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Seiten-ID: 661 Emotionen, der Wegweiser durchs Leben 3-Abteilung »  Bücher (Wiki) 4-Inhalt »  (06) Konflikt »  Emotionen

Die Emotionen

Wenn der Konflikt zu einem Zerwürfnis1 führt, wird die emotionale Komponente unübersehbar deutlich. Nur wegen der Emotionen ist es zu erklären, dass die Beziehung der Parteien zueinander wegen eines - von außen betrachtet manchmal harmlos wirkenden Streites - zerrütten kann. Wenn die Mediation Konflikte beilegen soll, spielen Emotionen also eine wichtige Rolle.




Emotionen verstehen,
weil Emotionen verstehen helfen

Es gibt Emotionen, die fühlen sich gut an. Die will man haben und andere, die fühlen sich schlecht an. Meistens führen sie zu einer Verletzung (sie tun weh). Die schlechten Gefühle braucht man nicht - oder doch? Emotionen bestimmen unser Handeln und Denken, so wie unser Handeln und Denken die Emotionen beeinflusst. Nicht immer fühlen sich Verstand und Emotionen gleichberechtigt. Je stärker die Emotionen sind, umso schwächer wird der Verstand.

Emotion <> Verstand  


Wenn das Bewusstsein nur einen Bruchteil der Wirklichkeit verarbeiten kann2 , ist der Mensch auf Emotionen dringend angewiesen. Sie sollen ihm helfen, den richtigen Weg durchs Leben zu finden. Sie sind ein Wegweiser. Allerdings: Emotionen können sich irren. Warum, wann und wie soll dieser Beitrag erläutern.

Wer hat hier wen im Griff?

Manche Menschen fühlen sich ihren Emotionen oder denen anderer ausgeliefert. In der Mediation bekommt man das zu spüren. Was will man tun?

Einfach "Stop it" sagen oder gar sich sagen lassen, reicht sicher nicht. Es ist nämlich gar nicht so einfach, Gefühle loszuwerden. Machmal ist es erforderlich, sich von schlechten Gefühlen zu befreien, wenn sie im Wege stehen und davon abhalten, sich den Dingen zuzuwenden, die Freude bereiten. In der Mediation spielen Emotionen eine ganz wichtige Rolle. Es gibt ganz unterschiedliche Ansätze, damit umzugehen. Der erste Schritt besteht darin, die Emotionen zu akzeptieren, um ihre Botschaft korrekt zu verstehen. Emotionen wollen etwas sagen, etwas vielleicht, das man nicht in Worte fassen kann.

Emotionen verstehen

Wenn wir wissen wollen, WAS uns die Emotionen sagen, müssen wir zunächst verstehen wofür wir Emotionen brauchen.

Laut der auf den Zustand abstellenden Definition in Wikipedia bezeichnet die Emotion eine Gemütsbewegung im Sinne eines Affektes. Sie ist ein psychophysiologisches, auch psychisches Phänomen, das durch die bewusste oder unbewusste Wahrnehmung eines Ereignisses oder einer Situation ausgelöst wird 3 . Eine umfassendere, auf den Zweck abstellende Beschreibung liefert Stangl. Danach sind Emotionen komplexe, in weiten Teilen genetisch präformierte Verhaltensmuster, die sich im Laufe der Evolution herausgebildet haben, um bestimmte Anpassungsprobleme zu lösen und dem Individuum ein schnelles und der Situation adäquates Handeln zu ermöglichen4 .

Abgrenzungen

  • Das Gefühl wird als eine psychologische Grundfunktion beschrieben
  • Die Emotionen verstehen sich als ein psychologisches Phänomen. Sie sind als Affekt vom Gefühl zu unterscheiden.
  • Die Intuitionen erleben wir als eine Eingebung
  • Das Fühlen (z.B. etwas Ertasten) ist eine sinnliche Wahrnehmung (zB haptische Wahrnehmung = aktive Berührung vs. taktile Wahrnehmung = passive Berührung)
  • Die Empfindung ist im neurophysiologischen und -psychologischen Verständnis eine durch Reizeinwirkung hervorgerufene Wahrnehmung.
  • Die Stimmung beschreibt den eher athmosphärischen seelischen Zustand eines Menschen. Sie wird auch als Laune wahrgenommen.

Gemeinsam haben die Begriffe alle, dass der Bewusstseinszugang stets über ein Erfühlen oder Erleben erfolgt.

Bedeutung

Um die Bedeutung der Emotionen zu verstehen, müssen wir zunächst akzeptieren, dass unser rationales Bewusstsein nicht in der Lage ist, die Komplexität des Lebens und situativer Entscheidungen zu begreifen. Deshalb besitzt der Mensch neben dem Verstand noch andere Intelligenzzentren. Emotionen sind ein natürliches Überlebenskonzept. Sie werden im limbischen System gesteuert und sind oft schneller als der Verstand, der erst nach den körperlichen Reaktionen in der Lage ist, das Gefühl zu identifizieren. Weil der Mensch kleine Sinnesorgane hat, mit denen er sein Inneres wahrnehmen kann, wird der Körper zum emotionalen Seismographen.

Wenn man davon ausgeht, dass das Bewusstsein nur wenige Prozent der Umweltrealität erfassen kann, sind die Gefühle eine wichtige, oft nur unbewusst wahrgenommene Entscheidungsinstanz5 . Sie stehen in einer Wechselwirkung zum Verstand. Der Verstand kann Gefühle verifizieren und auf ihre Richtigkeit kontrollieren. Er kann Gefühle hervorrufen aber keine erzeugen. Wahrnehmung, Kommunikation und Entscheidungen erfolgen in allen drei Intelligenzzentren des Menschen. Manche Menschen verstehen sich besser auf die rationale Intelligenz, andere auf die emotionale und wieder andere vertrauen auf das Bauchgefühl.

 Merke:

Von einem Mediator wird erwartet, dass er mit allen Intelligenzzentren kommunizieren kann 6

Wie sonst sollte er die Kommunikation seines Gegenübers verstehen, wenn sie sich aus verbalen und emotionsgesteuerten non-verbalen Elementen zusammensetzt, um nur einige zu nennen. Ergänzende Ausführungen finden Sie in den Kapiteln Wahrnehmung und Bewusstsein.

Wahrnehmung  Bewusstsein 

Aufzählung

Gefühle sind somit ein wichtiger Bestandteil des Verstehensprozesses. Also sollte man wissen, welche Gefühle es gibt und was sie bedeuten. Leider gibt es keine eindeutige wissenschaftliche Klassifizierung7 . Es ist noch darzulegen, warum eine eindeutige Klassifizierung in der Mediation auch nicht notwendig ist. Trotzdem soll - schon um das Spektrum der Emotionalität zu beschreiben, ein Versuch der Einteilung unternommen werden. Sinnvoll erscheint zunächst die Unterscheidung zwischen angeborenen Primärgefühlen und die im Laufe des Lebens durch Sozialisation erworbenen Sekundärgefühle. Robert Plutchik8 spricht von Basisgefühlen, zu denn er Angst, Ekel, Freude, Liebe, Trauer, Neugier und Wut rechnet. Man mag darüber diskutieren, ob Neugier ein Gefühl ist. Die anderen Gefühle sind aber als genetisch erworben anerkannt.

Rad der Emotionen

Die ringförmige Darstellung in Plutchiks Rad der Emotionen (Emotionsrad)9 erlaubt es, die Intensität einerseits und die emotionale Nähe andererseits festzulegen. Gefühle, die sich ähnlich sind, stehen nah beeinander, so dass die unähnlichen Gefühle sich gegenüberstehen. Die dahinter liegende und in der Mediation zu verwertende Botschaft ergibt sich aus dem Kontrast. Der Kontrast zum negativen Gefühl zeigt das positive Gefühl, das es herzustellen gilt.

Aufkommen

Gefühle entstehen aus einem Anlass heraus. Sie verbinden die Außenwelt mit der Innenwelt. Es ist ein komplexer Prozess, bei dem die eigenen Wirklichkeitskonstrukte, die Wahrnehmung, die Prägung, das Wertesystem, die Stimmung, die Befindlichkeit, die Hormone, usw. eine entscheidende Rolle spielen. Egal was die Gefühle auslöst, sie finden immer im jeweiligen Menschen selbst statt. Es ist also fatal, Andere dafür verantwortlich zu machen. Sie können für den Anlass verantwortlich sein, nicht jedoch für das dadurch ausgelöste Gefühl.

Gefühle entstehen im Menschen selbst. Sie brauchen keine Rechtfertigung und können auch nicht hinweg argumentiert werden. Sie müssen verstanden werden. Um sie zu verstehen, müssen sie akzeptiert werden. Erst dann wird eine Verarbeitung möglich.

Erkennbarkeit

Wenn Gefühle so viel über einen Menschen sagen, sollten Sie wissen, woran Sie die Gefühle der Menschen erkennen können. Fangen Sie doch mit Ihren eigenen Gefühlen an. Woher wissen Sie, was Sie fühlen? Können Sie die Frage (Klick auf das Icon rechts) beantworten?


Vielen Menschen fällt es schwer, diese Frage zu beantworten. "Gefühle hat man", "Das hat mir die Erfahrung", "Die spürt man eben", sind klassische Antworten. Ja, man spürt sie, zumindest bei sich selbst. Es sind körperliche Reaktionen, die sich im Blutdruck, im Pulsschlag usw. bemerkbar machen. Das Gehirn erfasst die Reaktionen und interpretiert das Gefühl. So erkennen wir die eigenen Gefühle.

Woran erkennen wir aber die Gefühle der Mitmenschen? Auch bei den Mitmenschen sind es die körperlichgen Reaktionen, die Rückschlüsse auf die Gefühle zulassen. Das Gesicht des Anderen ist die ideale Landkarte dafür. Ärger, Trauer, Freude, Verachtung, Überraschung, Ekel und Angst - das sind die 7 Basisemotionen der Menschen, die übrigens alle Menschen, gleich welcher Nation und Herkunft, gemeinsam haben. Im folgenden Video werden sie als Mikroexpression - also nur ganz kurz - sichtbar10 .

Die Mimik verrät das Gefühl. Ja natürlich, Sie haben die Mimik im Griff, denn auch die Gesichtsmuskeln lassen sich steuern. Lächeln Sie doch mal :). Dr. Paul Ekman11 hat sich (unter anderem) mit der Gesichtslandkarte auseinandergesetzt. Er hat festgestellt, dass die Gesichtsmuskeln den Bruchteil einer Sekunde lang - völlig unkontrollierbar - die Gefühle eines jeden Menschen verraten. Der Grund liegt darin, dass die Gesichtsmusukatur unmittelbar mit dem limbischen System verbunden ist. Das limibsche System ist in unserem Gehirn für die Verabeitung der Gefühle zuständig. Sogenannte Microexpessions (die Mikromimik) verraten sie in flüchtigen Momenten, die nur ein geübter Beobachter wahrnehmen kann. Aber Vorsicht:

 Merke:

Der flüchtige Hinweis ergibt einen Ausdruck des Gefühls. Warum das Gefühl in dem Gegenüber jedoch aufkommt, erklärt der Gesichtsausdruck nicht 6

Das Gesicht ist natürlich nicht das einzige Körperteil, das Gefühle ausdrückt. Der ganze Körper steht zur Verfügung. Das ist ein weiterer Grund, warum die Körpersprache so wichtig und ausdrucksvoll ist.

Emotionale Intelligenz

Der Mensch hat - wenn man so will - eine rationale, eine sinnliche und eine emotionale Wahrnehmung. Die emotionale Wahrnehmung ist eine körperliche. Die sinnliche Wahrnehmung (Sie sehen einen Tiger) löst eine spezifische, physiologische Reaktion aus (schneller Herzschlag), der erst im nächsten Schritt als Emotion wahrgenommen wird. Dieser Vorgang wird vom limbischen System geteuert. Noch bevor wir uns bewusst dafür entscheiden können, eine bestimmte Emotion zu erleben, hat unser Körper schon lange reagiert.

Emotionen in der Mediation

Emotionen sind Teil der Kommunikation. Sie drücken die Befindlichkeit eines Menschen aus. Sie geben der Sachinformationen eine Bedeutung. Schließlich geben Sie die Richtung vor, in der die Lösung zu suchen ist.

Bei einem schlechten Gefühl findet sich die Lösung in ihrem Kontrast, wenn davon auszugehen ist, dass der Mensch ein gutes Gefühl haben möchte. Der Mediator muss also das schlechte Gefühl erkennen, um der Partei zu helfen, das gute Gefühl zu finden.

Kontrast zum Gefühl: Angst ist das erlebte Gefühl. Angst will man nicht haben. Der Kontrast ist Sicherheit. Um die Angst zu überwinden, muss Sicherheit angestrebt werden. Sicherheit ist, was die Partei für sich herstellen muss. Der Mediator kann die Partei fragen, was sie braucht, um sich sicher zu fühlen.


Aber Vosricht: Das gute Gefühl ist nicht die Lösung, es ist ein Gefühl! Erst wenn das gute (gwünschte) Gefühl identifiziert ist, überlegt man sich den Weg dorthin (Lösung). Der Weg ist nicht, wie man das schlechte Gefühl wegbekommt12 , sondern wie man das gute Gefühl herstellen kann.

Grundsätzlich lässt sich die Mediation auf Gefühle ein. Die Art und Weise wie sie bzw. der Mediator damit umgehen, unterscheidet sich jedoch. Eine Möglichkeit ist es, die Gefühle zu identifizieren und zu akzeptieren, um dann zu sagen, dass Gefühle woanders als in der Mediation zu bereinigen seien, sodass man sich hier auf die Sachfragen konzentrieren kann. Eine solche Vorgehensweise würde zur facilitativen Mediation oder zur evaluativen Mediation passen. Eine transformative Mediation hingegen würde erwarten, dass der Mediator mit den Gefühlen umzugehen weiß. Immerhin geht es bei der Transformation auch darum, die Gefühle zu verändern.

Was tun wenn ...?

Hinweise und Fußnoten

Bitte beachten Sie die Zitier- und Lizenzbestimmungen
Bearbeitungsstand: 2018-10-29 20:53 / Version 65.
Alias: Gefühle, Mikromimik
Prüfvermerk: Administrator

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1 Siehe die Definition in Konflikt, bei dem das mögliche Zerwürfnis (die Zerrüttung) ein Wesensmerkmal ist.
2 Siehe Wahrheit
5 Siehe Wahrnehmung
6 Merke betrifft einen Lehrsatz von: Allgemein, in-Mediation
9 Grafik aus https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3APlutchik-wheel_de.svg, By Machine Elf 1735, Metoaster (Own work; File:Plutchik-wheel.svg) Public domain, via Wikimedia Commons
12 Damit würde ja das schlechte Gefühl wieder in den Fokus kommen und man würde daran festhalten.

© Wiki to Yes: Arthur Trossen "Emotionen" (2018) unter Wiki-to-Yes.org/Emotionen