der Gemeinsamkeit, zumindest aus dem wechselseitigen Verständnis füreinander heraus entwickelt und auf den (zuvor ermittelten) Nutzen bezogen. Die Mediation sammelt zunächst die Lösungsoptionen ohne dass sie diskutiert werden. Hier wird der Lösungsrahmen neu gestaltet. Erst in einem weiteren Schritt werden die Lösungen bewertet und zum Gegenstand der Verhandlungen gemacht.
Lösungen verifizieren
Die Lösungen werden auf Ernsthaftigkeit und Nachhaltigkeit geprüft.

Der Erkenntniskreis

Wie die Gedankenbausteine zusammengesetzt werden

Die Erkenntnisse lassen sich nicht einfach abrufen oder herbeireden, zumal der Informationsaustausch im Konflikt oft sehr emotionsgesteuert und dementsprechend irrational verläuft. Werden die Parteien an die Mechanik des Mediationsverfahrens gefesselt, besteht die Gefahr, dass Einsichten verhindert werden. Einsichten, die Erkenntnisse ermöglichen, sind vielmehr wie Brotkrummen in den verschiedenen Gedankenwelten, die in der Mediation zusammentreffen verstreut. Der Mediator muss sie als Mosaiksteine erkennen können wie ein Puzzle zusammenführen, bis sich ein Bild ergibt, mit dem beide Parteien zurecht kommen können. Das gelingt umso besser, wenn die Phasen als Logik und nicht als Mechanik verstanden werden. Allerdings ist der innere Aufbau der Mediation so konzipiert, dass sich die Logik mehr oder weniger von selbst verwirklicht. So gesehen ist es in erster Linie die Mediation, die die Lösung herstellt. Die Aufgabe des Mediators besteht darin, die Mediation als gedanklichen Prozess zu verwirklichen.

Vertrau der Mediation!  


Wer das Puzzle Mediation beherrscht wird erkennen, dass die Mediation ein geschlossenes, selbstregulierendes Erkenntnisverfahren ist, bei dem die Erkenntnisschritte einer inneren Logik folgen in der sogar die Erfolgskriterien für ihr Ergebnis herausgearbeitet werden. Der Kreis schließt sich, wenn es nicht nur gelungen ist die Kommunikation, sondern auch die Gedankenwelten der Parteien zu synchronisieren.

Die Bausteine

Bausteine eines Erkenntnispprozesses sind natürlich die Gedanken. Die Mediation achtet darauf, dass sich gleichförmige Gedanken in den Köpfen der Medianden entwickeln können5 . Weil die Gedanken von den Parteien eingebracht werden, erfolgt deren Angleichung im Wege des Gedankenaustauschs. Das Denken wird synchronisiert, indem der Mediator präzise zuhört. Das präzise Zuhören ist eine wichtige Technik, die sich dem Mediator wie ein Schweizer Taschenmesser präsentiert.

präzises Zuhören

Jeder relevante Gedanke wird erfasst, indem er zurückgemeldet wird. Dabei gilt der Grundsatz:

 Merke:

Je präziser der Gedanke und je kleinschrittiger der Gedankengang, desto größer ist die Übereinstimmung 1

Natürlich genügt es nicht, die Gedanken festzuhalten, damit sie wie Bausteine verwendet werden können. So wie die Steine beim Bau unterschiedliche Eigenschaften besitzen, sind den Gedanken ganz unterschiedliche Qualitäten zuzuschreiben, die eine dementsprechende Verwendung nahe legen.

Die Qualifizierung

Welche Eigenschaften den Gedankenbausteinen zuzuordnen sind, ergibt sich aus ihrer Dimensionierung. Sie erlaubt es nicht nur die Gedanken zu ordnen, sondern auch sie in Einheiten zusammenzufassen. Aus jeder so gebildeten Dimension lassen sich unterschiedliche Funktionalitäten herausbilden. Um diese Gewichtung zu ermöglichen, wird jede Information einer Dimension zugewiesen. Die Dimension wird zur Metainformation mit der es möglich wird, die Information zu qualifizieren. Die Dimensionierung bewirkt also eine Ordnung der Gedanken. Weil die Dimensionen in einem inneren Bezug zueinander stehen, stellt sich eine Ordnung her, die nicht nur in eine Struktur hineinführt, sondern auch eine Strukturierung ermöglicht. Jeder Baustein ist notwendig, um das Lösungsgebäude zu erstellen. Die einschlägige Technik ist das präzise Zuhören.

Dimensionierung

Die Architektur

Jedes Gebäude hat ein Fundament, einen Aufbau und ein Dach. Die Bausteine werden so verwendet, damit sie ein stabiles Gebäude ergeben. Ihre Zusammensetzung erfolgt einem Bauplan. Auch die Gedankenbausteine benötigen einen Plan, damit sie sich zu einem Gebäude zusammenfügen lassen. Auch sie müssen einem Fundament, einem Aufbau und einem Dach zugeordnet werden. In dieser Analogie findet sich das Fundament in der Verfahrensebene. Der Aufbau entspricht der Fallebene. Das Dach ist die Manifestation der gefundenen Lösung. Das architektonische Konzept des Gedankengebäudes der Mediation findet sich in der Systemik wieder.

Systemik

Die Statik

Damit ein Gebäude nicht in sich zusammenbricht, bedarf es einer Statik. In dem Gedankengebäude der Mediation finden sich die statischen Elemente in den Komponenten wieder. Die Architektur des gedanklichen Lösungsgebäudes verwendet somit Komponenten, die für die Statik des Gedankengebäudes verantwortlich sind.

Die Methodik

Als Kognitionsprozesses verstanden, beschreibt die Methodik der Mediation den Weg, wie Erkenntnisse möglich werden. Genau das ist auch die Frage, die sich der Mediator vor jeder Mediation zu stellen hat:

Was kann ich beitragen, damit die Parteien die Erkenntnisse gewinnen, aus denen sich eine gemeinsame Lösung herleiten lässt, ohne dass ich die Erkenntnisse kenne und ohne dass ich sie vorgebe?


Das Ziel ist nicht klar, weil die Mediation ergebnisoffen ist. Was aber klar ist, sind der Rahmen (Suchspiel) und die Etappenziele (Zwischenschritte). Hieran kann sich der Mediator halten. Die Etappenziele beschreiben, welche Erkenntnisse erforderlich sind. Sie ergeben sich aus der Phasenlogik. Der Rahmen findet sich gedanklich in der Notwendigkeit zur Lösungssuche wieder, die Etappenziele finden sich gedanklich in der Unterscheidung zwischen Positionen, Interessen und Lösungen wieder.
Es genügt nicht, die Phasen mechanisch abzuspulen. Sie helfen den Parteien nicht, wenn sie nicht mit den zu den Etappenzielen führenden Erkenntnissen unterlegt sind.

 Merke:

Wichtig ist, dass der Mediator sich stets vergewissert, dass die gedanklichen Schritte mit Erkenntnissen verknüpft werden 1

Daraus folgt die grundsätzliche Regel, dass der Mediator Hintergründe aufzudecken hat und die zu den Etappenzielen führenden Erkenntnisse gegebenenfalls hinterfragt und prüft.

Beispiel: Die Partei lässt sich auf die Mediation ein, denkt aber, sie könne ihre Lösung auch anders durchsetzen. Ihr fehlt die Erkenntnis, das „Spiel“ der Mediation mitzuspielen. Der Mediator wird - sobald er das bemerkt - die Ansichten hinterfragen und Erkenntnisse aufarbeiten müssen, die es der Partei erlauben, sich auf das „Spiel“ einzulassen, um es mitzuspielen.

Beispiel: Die Partei hört selbst in Phase 3 nicht auf zu argumentieren. Sie macht sich Notizen um den Gegner zu korrigieren und als falsch zu wiederlegen. In Phase drei kommt es nicht auf das Argumentieren an. Der Mediator muss prüfen, ob die Partei das Verfahren korrekt verstanden hat, ob er die Phase 2 korrekt durchgeführt hat oder ob das Streiten eine andere etwa rein konfliktbedingte Ursache hat. Wenn die Partei verstanden hat, dass sie eine Lösdung suchen muss und dass es um eine Win-Win-Lösung geht, taucht die Frage auf, warum sie nicht aufhört zu argumentieren. Evtl. fehlen Erkenntnisse warum die Suche wichtig ist. Oder es fehlt die Erkenntnis, dass in Phase zwei nur die Positionen abgefragt werden. Dass ein Argumentieren losgelöst von den Motiven ineffiznet ist usw.


Indikationen für die zu gewinnenden Erkenntnisse und deren Ausgestaltung ergeben sich aus den Konfliktdimensionen. Sie erlauben eine differenziertere Sicht und folglich einen darauf bezogenen Erkenntnisgewinn. Er trägt dazu bei, das Verfahren korrekt zu verstehen und das ganze Bild zu erfassen. Damit sich daraus ein Erkenntnisgewinn ergibt, ist es wichtig, dass der Mediator die gedankliche Taktung einhält, stets den Kontext herstellt und die Zuordnung zu Dimensionen verwirklicht. Der Mediator achtet darauf, dass ein neuer Gedanke erst zugelassen wird, nachdem der vorausgegangene
Gedanke bestätigt und gefestigt ist. Die Methodik wirkt sich auf die Gestaltung des Verfahrens und die Anwendung der Techniken wie das Zuhören oder die Fragetechnik aus und wird dort näher
beschrieben.

Die Matrix

Die Architektur des Gedankengebäudes lässt sich als Matrix beschreiben, die das Zusammenspiel der Elemente steuert. Die Matrix weist die Eckdaten nach, über die sich der interaktive Prozess der Mediation zuverlässig steuern lässt.

Verfahren Strategie 26

Das Qualitätsmanagement trägt alle Daten zusammen, die zu erheben sind, damit sich das Verfahren steuern lässt. Dabei bilden Benchmarks Prozessmarken, die spätestens dann eine Navigation erlauben, wenn sie in funktionale Einheiten6 , zusammengeführt werden.

Benchmarks-Check

Die funktionalen Einheiten erfassen die Bausteine, die in ihrer Interaktion für das Funktionieren der Mediation verantwortlich sind. Sie beschreiben die Funktion der Bausteine und stellen Verbindungen zwischen den Navigations- oder Montagepunkten her, indem sie den inneren Zusammenhang des Mediierens oder dessen beschreiben, was eine Mediation ausmacht. Die Montagepunkte, zwischen denen sich funktionale Beziehungen herstellen lassen, sind:

Navigationspunkt Verknüpfung Erkenntnis
Zielabstimmung 1.Phase Es gibt keine verwertbare Lösung. Eine Suche ist erforderlich
Rahmen 1.Phase Errichtung der Metaebene. Gedankenfreiheit (Offenheit) wird ermöglicht. Kontrollfähigkeit wird eingerichtet (Freiwilligkeit)
Streit 2.Phase Widerspruch wird akzeptiert. Parteien stellen sich der kognitiven Dissonanz, Streitbekenntnis
Themen 2.Phase Was zu regeln ist, damit der Konflikt beigelegt werden kann.
Fokus 1.Phase, 3.Phase Wird auf die Nutzenerwartung gesetzt
Dimension 1.Phase, 3.Phase, Kontinuum, Mediationsmodell Welche Dimensionen des Streitkontinuums und der Komplexität sind zu erfassen, damit eine ganzheitliche Lösung möglich wird
Reichweite Konfliktkongruenz Wie weit reicht der Konflikt?
Nutzen 3.Phase

Bedeutung für die Mediation

Die Kognitionstheorie schließt den Kreis der fragmentalen Mediationstheorien, indem sie den Zusammenhang der zu durchlaufenden Erkenntnisschritte ausweist. Die Abstraktion erlaubt einen Blick auf das Ganze (ganzheitliche Mediation) und kann sogar die Klammer unter die unterschiedlichsten Mediationsvarianten herstellen.

Hinweise und Fußnoten

Aliase: Erkenntnisprozess, Kognitionsprozess, Kognitionstheorie, Erkenntnislogik, Erkenntnistheorie,
Diskussion (Forum): Der wissenschaftlicher Diskurs ist erwünscht im Forscherforum zum Beitrag Mediation als Erkenntnisprozess
Siehe auch: Verstehen, Mediationsradius, Prozesslogik, Phasenlogik, Themenlogik, Konfliktlogik, Mediationslogik, Erkenntnislogik
Bearbeitungshinweis: Textvollendung und Programmvollendung erforderlich

3 Siehe dazu das BREXIT-Beispiel und die Auseinandersetzung mit der Nutzenmaximierung
4 Einzelheiten dazu siehe Denken
6 auch Funktionseinheiten oder functional Units genannt